Nikolaj Znaider und dem SWR Radio-Sinfonieorchester Stuttgart gelang mit dem ersten Abonnementkonzert ein fulminanter Auftakt der 54. Konzertsaison der Kunstfreunde im Palatin Wiesloch.

Nikolaj Znaider © George Lange
Nikolaj Znaider
© George Lange

Der international bekannte dänische Geiger Nikolaj Znaider eröffnete das Konzert mit Pjotr Iljitsch Tschaikowskis Konzert für Violine und Orchester. Mit diesem 1878 in einem Schaffensrausch komponierten Violinkonzert, das zu den anspruchsvollsten seiner Gattung zählt, überwandte Tschaikowski eine Lebenskrise. Galt es zunächst als unspielbar, so bewies Adolf Brodsky bei der Wiener Uraufführung 1881 das Gegenteil. Dieses von der zeitgenössischen Kritik abgelehnte, ungewöhnlich gestaltete Konzert erfreut sich heute größter Beliebtheit und gehört zum festen Konzertrepertoire.

Znaider verlieh nach der orchestralen Einleitung, die ungewöhnlicherweise für den nachfolgenden Satz keine musikalische Rolle mehr spielt, dem gefühlvollen ersten Thema mit seinem reinen Klang, den äußerst präzise gespielten vielfältigen Figurationen und einer die Emotionalität dieser Musik unterstreichenden vollendeten Phrasierung einen ungeahnten Glanz. Auch beim lieblichen Seitenthema bewies Znaider seine Fähigkeiten: weich und sanft in den mittleren Lagen schwang er sich auf in strahlende Höhen, um das Thema schließlich geheimnisvoll im piano in tiefer Lage zu beenden. Im Dialog mit dem klangfarbenreichen, bisweilen gewaltigen Orchesterklang und nach einer beeindruckend schön interpretierten Solokadenz beendeten Violine und Orchester diesen Satz mit einer fulminanten Steigerung. Im zweiten Satz, der Canzonetta, überzeugten die Holzbläser mit der ruhig getragenen Ausgestaltung des Themas, die Znaider ebenso klangschön beantwortete. An dieses gemäßigte Intermezzo schloss sich unmittelbar der letzte, schnelle Satz an, der russische Volkslieder zitiert und von einem rhythmisch-stürmischen Gestus bestimmt ist. Znaider und das Stuttgarter Radio-Sinfonieorchester imponierten hier durch die präzise Ausarbeitung und Kontrastierung aggressiv-stürmischer und lyrisch-dialogischer Passagen.

Der Solist bestach durch die Präzision seiner Läufe, die Klarheit seiner Bogenführung und die Souveränität, mit der er virtuose wie auch elegische Passagen meisterte. Die große interpretatorische Freiheit und die vielen rubati erschweren das Zusammenspiel mit dem Orchester. Dieses zeigte sich der Herausforderung aber gewachsen, sodass eine individuelle, sehr romantische Interpretation dieses Violinkonzertes gelang.

Das Konzert schloss mit der Johannes Brahms' Vierter Symphonie. Dieses heute sehr beliebte Werk fand bei den Zeitgenossen wenig Anklang. Das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unter der Leitung Stéphane Denèves begann mit einer im Tempo sehr zurückhaltenden Interpretation des ersten Satzes, was eine dynamisch präzise Ausgestaltung der Hauptmotive erlaubte. Diese Motive konstituieren sich aus einer Folge fallender Terzen und steigender Sexten, die im Verlauf des Satzes und der Sinfonie variiert werden und sich zu Themen entwickeln. Zugleich aber wirkte der Satz durch das geringe Tempo etwas schwerfällig. Vollends überzeugen konnte das Orchester dann aber mit dem sich anschließenden langsamen zweiten Satz. Hier stellten die Waldhörnern gemeinsam mit den Holzbläsern, vor allem Flöten und Klarinetten, mit ihrem leisen, klaren Klang das archaische, kirchentonale Hauptthema vor. Begleitet wurden sie von den beeindruckend präzisen gezupften Einwürfen der Streicher.

Diese beantworteten sodann die Motivik der Bläser und verliehen ihnen einen getragenen, elegischen Gestus, der im strahlenden E-Dur die Düsterkeit des Beginns vergessen ließ. Alsdann aber übernahmen die tiefen Streicher, insbesondere die Violen das Thema und führten es in einen schwermütigen Gestus zurück, von dem aus der Satz zunehmend bewegt wurde, um in einer strahlenden, aber immer noch zurückhaltenden Schlusswendung auszuklingen. In diesem Satz demonstrierte das Orchester seine klanglichen Fähigkeiten und erreichte mit einer vielseitigen, präzisen und klangfarbenreichen Interpretation die Herzen des Publikums.

Kaum konnte der Kontrast zum dritten Satz größer sein, der im Fortissimo einsetzte und ein Orchesterforte mit den scharfen Klangfarben von Piccolo und Triangel kombinierte. Mit dem letzten Satz, einer barocken Variationsform, Passacaglia, die auf einem Thema aus Johann Sebastian Bachs Kantate "Nach dir, Herr, verlanget mich" basiert, schwang sich das Orchester zu imposanter Klangfülle auf. Das Bachsche Thema stellten die tiefen Bläser des Orchesters in mächtigen, von den Streichern beantworteten Akkorden vor. Die hohen Streicher, Flöten und Klarinetten spannten darüber klangschön lyrische Melodien, die bisweilen in ihren Punktierungen vom mächtigen Charakter des Themas eingefärbt wurden. Zum Ende hin bäumte sich das Orchester erneut auf, um sich schließlich vom Piano aus, zu einer fulminanten Schlusssteigerung zusammenzufinden. In diesem letzten Satz bestach es besonders durch die Reinheit und Mächtigkeit seines Klanges, die immer wieder in den lyrischen Passagen ein strahlendes und ruhiges Gegengewicht fand.

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