Der baskische Komponist Juan Crisóstomo de Arriaga ist auch als „spanischer Mozart“ bekannt – er wurde genau 50 Jahre nach Mozart geboren und erreichte nur ein Alter von gerade 20 Jahren, doch trotz der Kürze seiner Karriere hat er ein ganz eigenes, spätklassisches Idiom entwickelt. Diese getriebene, leidenschaftliche Moll-Atmosphäre, die auch Teile seiner Symphonie dominiert, offenbart sich bereits in der fanfarenartigen Einleitung des ersten von drei Streichquartetten, mit dem das Quatuor Sine Nomine sein Konzert an der ETH Zürich eröffnete.

Quatuor Sine Nomine © Pierre-Antoine Grisoni | Strates
Quatuor Sine Nomine
© Pierre-Antoine Grisoni | Strates
Die vier Interpreten überzeugten von Beginn weg mit sehr guter Intonation, sowie durch den warmen, weichen Ton ihrer Instrumente, und deren perfekte klangliche Abstimmung. Wenn ich mich in der hinteren Saalhälfte allein auf mein Gehör verließ, war häufig unklar, ob die erste Geige spielte oder die zweite – dann konnte es sich herausstellen, dass es die Bratsche war, die sich in hohen Lagen bewegte. Gelegentlich entstand der Eindruck, die erste Violine dominiere, dabei war es einfach die Melodiestimme, gespielt von einem scheinbar beliebigen der Instrumente. Umgekehrt mochte man in tiefen Lagen oft eine der Violinen für die Viola halten. Nach meinem Empfinden stützte die Akustik der Semper-Aula dieses Quartett ideal. Bei aller Leidenschaft behielt das Ensemble eine ruhige, fließende Tonsprache bei, mit weichem Portato und (an-)sprechender Agogik; es demonstrierte durch das ganze Konzert ausgezeichnetes Ensemble-Spiel, perfekt synchron in Rhythmus, Artikulation und Rubato.

Im ersten Satz entstand oft die Impression eines dichten Stimmgewebes, und dennoch blieb die Musik ausreichend transparent, durchhörbar. Das Adagio con espressione war sehr stimmungsvoll, mit sorgfältiger Dynamik, einem harmonischen Vibrato, mit Ausbrüchen von Leidenschaft, hin zum wunderbar leise verklingenden Schluss. Beim Zusehen hatte ich den Eindruck von vier konzentriert in sich versunkenen Musikern, mit einem Minimum an Interaktion perfekt koordiniert und abgestimmt—Meister ihres Faches, mit offensichtlich langjähriger Erfahrung (das in Lausanne beheimatete Quartett tritt seit 1985 öffentlich auf).

Mit Dmitrij Schostakowitschs Siebtem Streichquartett, Op.108 (seinem kürzesten Werk dieser Gattung) wechselten die Musiker in eine ganz andere Klangwelt, ein anderes Ausdrucksspektrum: im Allegretto dominierte das spiccato-Spiel, durchsetzt von Pizzicato, leichte Artikulation, ein eher nüchterner Klang mit wenig, oft gar keinem Vibrato – schon rein intonatorisch ein äußerst heikler Satz, ausgezeichnet gemeistert. Im Lento schreibt der Komponist meist con sordino vor, was die Musik in fahles Licht taucht, in welchem mäandrierende Melodielinien eine Stimmung gespannter Erwartung erzeugen. Erneut staunte ich, wie ähnlich die Viola und die zweite Violine einander im Klang waren! Der letzte Satz ist sehr virtuos, mit der Geschäftigkeit eines hochsommerlichen Insektenschwarms, war rhythmisch sicher, sehr gut koordiniert, mit Schwung vorwärtsdrängend, bis hin zum Schluss, der sich im Pizzicato davon stiehlt.

Der Abend schloss mit dem 1888 komponierten, Zweiten Streichquartett in D-Dur von Alexander Borodin, einem Werk der russischen Spätromantik und Musik, die zumindest in der Interpretation des Quatuor Sine Nomine entfernt an Dvořák erinnerte. Wiederum überzeugte die klangliche Homogenität, beispielsweise in den perfekt „geklonten“ Motiven der imitatorischen Passagen. Das Ensemble blieb agogisch ruhig, rhythmisch sorgfältig: mir gefielen die ausgewogenen, nie gehetzten Triolen im ersten Satz, ebenso die Werktreue, eng an der Partitur. Ein kleiner Negativpunkt war, dass die ausgeschriebenen Sechzehntel-Pralltriller oft kaum als solche wahrnehmbar waren.

Das Scherzo ist anspruchsvoll mit seiner huschenden Achtelmotivik; die Musiker verweigerten sich rubato-Exzessen, vermieden Härten: einige der Staccati könnte man sich auch prononcierter vorstellen. Der Satz wird unterbrochen von expressiven meno mosso-Segmenten in wiegendem Dreiviertel-Rhythmus, wobei gelegentlich rhythmische Verschiebungen und hemiolische Takte verhindern, dass die Musik zu gemütlich wirkt. In der Erinnerung schienen diese wiederum an Dvořák gemahnenden Passagen zu dominieren. Im anschließenden Notturno vermied das Quartett vermied Schwülstigkeiten, artikulierte weich, manchmal fast flötend wie Vogelrufe.

Im virtuosen Finale schließlich gefielen mir die sorgfältige Intonation (extrem heikel in den Oktavparallelen!), das agile Spiel, bei gleichzeitig weichem, warmem Klang. Eine Ausnahme machte der Beginn des Vivace-Teils und analoge Folgestellen, wo erstmals auch härtere staccato-Passagen zu hören waren, wie vom Komponisten wohl auch intendiert.

Ich kann nicht beurteilen, wie „russisch“ die hier dargebotene Sicht auf Borodin war; gesamthaft empfand ich die Interpretationen des Quatuor Sine Nomine allesamt als in sich musikalisch geschlossen, überzeugend, dabei nie mit kalter Perfektion präsentiert oder auf Hochglanz getrimmt: ein begeisternder Quartett-Abend!

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