Wenn der russische Klavier-Großmeister Jewgenij Kissin in München spielt, ist ein volles Haus garantiert; so auch am 27. Februar 2016 im Münchner Gasteig. An diesem Abend bot Kissin ein abwechslungsreiches Programm aus Klassikern der Klavierliteratur sowie eher selten gehörte Werke von Isaac Albéniz und Joaquín Larregla.

Jewgenij Kissin © Felix Broede | EMI
Jewgenij Kissin
© Felix Broede | EMI

Die Klavierkunst Kissins zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie stets höchste musikalische Intensität produziert. Kein Ton bleibt ohne Gehalt, keine Pause ohne Sinn. Aufgrund dieser hohen inneren Spannung geriet die eröffnende C-Dur Sonate (KV 330) ungewöhnlich drängend und seriös. Freilich ist die Sonate kein Jugendwerk Mozarts – er komponierte sie im Jahre 1783 mit 27 Jahren - und zeigt einen reifen Komponisten auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Doch bis auf den f-Moll-Mittelteil des zweiten Satzes atmet diese Sonate eine derart beschwingte Heiterkeit und Fröhlichkeit, dass Kissin sich und dem Publikum getrost ein wenig mehr entspannte Lockerheit hätte gönnen können. Vermutlich aber beherrscht dieser Alleskönner sein Instrument schlichtweg derart perfekt, dass er es nicht mehr schafft, nichts zu müssen und einfach nur seinem eigenen perlenden Anschlag zu lauschen. Da ihm dies jedoch nicht gelang, mutete besonders der zweite Satz zu schnell und drängend an. Kissins Deutung der Sonate ist zwar hörenswert, wird allerdings wohl nicht in die Annalen der langen Reihe der Referenz-Interpretationen dieses musikalischen Kleinods eingehen.

Unbedingter Gestaltungswille: Dieses Attribut wird auch dem Komponisten Ludwig van Beethoven nachgesagt. Und so war es nicht verwunderlich, dass die zweite Sonate des Abends, die sogenannte „Appassionata“, Kissin äußerst überzeugend gelang. Schon das einleitende Oktavmotiv und die darauffolgenden Akkordkaskaden ließen erahnen, wie spannungsgeladen und dicht Jewgenij Kissin diese „radikal subjektive“ (Edwin Fischer) Sonate Beethovens anlegen würde. Kein Takt ohne einen musikalischen Gedanken, kein Motiv, das Kissin nur dahinspielte, keine Akkordbrechung, die einfach nur virtuos war. Alles erfüllt mit Sinn, Gehalt, vorwärts gerichtet, Verdichtung auf die nächste musikalische Exklamation. Die Durchführung ein brausender Sturm, gefolgt von der genialen Reprise, ein letztes Aufbäumen in der Coda – Durchatmen.

Den zweiten Satz spielte Kissin wieder recht schnell und fast ein wenig überstürzt. Er ließ sich kaum Zeit für ein kurzes Innehalten zwischen den feinsinnigen Variationen, trieb seine Zuhörer immer weiter durch die rhythmischen Verkleinerungen und dynamischen Steigerungen. Der letzte Satz dann war ein Gewitterleuchten, Blitze am Horizont, gerade noch im Zaum gehalten durch den stets höchst kontrollierten Kissin. Der Ausbruch kam nicht, die Erlösung blieb verwehrt. Und ist nicht gerade dies das innerste Wesen der Appassionata, eine Schlacht ohne Sieg, ein Aufbegehren gegen das Schicksal, um dann am Ende in drei kurzen f-Moll-Akkorden zu kapitulieren? Kissin jedenfalls erzählte jene Geschichte, und das Publikum musste ihm einfach glauben, derart bedingungslos stürzte er sich in das musikalische Kampfgewühl.

Nach der Pause folgten zunächst die Drei Intermezzi Op. 117 von Johannes Brahms, welche Jewgenij Kissin klangschön aus dem Klavier ziselierte und als perfekt phrasierte Miniaturen präsentierte. Sodann spielte er vier Werke von Isaac Albéniz: Granada, Cádiz, Córdoba und Asturias. Isaac Albéniz ist für die spanisch-andalusische Folklore das, was Kissin für die Klavierkunst ist: Ein Verdichter und Veredler, der seine eigenen Gedanken einwebt in die Textur der spanischen Volksmusik und daraus neue Kunstwerke schafft, auf höchstem akademischen Niveau, fast abgehoben. Auch deshalb war diese Kombination ähnlich wie bei Beethoven im ersten Teil des Abends ein programmatischer Glücksgriff.

Kissin spielte Albéniz so bedeutungsschwer wie Brahms, und seine Deutung funktionierte. Er hätte auch gar nicht anders gekonnt, so aufgeladen war er mittlerweile von all der intensiven Musik. Im Laufe seiner Karriere sind aus dem unmenschlich begabten Kissin einige nervöse Ticks ausgebrochen, die sich in Zuckungen der Gesichtsmuskeln bis hin zu einem gelegentlichen, deutlich vernehmbaren Aufeinanderklappern der Zähne äußern. Nicht, dass dies übermäßig stören würde, aber es zeigt doch, wie ausgeliefert Kissin der Musik ist, ein besessener Gestalter. Nach dem abschließenden ¡Viva Navarra! von Joaquín Larregla spielte Kissin noch einige Zugaben für das frenetisch jubelnde Publikum, das wieder einmal überwältigt worden war von diesem überirdischen pianistischen Talent.