Pierre-Laurent Aimard begann sein Rezital mit Schuberts letzter, zu Lebzeiten veröffentlichter Sonate in G-Dur, komponiert 1826. Es mag sein, dass der Komponist zu dieser Zeit noch nicht beständig den Tod vor Augen hatte – es ist trotzdem ein Spätwerk des 29(!)-Jährigen. Manche halten diese Sonate für seine formvollendetste, und es gibt Kommentatoren, die behaupten, es sei die Ausnahme einer gänzlich heiteren Sonate. Sicher, die Abgründe, die Brüche liegen hier nicht so offen wie in den posthumen Sonaten; dennoch glaube ich, greift das zu kurz. Schubert hatte kein unbeschwertes Leben, und die Last des irdischen Daseins schimmert in den meisten seiner Kompositionen durch. Ist es nicht so, dass er gerade mit den vollkommensten Werken gegen die Widerwärtigkeiten des Lebens ankämpfte?

Pierre-Laurent Aimard © Marco Borggreve
Pierre-Laurent Aimard
© Marco Borggreve

In Aimards Interpretation war jedenfalls von untergründigen Konflikten keine Rede. Selten deuteten sie sich in der Ausführung von Generalpausen momentan an. Praktisch durchweg war sein Spiel dem Schönklang, der vollen Sonorität des Steinway D verpflichtet. Dies kam nicht nur im perfekt kontrollierten Anschlag und dem gepflegten Legato zum Ausdruck, sondern ebenso darin, dass er dynamische Extreme nach Möglichkeit vermied: ppp und pp klangen bestenfalls p (wohl um keine Sonorität preiszugeben?), aber auch fff und ff waren gemäßigt, reizten die Möglichkeiten des Instruments nicht aus. Sicher, Schönheit konnte man der Interpretation nicht absprechen, selbst bei gelegentlicher Überpedalisierung: Aimard gestaltete lange, harmonische Bögen, singende Phrasen, mit perfekter Balance zwischen den Stimmen. Aber ganz so konfliktfrei wie dargeboten ist schon der erste Satz keineswegs: für mich ist die Länge der Sechzehntel-Ketten in der zweiten Hälfte der Exposition, aber auch die Breite der fff-Klimax in der Durchführung ein klares Zeichen von Schuberts Ankämpfen gegen die Widerwärtigkeiten des Daseins.

Anderseits schienen mir die intimen pp-Momente der Klangästhetik zum Opfer zu fallen. Und die Generalpausen in der Coda wurden mit Pedal gänzlich unterdrückt. Sicher, das Andante war ernst, brachte ff-Ausbrüche und Intensität, aber nicht Verzweiflung. Entsprechend konnten auch die kurzen Dur-Kantilenen als Kontrast kaum Wirkung entfalten. Im Menuetto waren die Gegensätze – pp neben ff ebenso gemildert. Am besten in dieser Sonate gefiel mir das Trio, selbst wenn es nicht ganz ppp war: in seiner wiegenden Agogik kam durchaus Intimität und intensive Reflexion zum Ausdruck. Das abschließende Allegretto nahm Aimard attacca, angesichts der unterschiedlichen Stimmung für mich keine schlüssige Lösung. Trotz Spiel ab Noten unterliefen dem Pianisten hier einige kleinere Missgeschicke, wodurch für den Zuhörer die Kohärenz des Satzes litt. Gerade hier, wo Schubert für mich mit der Länge des Satzes gegen das Schicksal ankämpft! Gesamthaft: eine klassische, mehr denn frühromantische Sicht auf diese Sonate.

Nach der Pause stand zuerst Kurtág auf dem Programm, wobei das Konzertprogramm nur Passio sin nomine und andere" erwähnte. Aimard kündigte deshalb die nachfolgenden Titel gesamthaft an – wenn ich richtig gezählt habe, deren 11, alles neuere und neuste Werke. Die Passio ist Aimard und Kurtágs Frau gewidmet (die zuletzt erwähnten waren Hommages an den vor einem halben Jahr verstorbenen Pianisten und Dirigenten Zoltán Kocsis). Nun konnte man sich im Publikum trotz ausgezeichneter, klarer Aussprache unmöglich alle Titel merken, und Aimard spielte die Stücke zum Teil attacca. Es ist nicht unbedingt hilfreich, wenn man als Hörer die Musik nicht benennen kann. Vielleicht 8 - 9 Abschnitte waren mit großer Unsicherheit zu unterscheiden. Ein Bezug zu Bach war angesichts der fehlenden Orientierung schwerlich auszumachen, derjenige zu Schnittke (die gehämmerten Bässe der Violinsonate Nr.2, Quasi una sonata) tauchte im zweitletzten Abschnitt auf. Er war aber von Aimard als siebter Titel erwähnt worden, vor der Referenz zu JSB". Dann folgte überraschend die Appassionata von Beethoven: so überraschend, dass ich mich erst fragte, ob das ein Zitat in einem Stück von Kurtág sei.

Zu Kurtágs Musik noch soviel: Aimard fühlte sich hier offensichtlich zuhause. Er lebt in diesen Werken, was sich auch in seiner Mimik und Körpersprache ausdrückt. Die meisten dieser Stücke basieren (selbst bei kleinen Notenwerten) auf einem gemessenen, oft scheinbar arbiträren Zeitmaß. Vieles ist einstimmig, trotzdem resultieren aus scheinbar verstreuten Tönen über Pedalisierung und gegenseitigen Bezug Harmonien, harmonische und dramatische Abläufe. Es ist fast durchweg reflektierende, manchmal beinahe feierlich-heitere Musik. Trotz riesiger Sprünge ergeben sich erzählende, mitunter bildliche Melodien, dissonante Cluster markieren Schmerz. Interessant und ansprechend, insgesamt!

Die Anmerkungen zu Schubert treffen, mutatis mutandis, auch auf die Appassionata von Beethoven zu: eine gesamthaft klassische, unauffällige Interpretation.

Aimard spielte zwei Zugaben: zuerst die Nr.6, "Automne à Varsovie", aus György Ligetis Études pour piano, flüssig, mit harmonischer Artikulation und dramatischen Bögen. Es folgte nochmals Kurtág (der meines Erachtens im Programm mehr Gewicht verdient hätte): ein Stück zum Geburtstag eines Kindes, zu spielen mit dem zweiten Finger der linken Hand. Ein kleines Juwel, ganz auf der Linie der vorherigen Werke des Komponisten.