In Frankfurt wurde eine gegensätzlich angelegte Doppelaufführung als letzte Premiere dieser Spielzeit gezeigt. Dabei folgte auf Arnold Schönbergs Pierrot Lunaire, inszeniert von Dorothea Kirschbaum, eine Uraufführung als Auftragswerk der Oper Frankfurt, komponiert von Michael LangemannAnna Toll oder die Liebe der Treue zeigte eine starke Rezeption von den großen musikalischen Vorbildern der Spätromantik, während das mehr als hundert Jahre ältere Werk Schönbergs viel mehr einen Geist der Erweiterung der musikalischen Ausdrucksmittel beweisen konnte.

<i>Pierrot Lunaire</i>: Laura Aikin (Pierrot) und David Laera (Junger Mann) © Monika Rittershaus | Oper Frankfurt
Pierrot Lunaire: Laura Aikin (Pierrot) und David Laera (Junger Mann)
© Monika Rittershaus | Oper Frankfurt
Schon vor Stückbeginn des ersten Werks hörte man Laura Aikin, die Stimme des Pierrot Lunaire verkörpernd, verschleiert in einem silberglänzenden Frack singen. In einer losen Bar-Atmosphäre wurden die Evergreens des Jazz gegeben, die, zusammen mit einem reizenden Piano-Spieler (Simone Di Felice), eine zauberhafte Stimmung erzeugten. Aikin bewegte sich sicher durch die Lieder und konnte dann die hellen, klaren Töne mit ihrer melodiös gestalteten Sprechpartie des Pierrot Lunaire konterkarieren. Hin- und hergetrieben zwischen hohen und tiefen, vibrierenden und flachen Ausformulierungen verlieh sie als Rezitatorin ihrer Rolle ein markantes und differenziertes Stimmbild, bei dem vor allem die extreme Klarheit ihrer gesprochenen Töne beeindruckte. Auch die fünf Bühnenmusiker unter der Leitung von Nikolai Petersen trugen mit präzisem Spiel zum musikalischen Gesamtbild der Vorstellung bei.

Für die besondere Anforderungen an eine szenische Darstellung (das Stück wurde nur für eine rezitativische Aufführung geschrieben) wurden anfangs schöne Lösungen gefunden. Die Sprechsituation, die von dem Text – den Gedichten Albert Girauds – herrührt, wurde von einem selten von sich sprechenden lyrischen Ich szenisch auf die Figur des Dichters (David Laera) und des Pierrot aufgeteilt. Leider ergaben sich im Spiel jedoch nur wenige Bilder, die der Bild- und Symbolgewalt des Textes gerecht wurden: Die leuchtend weiße Ausstattung und das glitzernde Kostüm funkelten teilweise ungünstig der düsteren Mondstimmung auf glamouröse Weise entgegen. Dem jazzigen Charme, der das Publikum einen galanten Abend vermuten ließ, wurde eine Avantgarde-Musik entgegenstellt, sodass die gewollte Differenz einen geplanten Schock vermuten lässt. Gerne hätte man dabei auch die Wasserwellen-Optik zugunsten einer waghalsigeren Ausstattung aufgeben können, denn trotz der Einzigartigkeit des Werkes blieben wenige klassische Pierrot-Momente optisch erfahrbar.

Diesem kurzen Werk folgte dann die Uraufführung von Anna Toll oder die Liebe der Treue. Aus welchem Grund diese beiden Werke an einem Abend gegeben wurden, war nicht offensichtlich. Während der schräge Sprechgesang des vorherigen Stückes tatsächlich, und nicht nur zur Zeit seiner Entstehung, als etwas Neues verstanden werden konnte, so ergab sich diese Erfahrung bei Anna Toll nicht. Man fühlte sich an Wagner, Brahms und Richard Strauss erinnert; allerdings gab es kaum Momente, in denen diese musikalischen Vorbilder gebrochen, kommentiert oder ironisiert wurden. Dass sich der Kompositionsauftrag von einer Oper zur Operette entwickelte, wurde dabei verständlich.

