Eine Saisoneröffnung erwarte ich natürlich immer mit Vorfreude. Erst recht bei einem so ausgesuchten Programm, wie für diesen Abend im großen Saal der Laeiszhalle. Das Orchester der Lucerne Festival Academy spielte unter Matthias Pintscher neue Musik, mit San Francisco Polyphony von György Ligeti, Hij 1 von Mark André und L’oiseau de feu von Igor Strawinsky.

Matthias Pintscher © Felix Broede
Matthias Pintscher
© Felix Broede
 Als wir den Saal betraten, wartete das Orchester bereits auf der Bühne; dann konnte es schließlich mit San Francisco Polyphony losgehen. Das Stück begann zwar nicht verhalten, aber zeigte sich im frühen Anfang entwicklungsarm. Dadurch war es nicht einfach, als Hörer hineinzufinden. Als dieses Kontinuum von eher zufälligen Bewegungen am Ende des Anfangsteils erstarb, ließ das Orchester die Musik fast los; Pintscher ließ die Arme hängen. Ein verblüffender Moment gleich zu Beginn. Umso spannungsvoller wirkte der dann folgende Aufbau des kontinuierlichen Tongeflechts, von Bläsern, tiefen und hohen Streichern gespielt, welches in einer mit eindrucksvoller Energie und Genauigkeit ausgeführten Explosion wirrer auseinanderstobender Striche mündete. Ließ Ligeti in dieser Periode seine vorher eher eng ausgeführten Polyphonien freier und luftiger werden, so gab es doch einige intensive Momente, die Streicher und Flöten mit liebevoller Beharrlichkeit und schönen Tonalitäten formten. Pintscher verteilte nun markant Einsätze und gestaltete so unter anderem die Melodien der Violinen bewusst mit. Unterdessen ließen die Flöten die immerwährenden chromatischen Ostinati quälend langsam auslaufen, die Schlagwerker arbeiteten die programmhaften Elemente des Stückes schön heraus und auch die Trompeten fielen auf, setzten sie doch mit ihren leisen, aber messerscharf gestellten Tonansätzen immer wieder schöne Akzente. Passend zum Vortrag des gesamten Stückes gelang dann auch der Höhepunkt am Schluss mit energischer Präzision.

Nach kurzem Umbau folgte dann Hij 1, ein Stück aus dem Jahr 2010. Hier waren von vornherein verschiedenste Klangquellen und Spieltechniken gefragt, vom Fahrradschlauch über ein Funkgerät hin zu Kreditkarten für die Streicher. Die Musiker arbeiteten sich konzentriert durch diese Aufgabenstellungen und zeigten gerade beim Einsatz der Kreditkarten an den Streichinstrumenten erstaunlich hohe Rhythmusgenauigkeit. Fast tutti gespielt kamen die leisen Abschläge sehr unisono. Die extravagante Auswahl an Spieltechniken stand der Tatsache gegenüber, dass das Klavier dann aber doch nicht präpariert war. All das forderte Aufmerksamkeit und verstellte manchmal etwas den Blick für die wunderbare, inhaltliche Komposition, auch wenn sich manche Instrumentengruppen immer wieder bemühten, Handlungsstränge klar zu erzählen.

Lucerne Festival Academy Orchestra © Peter Fischli
Lucerne Festival Academy Orchestra
© Peter Fischli
Nach der Pause rundete L’oiseau de feu, der Feuervogel von Strawinsky, das Programm ab. Leise und langsam baute das Orchester die Musik auf, machte neugierig. Dabei fiel mir auf, dass die Musiker sehr unabhängig agierten. Der Dirigent gab wenig Anweisungen, sondern genoss eher zusammen mit den Musikern das, was kommen sollte. Nur manchmal verstärkte er einige Akzente oder hob die weich aber kompakt gestalteten Akkordkaskaden der Streicher mit hervor. Auch hier wurde deutlich, wie viel Konzentration und Mühe die Musiker in eine möglichst originale Interpretation legten, die die Klangästhetik der Epoche traf. Und das gelang vortrefflich. So wurden die vielen akzentuierten Abschläge und Betonungen immer mit der passenden, bewusst gewählten Lautstärke gebracht, während die Flöte im Solo die Melodien mit vibratoloser Naivität in den Raum stellte. Auch die Konzertmeisterin spielte ihre Soloparts unprätentiös und immer interpretationsdienlich und ließ einige mögliche Kleinphrasierung weg. Je intensiver die Passage wurde, desto mehr spielfreudiger waren die Musiker offenbar. Bei einer so großen, bühnenfüllenden Besetzung ist es für Musiker nicht immer einfach, untereinander die Ortung zu behalten. Unbeirrt befolgte das Orchester aber weiter die Genauigkeit in der sicheren Ausführung. Tutti-Abschläge gegen Ende wurden punktgenau ausgeführt, einzelne Melodien mit viel Konzentration auf Details gespielt.

Und so bot dieser Abend eine Saisoneröffnung mit viel Spannung und Kunstfertigkeit, bei der Orchester und Dirigent ihre Fähigkeiten beeindruckend ausspielten und damit Lust auf einen weiterhin hohen Anteil an Neuer Musik in der Laeiszhalle machten.