Im Rahmen des zweiten Internationalen Musikfestes boten die Philharmoniker Hamburg unter ihrem Dirigenten Kent Nagano mit eher selten gegebenen Werke zweier musikalischer Größen ihrer Zeit ein groß besetztes, spannendes Programm.

Kent Nagano © Felix Broede
Kent Nagano
© Felix Broede

Leise spielte die Flöte den Einstieg in Dmitrij Schostakowitschs Fünfzehnte Symphonie und brachte das Orchester auf einen guten Weg zu den interessanten dynamischen Steigerungen im ersten Satz. Hier zeigten die Musiker immer wieder viel Gefühl für guten Aufbau; die Referenzen zu Wilhelm Tell wurden locker und fast beiläufig eingebracht. Nagano wirkte unterdessen sehr geschäftig und es schien als würde er jeden einzelnen Einsatz anweisen. Dadurch konnte allerdings die Stimmvielfalt erzählend genutzt und somit gut umgesetzt werden. Es gab jedoch einige Melodiebögen, die auffällig verhalten dargeboten wurde und somit verblassten. Die Schlagwerker hingegen fielen beständig durch ihr hochkonzentriertes Spiel auf, mit dem sie sich gut ins Orchester und in das Werk einfügen konnten.

Der langsame Satz dieser letzten Symphonie des Komponisten ist kein typischer langsamer Satz im Sinne einer ruhigen, träumerischen Atmosphäre. Er besticht durch Düsternis und Schwere, ohne jedoch Entwicklungen zu Höhepunkten vermissen zu lassen. Das Orchester legte hier viel Wert auf genaue und durchdachte Klangformungen; Streicher und Bläser spielten die Bögen präzise und mit hoher Konzentration aus und gerade die Bläser boten hier einen satten, runden Klang. Die Steigerung zum eindrucksvollen Höhepunkt dieses Satzes gestalteten Musiker und Dirigent sehr engagiert. Die Instrumentengruppen begannen hier gut aufeinander abgestimmt und spielten im Verlauf des Crescendos immer mehr gegeneinander an, um Spannung aufzubauen und schließlich in kraftvollem Forte den charakteristischen Punkt zu markieren. Dies fingen dann im Decrescendo danach vor allem die Bässe mit ihrem kontrollierten, zurückhaltenden aber dennoch viel Fundament gebendem Spiel wieder ab.

Der kurze dritte Satz gab wieder den immer geschmackvoll agierenden Perkussionisten Möglichkeiten, sich gekonnt zu präsentieren, und die Streicher spielten entspannt in breit verteilten Tönen. Der wichtige Schlusssatz begann dann mit vielen trickreich und schön erzählten kleinen Streichermelodien. Im weiteren Verlauf wurden jedoch einige davon zu wenig betont und gerade die für den Stimmungsbogen wichtigen Sekundwanderungen kamen nicht deutlich genug zum Vorschein. Dann wurde Kent Nagano wieder viel präsenter und trieb sein Orchester regelrecht auf den Höhepunkt des Satzes zu. Er forderte mehr und mehr Stimmgewalt von den einzelnen Instrumentengruppen ein, die die Musiker gerne gaben. Beim Thema angekommen bäumte sich der Dirigent auf; die Musiker gingen flexibel mit und gaben ihrem Spiel ein Höchstmaß an Energie – als Hörer verharrte man in angespannter Ergriffenheit ob dieses eindrucksvollen Moments.

Auch der Schluss der Symphonie gelang eindrucksvoll mit maßvoll gestaltetem Grundton der Streicher und darüber leicht und unabhängig gespieltem Schlagwerk. Nagano ließ die Symphonie sehr lange in die Stille gleitend ausklingen, sodass der Applaus spät einsetzte und auch verhalten blieb – vielleicht, weil man dieses eindrucksvolle Werk durch etwas konsequenteres Spiel noch besser zum Zuhörer hätte transportieren können.

Das zweiten Stück des Abends, die Fantasie in c-Moll von Ludwig van Beethoven, erfuhr unter den Händen von Rudolf Buchbinder einen sehr schnellen Anfang. Vielleicht wollte er damit einem aktuellen Beethoven-Bild gerecht werden, blieb im Verlauf jedoch nicht immer konsequent bei diesem Ansatz, spielte bei einem Großteil der Melodien wichtige Phrasierungen nicht aus und ließ sie so leichtfertig verpuffen. Das Orchester kam dem forschen Tempo des Klaviers erstaunlich agil hinterher und nahm, wenn das Klavier pausierte, wieder Tempo heraus.

Rudolf Buchbinder © Marco Borggreve
Rudolf Buchbinder
© Marco Borggreve
Im Mittelteil spielte Buchbinder die schnellen Einwürfe des Klaviers zum Orchester mit Aufmerksamkeit und Agilität. Er wirkte mehr und mehr dem Dirigenten und dem Orchester zugewandt, was sich aber nicht in seinem Spiel zeigte, denn er blieb beharrlich bei seinen eigenen Tempi, die im Kontrast zum Fluss des Orchesters standen. Der einsetzende Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor zeigte sehr gut zum Stück und zum Orchester passende Timbres, nicht übertrieben oder gar zu kehlig. Die Sänger arbeiteten dynamisch nuanciert, sodass sie am Ende für die Schlussoffensive genügend Kraft hatten, dabei aber auch an leisen Stellen immer hörbar blieben. Mit einem etwas verhalten gespielten Schlussakkord endete dann ein Konzertabend mit toller Programmauswahl, der jedoch auch seine Schattenseiten hatte.