Das Beste kommt zum Schluss, sagt man und dieses Sprichwort traf auch auf den Abend im Grazer Stefaniensaal zu, an dem Günther Groissböck sein Debüt im Musikverein für Steiermark absolvierte. Als letzte von drei Zugaben sang der Bass nämlich den Klassiker der deutschen Balladenliteratur – Goethes Erlkönig – in einer Vertonung von Franz Schubert; doch eigentlich singt er diesen nicht nur, sondern erzählt und gestaltet eine Geschichte. Ungefähr so müssen sich die Menschen damals gefühlt haben, als noch Sänger von Hof zu Hof zogen, um mangels schriftlicher Überlieferungen die großen Sagen und Heldenlieder mündlich weiterzugeben. Denn Groissböck verleiht jedem Charakter der Ballade seine ganz eigene Klangfarbe, changiert zwischen bedrohlich und betörend, baut die Spannung auf und fesselt das Publikum so, als ob es die Ballade zum ersten Mal hören würde, obwohl natürlich jeder im Saal weiß, wie die Geschichte endet.

Günther Groissböck © Erich Reismann
Günther Groissböck
© Erich Reismann

Aber auch vor diesem finalen Highlight, welches das Publikum mit stehenden Ovationen belohnte, stellte der österreichische Bass seine Qualitäten als Liedsänger eindrucksvoll unter Beweis. Nie sind die Lieder bloß Selbstzweck, um seine Stimme zur Schau zu stellen, stets vermittelt er mannigfaltige Gefühlszustände und erweckt diese mit seiner vokalen Gestaltung zum Leben. Johannes Brahms‘ Vier ernste Gesänge gerieten dabei zu Beginn des Abends noch merklich verhalten; so wirkte er auffallend zurückhaltend in der Gestaltung und auch die Stimme schien noch zu einem Gutteil in ihrer Anlaufphase zu sein. Stellenweise wirkte sein Bass hier auch leicht belegt, besonders bei höheren Lagen bzw. Piani. Bei Robert Schumanns Liederkreis, Op.39 taute Günther Groissböck dann aber dafür so richtig auf, wirkte viel gelöster, ging mehr und mehr aus sich heraus, bot beeindruckende Crescendi und Decrescendi und auch der Schleier, der sich zuvor über die Stimme gelegt hatte, war verschwunden. In den wehmütigen Liedern weidete sich die Stimme am genussvollen Leiden; immer schillerte sein Bass in vielfältigen Farben, die das jeweilige lyrische Ich bzw. die Charaktere (etwa im Waldesgespräch) rein mit vokalen Mitteln lebendig machten.

Die zweite Hälfte des Programms war dem 2017 verstorbenen russischen Bariton Dmitri Hvorostovsky gewidmet und führte von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky zu Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow. Das slawische Repertoire liegt Groissböck ideal in der Kehle, an ihm ist wahrlich ein russischer Bass verloren gegangen! Ebenmäßige Tiefe trifft bei ihm auf samtige Mittellage und mühelose Höhe garniert mit elegantem Legato, wodurch die russischen Lieder – die doch großteils auf der depressiven Seite des Emotionsspektrums angesiedelt sind – zu einer ebenso wunderschönen wie melancholischen Reise wurden. So waren besonders Rachmaninows Fragment von A. Musset und Oh sing, du Schöne, sing mir nicht starker Tobak, nach dem man sich gerne ein russisches Wässerchen genehmigt hätte, um die Emotionen zu verdauen. Nicht weniger intensiv gestaltete er Tschaikowskys Ständchen des Don Juan, bei dem man sich nicht mehr wunderte, warum dieser archetypischen Figur die Frauen reihenweise zu Füßen liegen. Gerold Huber erwies sich dabei den ganzen Konzertabend über als umsichtiger Begleiter, der sich nie in den Vordergrund zu spielen versuchte, sondern Groissböck auf ideal dosierten Klang bettete; nach der Pause konnte er bei Tschaikowski und Rachmaninow mit schnellen Läufen und breit gefächerter Dynamik außerdem so richtig glänzen. Auch über rein musikalische Aspekte hinaus erwies sich der Pianist als wichtige Stütze, denn als Groissböck bei der zweiten Zugabe – Robert Schumanns Vertonung von Heinrich Heines Die beiden Grenadiere – Gefahr lief, einen Texthänger zu haben, eilte ihm Huber unauffällig soufflierend zu Hilfe.

Kaum zu glauben, dass Günther Groissböck erst rund um die Welt Karriere machen musste, bevor er im Grazer Musikverein sein Debüt absolvieren konnte; dieses geriet dafür umso glanzvoller und lässt auf ein baldiges Wiederhören im Stefaniensaal hoffen.

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