<i>Anna Toll</i>: Ensemble © Monika Rittershaus | Oper Frankfurt
Anna Toll: Ensemble
© Monika Rittershaus | Oper Frankfurt

Dafür sorgten die szenische Einfälle für eine willkommene Abwechslung. Bettgeschichten, Hypnose, die krampfhafte Suche nach Treue: All das wurde vom Regisseur Hans Walter Richter in kleinen Szenen hervorragend auf die Bühne übersetzt. Handlung und Text fußen hauptsächlich auf Arthur Schnitzlers Anna Toll. Die drei Freundinnen Anna Toll, Maxi und Ilona müssen sich die Frage nach der Treue stellen. Sie verstehen sich als moderne Frauen, denen es selbstverständlich scheint, dass sie neben ihren Männern auch Liebhaber beglücken dürfen. Dadurch gleiten sie in verschiedene Konflikte, da Liebhaber und Freunde nicht immer unterschiedliche Personen sind. So spinnt sich ein Netz aus Intrigen, in dem sich die Charaktere der Frauen offenbaren, wobei sie sich gegenseitig auch manche Seite verschweigen.

Anna Toll, gesungen von Elizabeth Reiter, stand dabei im Mittelpunkt und konnte zusammen mit Nora Friedrichs Maxi in vielen Szenen beeindrucken. Nina Tarandek fügte sich dabei ebenso gut in das Ensemble der drei liebestollen, leicht verrückten Mädels. Reiter brillierte mit einer klaren, hellen, mädchenhaften Stimme, die sie als einzige auch ins Ironische gleiten ließ. Dabei verlieh sie ihrem Klang ein fast kindhaftes, rauschhaftes Element, das sich gut in die Charakterdarstellung einbinden ließ. Nora Friedrichs traf auch zu Beginn des Stückes sicher ihre Spitzentöne und blieb dabei wie Tarandek ebenfalls authentisch und überzeugend.

<i>Anna Toll</i>: Ludwig Mittelhammer (Carlo) und Elizabeth Reiter (Anna Toll) © Monika Rittershaus | Oper Frankfurt
Anna Toll: Ludwig Mittelhammer (Carlo) und Elizabeth Reiter (Anna Toll)
© Monika Rittershaus | Oper Frankfurt
Die den Frauen gegenüber gesetzten Herrenpartien übernahmen Magnùs Baldvinsson (Baron Diebl), Ludwig Mittelhammer (Carlo) und Simon Bode (Gabriel). Bode sang eine sichere Partie, die sich am Ende mehr in Sprechsituationen äußert. Seine helle und ebenfalls klare Stimme, ähnlich wie die der weiblichen Partien, hätte man gerne auch am Ende des Stückes etwas öfter gehört. Ludwig Mittelhammer, Mitglied des Opernastudios, schien hingegen in manchen Szenen ein bisschen verloren.

Wie zuvor bestach das Orchester auch hier unter der Leitung des jungen Solorepetitors Nikolai Petersen durch exaktes Spiel. Die musikalische Eindrücklichkeit der beiden Werke wurde durch die Interpretation des Orchesters am meisten greifbar. Die Sängerinnen und Sänger fügten sich diesem Spiel gut ein, wurden aber nicht dem Orchester vorangestellt. Die einzige Person, der dies gelang, war der kommentierende Schauspieler Dominik Betz (in der Rolle des Arthur) durch seine Mikrophon-Einbindung.

Durch Aktualität und Erneuerung wurde Pierrot Lunaire zu einem Schlüsselwerk der Moderne. Die erfreuliche Interpretation des selten gespielten Werkes zeigt für Liebhaber eine interessante musikalische Interpretation. Wer sich danach noch auf die ausschweifenden Melodien von Anna Toll einlassen will, der muss flexibel auf seinem Opernstuhl sitzen können. Oder die operettenhafte Leichtigkeit von Anna Toll der modernen Schwere von Pierrot Lunaire vorziehen.