Als Violinistin Julia Fischer vor gut 16 Jahren das Erste Violinkonzert von Sergej Prokofjew auf einer ihrer frühen Platten einspielte, war man in der Presse von ihrem ungeheuer klaren Ton begeistert. Bei ihrem Gastspiel in der Philharmonie mit dem Orchestre National de France widmete sich die Münchnerin wieder diesem Werk, das kurz bevor Prokofjew die Sowjetunion während der Unruhen in der Folge der Russischen Revolution von 1917 verließ, entstand.

Julia Fischer © Uwe Arens
Julia Fischer
© Uwe Arens

Obwohl klangsprachlich immer noch stark zwischen Spätromantik und Impressionismus angesiedelt, hörte man bei Fischer schon die groteske Charakteristik von Prokofjews späteren Werken heraus. Sicher leuchtete sie das sangliche Eingangsthema des ersten Satzes mit warmem, schönem Ton aus, doch gerade die kraftraubenden Virtuosenläufe arbeitete sie messerscharf präzise aus und scheute sich im vorpreschenden Scherzo nicht davor, ihre Geige krächzen zu lassen. Sogkraft entwickelte diese Interpretation trotz der teils höllischen Partitur eben nicht über solistische Zurschaustellung, sondern durch die konzentrierte Verbindung von Lyrischem und Virtuosem. Das Orchestre National de France unter der Leitung von Lionel Bringuier, der für den erkrankten Emmanuel Krivine einsprang, waren aufmerksame Begleiter, die sich umsichtig auf Fischers Interpretation einstellten.

Als Zugabe gab es mit Paganinis Caprice Nr. 13 B-Dur schließlich Virtuosität pur, die bei Fischer nach luftig-leichter Violinkunst aussah.

Bereits zuvor hatte Bringuier mit dem Orchestre National de France Debussys Prelude à l’après-midi d’un faune interpretiert. Diese programmatische Klangfarbenmelange über einen Vormittag eines Fauns, der sich – aus einem Traum erwacht – unter Nymphen und Wassergeschöpfen wiederfindet und schließlich wieder einschläft, gestaltete das Orchester mit goldenem, warmem Klang.

Genauso ausdrucksstark gelang Bringuier nach der Pause die als symphonische Suite konzipierte Scheherazade von Nikolai Rimsky-Korsakow. Die Legende der Erzählerin aus Tausenduneiner Nacht, die Nacht um Nacht ihre Geschichte weiterspinnt, um vom Sultan am Leben gelassen zu werden, gestaltete das Orchestre National de France farbenreich. Die Konzertmeisterin interpretierte die Rolle der rahmenstiftenden Erzählerin unprätentiös und gleichsam ausdrucksstark. Im Kontrast dazu agierten die Blechbläser als Sultan klangstark. Und wenn das Orchester im dritten Satz der Suite die Liebesbeziehung zwischen Prinz und Prinzessin etwas unspektakulär ausdeutete, konnten die Franzosen mit ihrem Dirigenten vor allem im Finale überzeugen. Die programmatische Vielschichtigkeit mit der Beschreibung von Feierlichkeiten in Bagdad, einer Bootsfahrt und schließlich dem Zerschellen des Bootes interpretierte Bringuier dramatisch zugespitzt. Plastisch arbeitete er die Klangfarben aus, rückte an der ein oder anderen Stelle clever das Tempo und schaffte gerade im letzten Satz eine frische Perspektive auf das Repertoirestück, das beim ONF eben nicht nur zur Zurschaustellung orchestraler Virtuosität gereichte, sondern eine spannende, kohärente Erzählung darstellte.

Auch das Orchestre National de France und Bringuier bedankten sich beim Publikum mit einer Zugabe, die selbstverständlich aus dem französischen Repertoire stammte. Offenbachs Barcarole aus seiner Oper Hoffmanns Erzählungen war träumerischer Gegenpol zur dramatischen Orienterzählung aus Russland.

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