Wien, Wien, nur du allein?! Ganz so verhält es sich mit der Wiener Klassik, die sich als Stilrichtung der Musikgeschichte keineswegs auf Wien, ja nicht einmal auf Österreich, beschränkte, entgegen ihres Namens dann doch nicht. So verdiente etwa der in Böhmen als Anton Rösler geborene Antonio Rosetti seinen Lebensunterhalt als Kapellmeister am Wallersteinischen Fürstenhof, Joseph Haydn schrieb seine zwölf letzten Symphonien in London und auch Wolfgang Amadeus Mozart vollendete 34 seiner 41 Symphonien in Salzburg, bevor es ihn nach Wien zog.

Michael Hofstetter © Werner Kmetitsch | Styriarte
Michael Hofstetter
© Werner Kmetitsch | Styriarte
Vor diesem Hintergrund standen im Grazer Stefaniensaal im Rahmen der Konzertreihe „recreation“ unter demselben Titel „drei Klassiker“ auf dem Programm. Mozarts Symphonie Nr. 34 in C machte den Anfang und lieferte dem Großen Orchester Graz unter der Leitung von Michael Hofstetter gleich zu Beginn die Chance, schon bei den ersten Takten mit sattem Klang groß aufzutrumpfen. Das Allegro vivace, den so an die Ouvertüren seiner Seria-Opern erinnernden ersten Satz, gestaltete das Orchester in üppigen und leuchtenden Farben und besonders strahlkräftigen Passagen der Bläser. Von der beschwingten Stimmung des ersten Satzes führte Hofstetter die Musiker zu einem passend zurückgenommenen und serenadenhaften Klang im zweiten Satz, in dem die Streicher sich in pastoralem F-Dur erhebende Welten präsentierten. Im dritten Satz konnte das Orchester, wie übrigens den ganzen Abend über, wieder mit besonders fein differenzierter Dynamik glänzen. In lebhaft wirbelnden, phasenweise regelrecht galoppierenden Passagen schienen die Musiker trotz straffer Tempi zudem alle Zeit der Welt zu haben, wodurch die Feinheiten in Mozarts Komposition ideal zur Geltung kamen.

Ein Großteil der Werke Antonio Rosettis – speziell seine zahlreichen Symphonien und Oratorien – wurden erst in den letzten 25 Jahren wiederentdeckt, und auch sein Bratschenkonzert verdient durchaus den Namen Wiederentdeckung, kann es doch nicht auf eine besonders reiche Aufführungstradition zurückblicken. Ins Programm genommen wurde das Konzert für Viola und Orchester in G auf Wunsch des Solisten Nils Mönkemeyer der darin mit seiner Bratsche einen transparenten Klang frei von effekthascherischen Mätzchen und Manierismen schuf, der sich wunderbar mit dem nuancierten Spiel des Orchesters verband. Dabei begeisterte vor allem die technische Virtuosität, die präzisen Doppelgriffe, die fließende Kadenz am Ende des ersten Satzes, die er ebenso fingerfertig wie beiläufig spielte, als wäre sie keine Herausforderung. Etwas auf der Strecke blieb jedoch bei aller Perfektion die Emotion, die auch in den wehmütigen Mollklängen im zweiten Satz oder in den lebhaften Tanzthemen des dritten Satzes nie wirklich zur Geltung kam. So sprang der Funke, zumindest auf mich, bei aller beeindruckender technischer Finesse von Seiten Mönkemeyers nicht wirklich über.

Als Abschluss des Abends kam Haydns Symphonie Nr. 103 in Es-Dur „mit dem Paukenwirbel“ gerade recht. Den Paukenwirbel am Beginn der Symphonie gestaltete Janós Figula auffallend feinfühlig sowie nuanciert. Das ganze Werk hindurch setzte das gesamte Orchester, wie schon bei Mozart und Rosetti, auf einen differenzierten, farbenreichen und satten Klang und bestach damit, dass es nur hin und wieder mit punktgenauen Aufwallungen im Forte die richtigen Akzente setzte. Der starke Kontrast zwischen dem dunkel schwebenden Motiv der Bässe in der Einleitung und den folgenden hellen und lebensfrohen Themen wurde ausdrucksstark herausgearbeitet. Ebenso steigerten sich die festlich tänzelnden Passagen des zweiten und dritten Satzes bis zum Finale zu überbordender Lebhaftigkeit, die Haydns Zusatz con spirito alle Ehre machte.

Insgesamt boten die drei nicht ganz wienerischen Klassiker von Mozart, Rosetti und Haydn mit satten und farbenreiche Klangwelten von Seiten des Orchesters sowie der Virtuosität des Bratschisten Nils Mönkemeyer zwar einen schönen Abend, räumten aber für meinen Geschmack letztlich dem Gefühl zu wenig Platz ein.