Juan Pérez Floristán tritt bescheiden und sachlich vor das Klavier; das freundliche, angedeutete Lächeln lässt weder Bühnenangst noch Überheblichkeit erkennen – ein unbeschriebenes Blatt, sozusagen. Im Nachhinein lässt sich das Auftreten des knapp 24-Jährigen als perfektes Understatement deuten. Ruhig setzt er sich ans Klavier, wartet die Stille im Saal ab, bereitet sich mental auf die sperrigen Dimensionen der Liszt’schen Sonate vor.

Juan Pérez Floristán © Rolf Kyburz
Juan Pérez Floristán
© Rolf Kyburz

Floristán nimmt die stockenden Bass-Oktaven auf G im Lento assai bewusst gemessen, jedoch akkurat, klar punktiert, die resigniert abfallenden Takte zwischen dem Staccato-Pochen präzise artikulierend, ohne Versuch, die Dissonanz auf dem punktierten Viertel dynamisch zu mildern: der Komponist lässt einen über seine Absichten im Dunkeln. Das ändert sich schlagartig mit dem Allegro energico. Unvermittelt findet sich der Hörer mitten in einem sehr dramatischen Geschehen. Anfänglich entsteht der Eindruck von reichlich Pedalgebrauch, aber das kann ebenso eine Folge der leichten Überakustik des Raums sein; im späteren Verlauf verschwindet dieser Eindruck. Hat sich der Pianist oder mein Gehör der Situation angepasst?

Nach der doppelten Fermate, wenn Liszt die Zügel fahren lässt, gestaltet Floristán fließende Läufe, eindrücklich harmonische, dynamische Steigerungen zu atemberaubenden Höhepunkten, entfaltet im Grandioso ein beachtliches Klangvolumen, lässt aber die Töne nie zu einem dicken Brei verkommen. Es gibt keine toten Momente; die Sonate ist durchweg ausdrucksstark, lebendig und in ihrer Dramatik auch im Fugato durchgestaltet. Nirgends entsteht der Eindruck kalter Perfektion. Ist man in den heftigen Segmenten fast atemlos, kommen dennoch die melodisch-gesanglichen Aspekte zu ihrem Recht, in wunderschön singenden Melodielinien und eloquenten Rezitativen, in denen der Pianist eine Geschichte zu erzählen scheint. Unmittelbar lassen sich die teils kleinräumigen Stimmungs­umschwünge in Liszts Musik miterleben. Die Oktavparallelen sind sehr virtuos, arten aber nie in leeres Show-Gehabe aus: Floristán geht auf in dieser Musik, füllt sie mit Ausdruck – eine reife, rundum gelungene Interpretation!

Der weitere Verlauf des Konzerts beweist, dass Juan Pérez Floristán nicht nur über erstaunliche technische Fähigkeiten verfügt, sondern dass er es versteht, in der Auswahl der Stücke und in deren Interpretation einen all-überspannenden dramatischen Bogen zu gestalten. Es folgen Préludes von Debussy, beginnend mit einer Auswahl aus dem zweiten Buch. In La Puerta de Vino schien noch die Impulsivität von Liszt nachzuwirken; die Gestaltung klingt für mich eher konkret denn impressionistisch verschleiert, allerdings verlangt Debussy brüske Wechsel zwischen extrême violence und passionnée douceur. Einen Gegensatz dazu bildet Canope, dessen Deutlichkeit im Ausdruck an Ravel gemahnt, schließlich Général Lavine – eccentric, kapriziös und wiederum sehr klar in Anschlag und Artikulation. Das Debussy-Segment schließt mit Ce qu'a vu le vent d'ouest aus dem ersten Buch, für mich das impressionistischste der vier Préludes, selbst wenn Floristán auch hier auf Klarheit setzt und beim ff und sff die Dynamik des Flügels voll ausreizt, aber nie überschreitet.

Die drei kurzen Preludes von Gershwin scheinen sich haltungsmäßig an Debussy anzuschließen, trotz ihrer hinreißenden, am Jazz orientierten, synkopierten Rhythmik. Das wiegend-swingende zweite Prelude bildet eine Art Ruhepol. Obwohl die musikalische Sprache einem schon beinahe ohrwurm-artig bekannt vorkommt, Floristán behält die Ausdrucksstärke bei. Es bleibt Kunstmusik, verkommt nie zu bloßer Unterhaltung, selbst in den fast lässig hingeworfenen, verzierten, oft quirligen Melodielinien über der ternär swingenden Jazz-Begleitung der linken Hand.

Ist der Ausdruck von Bartóks Sonate völlig verschieden von demjenigen Gershwins? Weit gefehlt! Bei Floristán steht im Allegro moderato nicht der hart-perkussive Aspekt im Vordergrund; hier erscheint die Musik wie von Gershwin abgeleitet, der Pianist betont die jazzy-synkopierte, spielerische, oft beinahe verspielte Seite des Satzes. Bei aller technischen Überlegenheit in Floristáns Darbietung scheinen mir allerdings die Tempowechsel gegen Ende des Kopfsatzes nicht ganz überzeugend gelungen, es fehlt ein Quäntchen Logik. Die Verlassenheit des Sostenuto e pesante erinnert mich trotz der im zweiten Teil stählern aufblitzenden Akkordschläge an Ravels Le gibet. Floristán schafft es trotz perkussiver Begleitung, die singende, melodische Komponente hervorzuheben, die Musik nicht technisch-trocken erscheinen zu lassen.

Es mag stimmen, dass die Zugabe, The Tides of Manaunaun (1917) von Henry Cowell, Techniken vorwegnimmt, die erst später von John Cage wieder aufgegriffen wurden. Im Ausdruck hingegen scheinen die dunklen Bass-Cluster dieser Komposition eher auf La chanson de la folle au bord de la mer aus Alkans Préludes (Op.31) zurückzuweisen.

Den offiziellen Abschluss jedoch bilden die drei Danzas argentinas von Ginastera. Sie führen über den Jazz hinaus in die Welt lateinamerikanischer Tänze, bleiben aber sehr virtuose Klaviermusik: Nr. 1 eine synkopierte Staccato-Studie mit Drive, Nr. 2 mit der wehmütig singenden Rechten über der wiegenden Begleitung der Linken – die Einsamkeit der Pampa? Der dritte Tanz schließlich macht der Überschrift Furiosamente ritmico e energico alle Ehre: ein wahres rhythmisches Feuerwerk, zugleich virtuoser Schlusspunkt, hinreißend gespielt. Juan Pérez Floristán lebt diese Musik!