Noch bevor die Tonhalle Zürich für drei Jahre ihre Tore schließt, präsentiert sich das Zürcher Kammerorchester (ZKO) an alternativen Orten, wie in diesem Konzert die Pfauenbühne, die lange Zeit die Hauptbühne für das Schauspielhaus Zürich war. Nach den Erfahrungen mit der trockenen Akustik des Opernhauses war ich skeptisch bezüglich der Eignung eines Sprechtheaters als Konzertsaal.  Das Konzert mit Renaud Capuçon war das dritte an diesem Spielort, und ich kann konstatieren: das Wagnis hat sich gelohnt.

Sicher, das im Vergleich zur Tonhalle kleine und zerklüftete Auditorium erzeugt keinen wahrnehmbaren Nachhall, anderseits dämpft der Raum die hohen Frequenzen erstaunlich wenig, und die Bässe werden vom Raum sogar gestützt. Einen ersten Test für diese Akustik bot Mozarts fast allzu bekanntes Salzburger Divertimento in D-Dur. Renaud Capuçon leitete das Orchester vom ersten Pult, integriert in das Ensemble, als läge die letzte Begegnung mit dem Orchester nicht etwa 8 Jahre zurück, und es bedurfte keiner übertriebenen Gesten, die Musiker bei der Stange zu halten.

Zürcher Kammerorchester © Thomas Entzeroth
Zürcher Kammerorchester
© Thomas Entzeroth

Zwar stelt das Divertimento keine hohen technischen Anforderungen, aber man darf diese Komposition auch nicht unterschätzen. Die einfache Textur verleitet dazu, das Tempo allzu sportlich anzusetzen, eine Herausforderung zu machen, wo keine ist. Die Artikulation und Capuçons Zeitmaß aber fühlten sich natürlich an: weder zwang übermäßiger Nachhall zu staccatoartiger Artikulation, noch bestand Bedarf, allzu trockene Akustik mit vermehrtem Legato zu füllen. Das Orchester spielte mit minimalem Vibrato, leicht, mit selbstverständlicher Attitüde, flüssig, mit sorgfältiger, detaillierter Dynamik. Speziell im letzten Satz fiel mir auf, wie Motivwiederholungen innerhalb eines piano-Segments ganz ins ppp zurückgenommen wurden. Der Klang war durchweg transparent.; da war kein Zurschaustellen von Virtuosität, kein Versuch, die Musik als revolutionär darzustellen. Dennoch schenkte das Ensemble dem oft unterschätzten Werk die ihm gebührende Sorgfalt und Aufmerksamkeit. Ein ausgezeichneter Einstieg ins Konzert!

Eher außergewöhnlich war danach Schumanns Cellokonzert in einer Version für Violine, die der Komponist selbst für seinen Freund Joseph Joachim erstellt hat – die einzige Version, die Schumann selbst gehört hat. Die Geigenfassung ist also original, allerdings hat das ZKO darüber hinaus die Bläserstimmen auf einzelne Streicher übertragen, die Pauken ganz weggelassen. Es erklang also eine nicht ganz authentische, reine Streicherversion. Das hatte mehrere Konsequenzen: zum Einen wurde die ohnehin schon kompakte Besetzung der Streicherstimmen dadurch noch schlanker, kammermusikalischer. Damit verschob sich nicht nur die Klangfarbe, sondern auch die akustische Balance zugunsten der originalen Streicher; Bläser-Soli gingen oft fast unter.

Anderseits gab diese Version Renaud Capuçon (nun stehend im Zentrum des ZKO) mehr Freiheit, mehr dynamische Bandbreite in der Gestaltung des Soloparts. Schumann beließ etliche hohe und extrem hohe Lagen des Celloparts auf der originalen Tonhöhe, und bei Capuçons warmem, rundem Ton war an diesen Stellen der Unterschied zur Cellofassung erstaunlich gering. Nur tiefe Lagen wurden um eine oder zwei Oktaven versetzt, was zu einer gewissen Verfremdung führte. Aber insgesamt funktionierte die Violinfassung des ersten Satzes erstaunlich gut. Mir gefiel die Transparenz dieser Version, die lebendige Agogik, das Rubato, mit denen Capuçon die häufigen Schumannschen Stimmungsumschwünge realisierte.

Renaud Capuçon © Francois Darmigny
Renaud Capuçon
© Francois Darmigny

Am meisten Bedenken hatte ich im Voraus beim zweiten Satz, einer Komposition von fast überirdischer Schönheit, einem sehnsüchtigen und dennoch heiteren Blick ins Jenseits, bei dem das Cello seinen singenden Ton voll ausspielen kann. Und ich war erstaunt, wie gut das auch auf Capuçons Violine funktionierte! Eine Besonderheit der Violinfassung ist der Dialog mit dem Solo-Cellisten im Orchester, der in dieser Version eine Bereicherung erfährt. Den Schlusssatz hingegen empfand ich erstaunlicherweise als schwächstes Glied in dieser Fassung; aber als schwach würde ich den Satz dennoch nicht bezeichnen: auch als Violinkonzert ist es eine ausgezeichnete Komposition, zumal so gekonnt gespielt wie von Renaud Capuçon!

Nach der Pause erfolgte mit Tschaikowsky der Wechsel in die russische Spätromantik und damit zu einem dichten, intensiven Streicherklang, einem Musizieren mit Schwung, Verve, und Emphase. War es jetzt der Wechsel zu sehr bekannter Musik, oder die einfachere Faktur, die geringere strukturelle Vielfalt dieser Serenade, die ich als gewissen Abstieg empfand, oder war trotz konzentrierter Orchesterarbeit das Musizieren doch etwas gröber, weniger präzise und sorgfältig? Mich störte gelegentliches Nachdrücken auf langen Noten; den Walzer empfand ich als leicht, bar der vielzitierten slawischer Schwermut, und als den am besten gelungenen Satz der Serenade. Die Elégie, ganz con sordino, gefiel mit gut koordinierten Pizzicati und ausgezeichneten, wohlklingenden Viola-Kantilenen. Im Allegro con spirito siegte zum Abschluss die Spielfreude über Präzision und Perfektion: die Musiker fühlten sich in ihrem Element. Dennoch: Komposition und Ausführung konnten Schumann hier nicht das Wasser reichen!

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