Die Opern Richard Wagners und besonders Der Ring des Nibelungen können am Stuttgarter Opernhaus auf eine lange, die Rezeptionsgeschichte des Rings beeinflussende Tradition zurückblicken. Der letzte Ring, unter anderem mit der Beteiligung von Regisseuren wie Peter Konwitschny und Christof Nel, wird nun durch einen neuen ersetzt – lediglich Siegfried in der Produktion von Jossi Wieler und Sergio Morabito bleibt erhalten. Ob es vorteilhafter oder gar aufschlussreicher ist, wenn ein Ring von der Hand eines einzigen oder gar sechs (!) Regisseur*innen entsteht, wird hier erneut auf die Probe gestellt.

Aytaj Shikhalizada, Tamara Banjesevic, Leigh Melrose (Alberich) und Ida Ränzlöv
© Matthias Baus

Wagners Rheingold, dem Auftakt seiner monumentalen Ring-Tetralogie, wohnt stets das Versprechen eines Neuanfangs inne. Bei der Stuttgarter Neuproduktion von Stephan Kimmig gewinnt man jedoch den Eindruck, das Rheingold schließt sofort an den vorherigen Ring an. Statt einem Anfang aus dem Nichts heraus bietet er einen Neuanfang an – und zwar aus einer bereits ziemlich kaputten Welt. Die Szenerie ist heruntergekommen, ein verlassener Jahrmarkt oder Zirkus, bevölkert von allerlei fragwürdigen, von der Gesellschaft ausgestoßenen Gestalten. Der Zauber ist längst verflogen, Wotan dem Alkohol verfallen, Fricka hysterisch und auch Freias einstmals makellose Schönheit von einem drogengeplagten Lebenswandel gezeichnet. Auf einem Spielplatz zerbrochener Träume wanken die Figuren in einem omnipräsenten Gruselkabinett der wiederkehrenden Albträume. Auch vom optimistischen Gestaltungswillen und den großen Plänen des Göttervaters fehlt jede Spur – stattdessen erleben wir die Götter in einem Jahrmarkt des Verfalls und einer Welt der gescheiterten Träume.

Elmar Gilbertsson (Mime)
© Matthias Baus

Aus den Rheintöchtern macht Kimmig drei Schülerinnen, richtig verwöhnte Rotzgören, die Alberich mit dem Geld ihres Vaters locken wollen. Ein Plan, der bekanntermaßen schiefgeht. Von den Mädchen abgewiesen und verhöhnt kastriert sich Alberich mit zwei Goldbarren selbst – eines der starken Bilder der Inszenierung.

Neben den eklektischen Kostümen der Sänger*innen erscheinen die Riesen, wie Frankensteins Monster aussehend, auf Gabelstaplern, Donner und Froh kommen auf Gokarts angedüst und vor den großen Videoprojektionen im Hintergrund bieten zwei Trapez-Artistinnen ihre Künste dar. So wird es auf der Bühne zumindest nicht langweilig und die wenn auch grotesk ausgeführte Zirkusthematik schwingt immer mit.

Goran Jurić (Wotan)
© Matthias Baus

Kimmigs Produktion bewegt sich zwischen gezielter Deutungsverweigerung und szenischer überbordender Überforderung. Er hat einige Ideen, will jedoch zu viel und bietet alles gleichzeitig an. Seine doch recht interessanten, nicht von der Hand zu weisenden Deutungen kann er nicht mit den ihnen gebührenden Tiefgang visuell umsetzen. Es zeigt zu viel der altbekannten Bilder, die man schon bei unzähligen Rheingold- und Ring-Inszenierungen gesehen hat – wie etwa Mime oder Alberich als Clown oder Erda und die Rheintöchter als Öko-Aktivistinnen. Auch seine Personenregie ist detailliert, aber einige Charaktere in ihrer Darstellung widersprüchlich, sodass ihr Agieren ins Leere läuft – zu ungenau sind ihre Intentionen und die Motivation ihres Handelns. Es wird viel angeboten, doch man fragt sich, wozu?

Rachael Wilson (Fricka)
© Matthias Baus

Stimmlich boten die Sänger*innen des Stuttgarter Ensembles eine gute Leistung, die leider allzu oft von der Szenerie untergraben wurde. Wotan, gesungen vom kroatischen Bass Goran Jurić vermochte trotz großer, viriler Bassstimme, jedoch mit wenig differenzierter Artikulation und pauschalem Auftreten, einem der wichtigsten und vielschichtigsten Charaktere des Rings kaum Präsenz verleihen. Die Fricka von Rachael Wilson ließ eine exaltierte, voluminöse Mezzostimme vermuten, wurde aber durch ihre überdrehte stimmliche Gestaltung verfälscht. Stine Marie Fischers Erda war ein kurzer aber intensiv genutzter Auftritt. Ihre nuancierte und vollendete Altstimme ließ die Zeit kurz stillstehen. Jedoch wurde auch ihre stimmliche Leistung von ihrer nichtssagenden Charakterzeichnung als Cord-tragende, mit dem Fahrrad fahrende Ökotante untergraben.

Matthias Klink (Loge), Rachael Wilson, Moritz Kallenberg (Froh), Paweł Konik (Donner), Goran Jurić
© Matthias Baus

Die wohl intensivste und überzeugendste Darstellung bot Matthias Klink als Loge in direkter Kopie des Charakters Anton Chigurh aus dem Neo-Western der Coen-Brüder No Country for Old Men. Doch der Vergleich hinkt, denn im Gegensatz zu dem gewissenlosen Auftragsmörder im Film basierend auf Cormac McCarthys Roman, ist Loge zwar auch das Bild eines urtypischen Antagonisten, dennoch mit einem Gewissen und einen zwar lockeren aber durchaus vorhandenem Moralverständnis ausgestattet. Klink, als Kinski-hafter, exzentrischer Feuerteufel mit starkem Hang zur Psychopathie vermochte Loge gekonnt überspitzt und mit unnachahmlicher düsterer Finesse darstellen. Sein bizarr schöner und dennoch virtuos zwischen Expressivität und hervorragender Deklamation wandelnder Gesang ergänzte seine Charakterisierung.

Stine Marie Fischer (Erda)
© Matthias Baus

Das Staatsorchester Stuttgart unter Leitung seines GMD Cornelius Meister bot eine recht langsame, aber lebendige und ganz und gar nicht zähe Interpretation an. Hatten die Musiker*innen vereinzelt mit den Tempi zu kämpfen, konnten sie die Vision Meisters dennoch weitestgehend virtuos ausführen. Besonders die Details in den Klangfarben der Bläser ließen auf intensive Probenarbeit mit Wagners Partitur hindeuten. Umso erfreulicher bei dieser unschlüssigen Regie, dass der Dirigent die Musik durchdringen konnte und im großen Bogen außerordentliche Wagnerklänge darbot. So strahlten auch die crescendierenden Streicherläufe neben den wunderbar abgestimmten Posaunen bis hin zu beglückenden Tutti, in denen das Orchester besonders im Finale auftrumpfen konnte.

Dieses Rheingold war ein zwiespältiger aber dennoch nachdenklich stimmender Auftakt zum neuen Stuttgarter Ring. Ganz der Tradition der vorangegangenen Tetralogie folgend, wird auch hier jede Oper von anderen Regisseur*innen inszeniert. In der Walküre kommen gleich drei Regisseurinnen zum Zug. Auf das Ergebnis kann man schon jetzt gespannt sein.

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