Schon Shakespeare erkannte in Wie es euch gefällt: „Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler.“ Und Stefan Herheim scheint gerade dieses spielerische Element in Wagners Ring des Nibelungen als Schlüssel für seine Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin zu sehen. Bereits in der Walküre, die pandemiebedingt als erstes ihre inszenatorische Aufführung fand, gab es viele Beispiele des „Theater auf dem Theater“-Topos zu beobachten.

Valeriia Savinskaia (Woglinde), Markus Brück, Irene Roberts (Wellgunde), Karis Tucker (Flosshilde)
© Bernd Uhlig

Das Spiel ist ein wichtiges Element – besonders im Rheingold. In zahlreichen Regieanweisungen und im Text selbst, wird immer wieder das Spielerische erwähnt, besonders zu Beginn, im Zusammenhang mit den Rheintöchtern, die stets als Spielende bezeichnet werden. Als Alberich auftaucht, heißt es beispielsweise „Der Niblung naht eurem Spiel!“, und: „Wonnige Spiele spenden wir dir“. Selbst Wotan rechtfertigt sich unter dieser Prämisse: „Wandel und Wechsel liebt, wer lebt; das Spiel drum kann ich nicht sparen!“ Dieser Wandel und Wechsel ist programmatisch für das Rheingold, in dem es so viel zu sehen, zu deuten und zu hinterfragen gibt. So viel, dass Herheim seine Sänger*innen immer wieder in der Partitur nachsehen lässt, wie es weitergeht und was zu tun ist. Wotan, zu Beginn noch als Geflüchteter verkleidet (oder ein Geflüchteter, der sich als Wotan verkleidet?), läuft auf den Flügel zu, spielt einen Akkord, die Musik ertönt und das Spiel nimmt seinen Lauf.

Andrew Harris (Fasolt) und Jacquelyn Stucker (Freia)
© Bernd Uhlig

Auf der Bühnen schaffen Stefan Herheim und Silke Bauer eindrucks- und fantasievolle Spielräume – eine düstere Unterwelt der Nibelungen oder luftige Bergeshöhen – alles mit meist einfachen aber wirkungsvollen Theaterkniffen. Ein riesiges weißes Tuch lässt immer wieder neue Bilder entstehen und die Videos und Lichtsetzung verstärken diese Effekte zusätzlich. Ob Kunst, Kitsch oder Klamauk, Herheim schöpft aus dem Vollen und spart nicht an Personenregie, Bühnenbild und Lichtsetzung – alles passiert immer in Hinblick auf das „Spiel“.

Visuell schlägt Herheim jedoch noch einen weiteren, ganz anderen, Interpretationszweig auf. Dieser entspringt der Biographie Richard Wagners, der bereits als junger Mann ins Exil musste, als Revolutionär Fluchterfahrungen machte und dessen ganzes Leben von dutzenden Reisen geprägt war – 16 Länder und über 200 Städte, verrät das Programmheft. Eine bedeutende Station für die Entstehung des Rings war sein Zürcher Exil. Dort arbeitete er vermehrt an der Tetralogie und präsentierte sie erstmals der Öffentlichkeit. Jedoch nicht wie heute gewohnt im Opernhaus, mit riesiger Orchesterbesetzung, sondern vorerst konzertant am Klavier. Dieses Klavier – in Herheims Produktion stets im Zentrum auf der Bühne sichtbar – wird zum schöpferischen Nukleus, aus dem alles geschaffen wird. Die Sänger*innen setzen sich an den schwarzen Flügel, spielen auf ihm und geben so den Takt an – wortwörtlich, denn sogleich bestimmen sie das Geschehen und lenken es scheinbar in neue Bahnen.

Thomas Blondelle, Annika Schlicht, Thomas Lehman, Jacquelyn Stucker, Matthew Newlin, Derek Welton
© Bernd Uhlig

Die während der Oper immer wieder auftretenden Geflüchteten – stets mit Koffern – sind symbolhaft für Wagners, aber durchaus auch Wotans Reisen, wenn er im Siegfried „Wanderer heißt mich die Welt“ singt. Ein zentrales Thema, denn der Ring ist gefüllt mit Themen wie Flucht (Siegmund), Verschleppung (Sieglinde) und Verbannung (Brünnhilde). Die Koffer werden hier zum wichtigen Symbol und erinnern an Werke des derzeit wieder in Berlin ausstellenden Installationskünstlers Christian Boltanski, der sich durch persönliche Gegenstände oder Erinnerungsstücke intensiv mit der eigenen Vergangenheit, aber auch der Erinnerung an den Holocaust, auseinandersetzt. Seine Arbeiten hinterfragen oft die Fragilität unseres Lebens, aber auch Vergänglichkeit und den Wert materieller Güter und die Bedeutung derer für die Menschen.

Das Orchester der Deutschen Oper Berlin wurde vom Geschehen auf der Bühne geradezu in den Hintergrund gedrängt. Trotz einer musikalisch souveränen Interpretation konnten sich GMD Donald Runnicles und seine Musiker*innen nur in den Forte-Passagen und den Zwischenspielen durchsetzen. Über weite Teile des Rheingolds nahmen sie eine die Sänger*innen unterstützende und begleitende Rolle ein. Beeindruckend waren die Leistungen des Ensembles der Deutschen Oper Berlin, die ganz ohne Gastsolist*innen auskamen. Allen voran Thomas Blondelle, der als Gründgens-Mephisto-Verschnitt auftrat und die Rolle des Loge überaus vereinnahmend und mit schneidigem Charisma perfektionierte – ein Charaktertenor par excellence. Ebenso scheint auch Derek Welton eine ideale Rolle gefunden zu haben. Der stimmlich etwas höher gelegene Rheingold-Wotan war für sein helleres Bariton-Timbre und seine warme, elegante Stimmfärbung eine allzu passende Rolle. Auch Markus Brück als Alberich und Annika Schlicht als Fricka gehörten zu den stimmlichen Glanzlichtern dieser Produktion.

Andrew Harris, Th. Blondelle, Tobias Kehrer, Annika Schlicht, J. Stucker, Derek Welton, Th. Lehman
© Bernd Uhlig

So wie Wagner nicht mit der Komposition des ersten Ringteils, sondern mit den späteren Abenden begann – den Ring quasi rückwärts komponierte – so musste das Opernpublikum letztes Jahr den Herheim-Ring mit der Walküre vorlieb nehmen. Die Tetralogie wurde, so Herheim, als zusammenhängendes Werk für die Deutsche Oper Berlin konzipiert, sodass sich einige, in der Walküre auftauchende Ideen, wohl erst mit Blick auf Das Rheingold erschließen. Und an Ideen mangelt es Herheim keineswegs. Der erste Teil des Zyklus strotzt nur so vor Einfallsreichtum und Interpretationsmöglichkeiten, sodass man bereits rätselt, was sich das Regieteam für Siegfried und Götterdämmerung einfallen lässt.

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