Ihren Abend von Beethoven, Ligeti und Brahms begann Lise de la Salle mit einigen kurzen Erklärungen zu den Beethoven-Sonaten. Musste sie sich erst einstimmen? Es schien durchaus so, denn der erste Satz der C-Dur-Sonate präsentierte sich als Wechselbad, eine Art Chiaroscuro von sorgfältig gestalteten Details und Passagen, die eher summarisch gespielt wurden.

Lise de la Salle © Lynn Goldsmith | Naïve
Lise de la Salle
© Lynn Goldsmith | Naïve

Am Ende der Exposition stieß ich mich an den merkwürdig staccatoartig abgesetzten Vorschlägen zu Trillern, die zumindest sehr eigenwillig waren; auch passierten der Pianistin im ersten Durchgang der Exposition etliche Flüchtigkeitsfehler. Diese vermied sie in der Repetition zwar, doch machten sich auch im späteren Verlauf weitere bemerkbar: Im Adagio wollte sich im Rhythmus in den letzten drei Takten des einleitenden Themas das Gefühl für den musikalischen Fluss bei mir nicht einstellen, die Takte wirkten eigentümlich gehetzt, „neben dem Rhythmus“. Auch im Scherzo schien sich kein natürlicher Fluss zu ergeben, zu stark die Ritardandi vor Doppelstrichen, kleine Brüche zwischen Formteilen, und danach hatte das Tempo im Trio hatte keinerlei Bezug zum Scherzo, stand wie ein Fremdkörper im Satz. Das virtuose Allegro assai bot die geschlossenste Leistung, auch wenn das Tempo so hoch angesetzt war, dass die schnellen Passagen gerade noch spielbar waren.

Ähnlich entwickelte sich Op.111: Am Beginn des düsteren Kopfsatzes gestaltete Lise de la Salle die doppelten Punktierungen sehr weich, die kurzen Notenwerte waren fast synkopisch überbetont. Im fugierten Allegro con brio ed appassionato stürzte sich die Pianistin in die Sechzehntel-Passagen, doch auch hier fehlte der natürliche Fluss, war die Verknüpfung der Phrasen untereinander nicht immer ideal, und die berühmte Arietta begann mit einem Missverständnis. Lise de la Salle las Beethovens Tempovorgabe als Adagio molto, semplice e cantabile; entsprechend war das Thema völlig zerdehnt, statisch, viel zu langsam. Nicht unerwartet erfolgte mit der ersten Variation ein Bruch zu einem rascheren Zeitmaß. Der Variationenteil war sicher besser als der Beginn, aber schon in der ersten Variation traten Fehler gleich gehäuft auf, später auch kurze Aussetzer, und die tempomäßige Verknüpfung der Formteile war auch nicht immer ganz harmonisch, es fehlte mir der ganz große Bogen.

Es geht mir hier nicht um beckmesserische Kritik oder perfektes Spiel, aber ich finde solche Fehler merkwürdig für eine Pianistin, die gerade alle Werke für Klavier und Orchester von Rachmaninow eingespielt hat.

Nach dem aus meiner Sicht eher missglückten klassischen Teil erfolgte ein Sprung ins 20. Jahrhundert. Bei Ligeti schien sich die Pianistin mehr in ihrem Element zu fühlen: Ihr Spiel war klarer, auch souveräner, Fehler traten kaum mehr auf, trotz der immensen Schwierigkeiten dieser Etüden. Von anderen Interpretationen hatte ich die gespielten Etüden perkussiver, härter im Ohr; Lise de la Salle rückte die Stücke mehr in die Nähe der Zweiten Wiener Schule, schien mehr legato, mit mehr Fleisch zu spielen. In Nr. 2 ist dieser Effekt gewollt, das Spiel fast durchgehend pedalisiert: ein stimmungsvolles Charakterstück, in welchem man Melodien und Melodie-Fragmenten mit der leeren Quinte als Schlüsselintervall nachspüren konnte.

Ebenso zuhause fühlte sich die Pianistin dann in den Händel-Variationen von Brahms: Hier war die Artikulation klar, akkurat, die Variationen lebendig gestaltet, von den neckischen Synkopen in der ersten Variation, der schön ausgespielten Mittelstimme in der zweiten, den kraftvoll-virtuosen Oktav- und Akkordketten in der vierten. Brahms deckt eine breite Stilpalette ab, von der an Rameau gemahnenden, verspielten Variation 19, der klassisch-romantischen 20., der fast impressionistischen 21. zu den virtuosen Staccati der 23., und in Variation 24 war die Künstlerin so schnell, dass die Sechzehntelketten zu verschwimmen begannen. Auch die horrenden Schwierigkeiten der klar artikulierten 25. Variation und der anschließenden Fuge meisterte die Pianistin souverän. Die Fuge empfand ich als vielleicht nicht romantisch, aber dennoch eher expressiv-dramatisch als analytisch. Lise de la Salle verstand es, die Variationen zu einem eindrucksvollen Ganzen zu verknüpfen und das äußerst anspruchsvolle Werk in einem harmonischen Fluss zu gestalten – eine sehr eindrucksvolle Leistung!

Lise de la Salle beantwortete den enthusiastischen Applaus mit zwei Zugaben, dem hochvirtuosen Etude-Tableau in c-Moll, Op.39 Nr.1 von Sergej Rachmaninow, und zuletzt Les sons et les parfums tournent dans l'air du soir, der Nr. 4 aus dem ersten Buch von Claude Debussys Préludes.

***11