Womöglich aus Anlass einer Feier über eine gewonnene Schlacht in Belgien 1692 komponiert, trat Charpentiers Te Deum einen eigenen Siegeszug an, ungewöhnlich für Musik des Hochbarock. Wie auch immer die festliche Prélude (Marche en rondeau) im Vorspann des Eurovisionsprogramms landete, steht sie für pompöse Unterhaltung. Eigenschaften, die wir Lullys Vorgängerversion zu verdanken haben, die Trompeten und Pauken in der Kirchenhofmusik Frankreichs erst etabliert hatte. Nach neueren Vermutungen wurde der liturgische Hymnus Te Deum neben seiner Danksagungsfunktion zu allen Hochfesten und besonderen Gottesdiensten erstmals zur Osternachtfeier in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt gesungen. Nach Ostern und dem Gedenken an Jesu Auferstehung sollte der „Schlager“ nun vom Ensemble Vox Luminis zusammen mit dem B'Rock Orchestra in der flämischen Heimatstadt des Orchesters erklingen. Gepaart mit Purcells ebenfalls 1692 verfasster bekanntester seiner Oden für Cäcilia, der Schutzheiligen der Musik, Hail! Bright Cecilia, die nach der Passionszeit wieder über die Kraft und Macht der Kunst wachen konnte. Stand auch dieses Konzert unter einem guten Stern für einen Siegeszug?

B'Rock Orchestra © Davy De Pauw
B'Rock Orchestra
© Davy De Pauw

Mit letzterem Werk begann der Abend – in Abänderung der Programmfolge – vielleicht um das Erwachen des Waldes und der Musik passend zur erlebten Blütenentfaltung in der Natur dramaturgisch zu verdeutlichen. So hielten sich die Kesselpauken zunächst zurück, bei denen man mit dem daran befindlichen, in der Szene schon einen gewissen Kultstatus innehabenden, Schlagwerker Koen Plaetinck aber wusste, dass deren furioses Knallen noch gebührend zum Einsatz kommen wird. Sukzessiv gesteigert eben bis zur letzten Wiederholung des Allegro der ausgedehnten Symphony, zu dem die dreizehn Sängerinnen und Sänger Vox Luminis' die Podeste betraten. Wie B'Rock unter Konzertmeisterin Yukie Yamaguchi zuvor das langsame Hemporrecken der Bäume im Sich-einander-Zurufen sanft (die Trompeten durch die Pulte etwas abgedämpft), aber mit erweckend sprießender, leichter Phrasierung eingefärbt hatte, fand der Gesang in bewusster und dem Ensemble sowieso eigener, entgegenkommender Tonsprache zu verbindender Stimme des einleitenden „Hail, Bright Cecilia, Hail!“, geschmeidig geschwungen und in Purcells erhabener Grazilität. Altus Alexander Chance und Bass Sebastian Myrus gestalteten in lichter beziehungsweise kerniger, rücksichtsvoller Art unter den jeweilig zugeordneten Obligati von Violinen und Blockflöten ihr Duett „Hark! Hark! Each tree its silence breaks“. Während David Munderloh in seiner High Tenor/Altus-Lage zu „Tis nature's voice“ bedächtig und gemächlich (wie später in „The airy violin“) agierte, um die beschriebene, erlesene Schönheit zu wahren, belegte das Tutti schwungvoll und erfüllt die erste Stufe der „perfect harmony“. 

Das Ensemble rankte sich – nach Stefanie Trues süßlicher Vorgabe des „Thou tun'st this World below“ – in luftiger Bewegung und mit dynamischem Blätterrauschen allmählich gen Höhepunkt, um Cäcilia ihr größtes Opfer zu bringen. Zwischendurch noch lieblich dahinfließend sowie von der Melodie und meditativen Wucht des Waldes, die Munderloh und Tenor Jacob Lawrence in runderer, artikulierend-prononcierterer Weise symbolisierten, betört, plusterte sich Jonathon Adams' Bass erst im Trio, danach im Solo „Wondrous machine“ auf. Aus dessen Kehle kam jedoch ganz wunderlich eine schön gefärbte Milde und von Weichheit durchzogene Ansatz-Vokalität heraus, die bei allem Legerem geläufig war und mit der knackigen Begleitung aus Oboen, Fagott und Continuo Schritt hielt. Jan Kullmanns zaghafterer Altus musste sich dagegen in der Orgelbau-Hymne „The fife and all the harmony of war“ den voluminösen, besagt aufgedrehten Pauken Plaetincks geschlagen geben. Gingen bei ihm dadurch die Effekte der Echo-Arie ein wenig unter, gerieten sie instrumental mit Fruzsina Hara an der Trompete und dem knisternden Cembalo umso ohrenfälliger. Die zwei Bass-Eichen, Gründer Lionel Meunier und Myrus verkündeten den ultimativen Weg zum abschließenden Lobpreis, den alle mit der schmetternd ermunterten Reprise „Hail!“ nebst ätherischem, royalem Mittelgang, festlich anstimmen sollten zu Purcells zweiter Harmonie und Danksagung auf seinem Grabstein: „Here lyes Henry Purcell Esq., who left this life and is gone to that blessed place where only his harmony can be exceeded.“

Nun unter Konzertmeisterin Jivka Kaltcheva und französischen Bratschen eröffnete B'Rock Charpentiers Te Deum, abermals mit zurückgenommeren Pauken bis zur letzten Wiederholung der Prélude, zu der Vox Luminis aufmarschierte, allerdings mit durch Hara erhobenem Trompetenglanz und noch weicherem Anschlag in instrumental-sehniger Sprache. Hatte Myrus dem Hymenvers Te Deum Galanz und Pracht verliehen sowie der petit chœur aus vier Solisten das getragene Sanctus rein erleuchtet, schoss das „Pleni sunt coeli“ zu unkontrastiert nicht wirklich aus der Hüfte. Selbst spürbar als zu langsam erkannt, versuchten die Ensembles das Tempo immer mal anzuziehen, was zu schwankender Rhythmik führte. Besser funktionierte dies im kämpferisch-feierlichen Schlachtengetümmel „Tu devicto“, nachdem „Te per orbem“ vom Terzett aus Meunier, Tenor Pieter De Moor und Haut-Contre Vojtech Semarad (mit kleineren Höhentrübungen) wunderbar zusammen und fließend intoniert worden war.

Verlockend puristisch, luzide und charmant gestaltete Zsuzsi Tóth ihren Einsatz zu „Te ergo quaesumus“, deren federweiche Bettung zusammen mit Myrus, innerhalb des hinreißenden „Dignare, Domine“ abgelöst von Victoria Cassano und Meunier, unter himmlisch-majestätischen Traversflötentönen weiter zur Geltung gelangte. Mit „In te, Domine, speravi“ ließ der Paukenschall wieder von sich hören, Vox Luminis bekräftigte fromm, gemäßigt und im Schönklang – auch so kann man gewinnbringend auf die Siegerstraße kommen.

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