Was könnte besser sein als anrührende Musik Henry Purcells in Zeiten der Ungewissheit, der ungewöhnlich erlebten Entbehrung und dem deshalb umso größeren Verlangen nach dem Zauber der Klänge? Mir fällt als glühender Freund des Barocks nicht viel ein, das vermeintlich so einfach, unter jetzigen Umständen coronapraktikabel und dabei so aussagekräftig ist wie die Musikaliensammlung Orpheus Britannicus von 1698/1702, dessen Titel auch die Bezeichnung für den Komponisten mit seinem hinreißenden wie eingängigen Stil selbst wurde. Noch dazu die Besetzung der Solosingstimme mit der Mezzosopranistin Ann Hallenberg, die mich – auch im vertrauten Verbund mit Christophe Roussets Ensemble Les Talens Lyriques – immer in Verzückung versetzt ob ihrer tiefenentspannten Meisterhaftigkeit, die im technischen Nachaußentreten jeden Text verständlich, jede Emotion unmittelbar fühlbar und jedwede Artikulationshingabe stimmig macht. Das ebenfalls wieder im Programm „Music for a while”, benannt nach einem Song Purcells Theatertöne zu Oedipus, der Einzug in den Liedband fand.

Christophe Rousset und Ann Hallenberg © Sandra Spitzner
Christophe Rousset und Ann Hallenberg
© Sandra Spitzner

Gleich ziemlich am Anfang der ersten Edition befindet sich allerdings „If music be the food of love, sing on, till I'm fill'd with joy“ was somit auch den Abend, die Eröffnung der Dortmunder Klangvokal-Saison unter dem Motto „Gefühlswelten“, nicht trefflicher hätte einweihen können. Denn in diese Welten zogen Hallenberg und das Trio aus Roussets Cembalo, Atsushi Sakais Bassgambe und Karl Nyhlins Theorbe umgehend, indem sie sich in die Zeilen und Melodien so fallen ließen, dass sie mit diesem geschriebenen Psychogramm und allen folgenden zuckrige Zufluchten für gemeinsame Anteilnahme und Freiheit schufen. Ob vibratolos oder mit florierenderer Expression, deklamatorisch konstanten Nadelstichen und kontrasthebenden Akzentuierungen begab sich der warme Mezzo damit in die unvergleichlich ansprechende Kommunikation, die das Innerste in verständlichster Form aussprach: alleine mit sich und so vielen Gefühlen, um durch die Kraft der Musik und ihrer Gestaltung aufgehoben zu sein in den Mitgefühlen der anderen. So gleichsam banal wie pathetisch mein überwältigender Eindruck klingen mag, so überwältigend kunststückhaft unüberdreht und gleichzeitig passioniert gelang es Hallenberg wieder, in den elf Liedern mit ihr in die Selbstgespräche, Stimmungen und Charaktere zu versinken, die mit Betonung, theatralischem Affekt und umarmender Nahbarkeit unvergesslich auflebten.

Neben (späteren) dramatischen Furioso-Continuoakzenten steuerte darin die Theorbe natürlich das intim-romantische Flair bei, die Viola da Gamba die Geborgenheit des Herzensgrundes, der bas(s)al humane Züge besaitet, und das Cembalo die Pulsschläge, Farben, Regungen und Gemütszustände. Lieferten sie zusammen einen sich blind verstehenden, aufmerksamen, verlässlichen Ground bass, durfte Leiter Rousset ebenfalls solistisch in Erscheinung treten. Er spürte mit Purcells Suiten Z 661 und Z 668 instrumental derart dem Gesanglichen nach, dass die Tastentöne sofort mitnahmen in einen auch dialektvollen Dreiklang aus fokussierendem Bann, gedanklichem Schweifen und anfassendem Diskurs von Melancholie und Erhellendem im tanzgebetteten Gewande. Mit kleinen Rubati-Effekten löste er harmonische Spannungen auf, kostete typisch verzückende Melodieführungen aus, warf Sorgen mit übervoll verzierten Trillern feinsinnig, verträumt und zielstrebig auf oder ab, tollte in kindlich lächelnder Höhe herum, gab erwachsene Kontur in der Tiefe, band zwiegespaltene Empfindungen zu einer reichen Persönlichkeit zusammen und erfreute mal lapidar aus dem Handgelenk mit typisch auf einer folkloristischen Grundmelodielinie liegenden, weisen, mit gutem Geist ansteckenden Hornpipe als sei nichts gewesen.

Hallenberg drang jeweils danach immer weiter vor in die ebenso in der Sammlung platzhabenden Opernausschnitte, in der sie ihre Phrasierung- und Diktionsklasse einmal mehr dadurch unter Beweis stellen konnte, dass sie Worte und Musik rezitativischer, ariosohafter und arienfigurnäherer Art in Tränen, Trotz, Sehnsüchte, Würde, Zweifel, Optimismus und herzausschüttende Blumigkeit übersetzte. Beispielhaft seien die humoristisch oder bedrückend launenhaften Madsongs Bess of Bedlam und Fly swift, ye hours erwähnt, die zum fesselnden Kammerspiel wurden. Davon geküsst, resümierte ihr Mezzo mit besagtem, elegantem Music for a while. Dort heißt es zu Beginn: „Music for a while shall all your cares beguile“ – und ihr eindrucksvolles Statement hielt das nicht nur, sondern sollte dauernde Zehrung in meinem Gedächtnisband der wunderbarsten Konzerterlebnisse bereitstellen.

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