„Im Geiste von Mozart und Saint-Saëns” habe er sein Klavierkonzert in G-Dur komponiert, verriet Maurice Ravel den staunenden Zeitgenossen. Selbst wenn die Kopplung dieser Komponisten von Ravel aus Liebe zur Paradoxie eher augenzwinkernd erfolgte, lässt sie doch Rückschlüsse auf die Intention des Werks zu: keine dramatischen Effekte oder bombastisch romantischen Materialschlachten sind da zu hören, eher fein unterhaltend im klassischen Geiste kommt es daher, „Ich denke in der Tat, dass die Musik eines Konzerts leicht und brillant sein kann.” 1932 geschrieben gehört es zu Ravels letzten Werken, nur von ferne leuchten noch betörende Farbtupfer des Impressionismus auf. Viel deutlicher blitzen die frischen Einflüsse seiner USA-Reise hervor, auf der er auch George Gershwin kennenlernte.

Jakub Hrůša © Andreas Herzau
Jakub Hrůša
© Andreas Herzau

Mit Hélène Grimaud und Mozarts d-Moll-Konzert waren die Bamberger Symohoniker bereits zuvor auf Tournée, nun spielte die französische Starpianistin in der Bamberger Konzerthalle Ravels hintergründig-heiteres G-Dur-Klavierkonzert, in dem sie seit ihrem Karrierebeginn durch Intellekt und aufwühlende Virtuosität beeindruckt. Wie zum Sprint-Wettkampf gab die Holzpeitsche den Startknall, dann stürzte sich Grimaud in die furiosen Glissandi und breit angelegten Accelerandi des Allegramente, die bald von spitzen Piccoloflöten-Tönen gewürzt und in wiegenden Streicherklang der Symphoniker gebettet wurden. Eine Prise Impressionismus erklang mit Eintritt des zweiten Themas, auch dem Orchester unter präzis-fordernder Anleitung ihres Chefdirigenten Jakub Hrůša gelangen traumhafte Übergänge in die lockere Agogik von Blues-Elementen. Da wehten mondäne Jazzanklänge im Trompetensolo durch den Saal, ließen Erinnerungen an Rhapsody in Blue aufkommen, bevor Grimaud nach surreal anmutenden Passagen von Harfen- und Streicherglissandi mit vehement attackierendem Rhythmus zum Hauptthema zurückleitete und Hrůša im energiegeladenen Schlussakkord die am Pult abgesprengte Taktstockspitze zwischen die ersten Violinen katapultierte.

Die lange Solo-Introduktion zum Adagio assai gestaltete Grimaud mit träumerischer, an Chopin erinnernder Melancholie, wunderbar dann von der Soloflöte (Daniela Koch) und der Holzbläser-Gruppe aufgefangen. In verführerisch mattschimmernden Arabesken gelangen ausdrucksstarke, dezent ausgesungene Dialoge mit den ausgezeichneten Orchestersolisten wie Oboe (Andrey Godik) und Englischhorn (Yumi Kurihara). Mit messerscharfer Rasanz faszinierten Solistin und Orchester schließlich im mitreißend-motorischen Schluss-Presto mit seinen markanten Schlagzeugeffekten und schräg-jazzigen Posaunen-Akkorden.

Nicht nur die Tonarten sind gleich; wie schon Ravel erlaubte sich auch Gustav Mahler während seiner Arbeit an der Vierten einen Blick zurück im scheinbar klassizistischen Tonfall seiner grazilsten Symphonie, die auf martialische Posaunen- und Tubeneinwürfe verzichtet. Auch ohne Worte versteht man den Gang vom erdgebundenen Getümmel bis ins überirdisch-verklärte Schlaraffenland: wenn endlich im Finalsatz die Sopranistin „Das himmlische Leben” aus der in der Romantik äußerst beliebten Wunderhorn-Volksliedsammlung von Achim von Arnim und Clemens Brentano auszumalen anhebt, gerät die Balance zwischen kindlich-heiterer Unschuld und grausamem Hintersinn doch wieder zur doppelbödigen Ironie.

Bedächtig ließ Jakub Hrůša die Schilderung der heiteren Welt beginnen, Schellengeläut und Vogelruf füllten die Luft, wie ein forsches Wanderlied schritt das erste Thema kräftig aus. Warm und schwärmerisch führten die Bratschen die gemütvoll-heitere Stimmung fort, bis in einem wild entfesselten Forteausbruch raue, geradezu erschreckende Klänge eines geheimnisvollen Traums sich aufdrängten. Der Blick auf die unergründlichen Absichten des todbringenden „Freund Hein“ tat sich im folgenden Satz auf, wenn der erste Geiger (Bart Vandenbogaerde) für seine Soli mit einer zweiten, höher gestimmten Geige seinen eigenen, grotesk-fahlen Totentanz aufspielte. Ruhevoll in der wunderbar sinnlich gezupften Einleitung der Kontrabässe, über die hohe Streicher dann mit samtig-dichtem Klang eine lichte Weite öffnen, ebenso wie im intimen Concertino des Solohorns mit den Holzbläsern: da ließ Hrůša den irdischen Frieden blühen genauso wie die in blendender Klangfülle aufgeladene Vision des Paradieses beim doppelten Beckenschlag.

Sehr behaglich, und wieder mit Schellenklang, begann die Wunderhorn-Fabel von himmlischer Freude und englischem Leben, deren märchenhafte Rollen von Ochsen, Rehbock und Fischen von der exzellenten tschechischen Sopranistin Kateřina Kněžíková mit glockenhell leichtgängigem Sopran in passend schrillen oder gurrenden Tönen gleichsam wie im Kinderkonzert vorgetragen wurden. Ihr verklärt reiner Ton ließ die Refrain-Zeilen wie Gesang von Engeln erscheinen, mit dem die Symphonie in langen Sekunden der Ergriffenheit ausklang. Dass ihre wohltimbrierte Stimme auch leidenschaftliche Klangpracht ausstrahlen kann, konnte sie in Richard Strauss' Zueignung dem begeisterten Auditorium als Dank überreichen.

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