Mit gewaltigem Instrumentarium wartete das Philharmonische Staatsorchester zuletzt in Hamburg auf: Eine reich besetzte Schlagwerkgruppe, dazu Klavier und Harfe und ein auch ansonsten großer Orchesterapparat waren zu Beginn des neunten Philharmonischen Konzerts auf der Bühne zu entdecken. Dieser immense Aufbau war insbesondere für die in der Mitte des Konzerts stehende Komposition von Toshio Hosokawa von Nöten, das von zwei ebenfalls groß besetzten Werken eingerahmt wurde.

Mozarts G-Dur-Symphonie KV 318 gab den Einstig in den Konzertabend. Im Alter von 21 Jahren hatte das Salzburger Wunderkind dieses kleine, nicht einmal zehnminütige Werk komponiert. Es erinnert in seiner Faktur eher an eine Ouvertüre denn an eine mehrsätzige Symphonie und diese eröffnende Funktion hatte man sich für diesen Konzertabend zunutze gemacht. Neben der Kürze ist die verhältnismäßig große Besetzung bemerkenswert, die beispielsweise gleich vier Hörner erfordert. Dem Hamburger Orchester gelang dieses spritzige Stück denn auch sehr wuchtig. Zagroseks Interpretation erinnerte in seiner Gesamtheit eher an eine Karajansche Lesart und hatte weniger ein vom historisch-informierten Geist durchzogenes Gewand. Dennoch zeigten sich die Holzbläser mit wacher Präsenz und zelebrierten frisch die zahllosen Verzierungen im anfänglichen Allegro spirituoso. Das lyrische Andante geriet vielleicht etwas zu süßlich, gab den Streichern aber Gelegenheit, mit warmem Ausdruck zu überzeugen.

Mit ihrer fröhlichen Grundstimmung stand die Symphonie in eklatantem Gegensatz zur zentralen Komposition des Abends, dem mit dem Titel Klage überschriebenen Werk des japanischen Komponisten Toshio Hosokawa. Es erlebte erst 2013 bei den Salzburger Festspielen seine Uraufführung und wurde unter dem Eindruck der Erdbeben- bzw. Tsunami-Katastrophe und der daraus resultierenden Kernschmelze im Atomkraftwerk von Fukushima verfasst. Hosokawa wählte für sein Werk die Besetzung eines großen Orchesters und einer Sopranstimme. Zwei Jahre nach der Uraufführung überarbeitete der Komponist sein Werk und legte eine neue Fassung vor, diesmal für Mezzosopran.

Mihoko Fujimura © R&G Photography
Mihoko Fujimura
© R&G Photography
Diese neue Fassung widmete er der ebenfalls aus Japan stammenden Mezzosopranistin Mihoko Fujimura, die in der laufenden Spielzeit ebenfalls häufiger in Vorstellungen der Hamburgischen Staatsoper gastiert den Vortragspart zweier Texte von Georg Trakl übernahm: Mal deklamierte Fujimura sprechend den Text, mal schrie sie ihre Töne regelrecht in den Großen Saal der Laeiszhalle hinaus, erklomm mit ihrem warmen Mezzosopran ungeahnte Tonhöhen und verlieh in Hosokawas Partitur dem menschlichen Entsetzen im Angesicht einer Katastrophe wie jener 2011 in Japan Ausdruck. Wie so oft in seinem Werk formt Hosokawa auch in Klage musikalisch Klänge und Geräusche der Natur nach, scheint angelehnt an den Tsunami eine rauschende Wellenbewegung abzubilden.

Bereits unter den vorherigen Chefdirigenten des Orchesters – zuletzt Simone Young und zuvor Ingo Metzmacher – war bei den Philharmonikern eine klare Hinwendung zu zeitgenössischen Kompositionen allgegenwärtig. Auch Lothar Zagrosek hat sich gerade mit der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts einen Namen gemacht und diese langjährige Erfahrung auf beiden Seiten zeigte sich im Orchestervortrag: Zagrosek dirigierte mit klarem Schlag und großem Bewusstsein für die einzelnen Einsätze. Das Orchester spielte überwiegend präzise; nur an wenigen Stellen, etwa beim allerersten Streichereinsatz, schien die Genauigkeit ein wenig zu fehlen und die Einsätze erklangen minimal versetzt. Trotz sonst genauem Spiel und leidenschaftlichem Ausdruck von Mihoko Fujimura wollte es jedoch leider nicht gänzlich gelingen, die dem Werk eigene Spannung auf das Publikum zu übertragen.

Mit Mahlers Symphonie Nr. 1 stand schließlich ein Werk am Ende das Konzerts, das eine recht enge Verknüpfung mit Hamburg aufweist. Das in Budapest in viersätziger Version uraufgeführte Erstlingswerk Mahlers existiert ebenfalls in einer sogenannten „Hamburger Fassung“ mit einem zusätzlichen Satz, mit einem herrlichen Trompetensolo ausgestattet, doch man entschied sich am vergangenen Montag für die Fassung mit vier Sätzen. Zagrosek wählte häufig eher zur Langsamkeit tendierende Tempi, sodass in den langsamen Passagen die Zeit nahezu stillzustehen schien; andernorts konnte er das Orchester zu einem soliden Vortrag animieren. Mit zupackender Freude musizierte es insbesondere das mit großem Bläserchoral ausgestattete Finale oder den zweiten, derb ausgestalteten Scherzo-Satz. In der Summe erlebte das Publikum einen unterhaltsamen Abend, der allerdings an einigen wenigen Stellen etwas mehr Tiefgang hätte vertragen können.

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