Nicht nur geographisch liegen Coburg und Bayreuth dicht beieinander. Richard Wagner besuchte vor seinem ersten Bayreuther Ring-Zyklus Coburg, um sich in den dortigen Werkstätten der Brüder Brückner über die Herstellung seiner Bühnenausstattung zu informieren. In Coburg selbst kam es erst ab 1907 zu Ring-Aufführungen, da die räumliche Enge eines Stadttheaters mit 550 Zuschauerplätzen, insbesondere im Orchestergraben, keine Realisierung erlaubten. Speziell für dieses Haus erstellte der Meininger Geiger Alfons Abbass eine reduzierte Coburger Orchester-Fassung, die vom späteren GMD Lessing um Wagnertuben und Basstrompeten bereichert wurde. Bei Wagners Rheingold, vom Landestheater Coburg nun stolz als ersten Baustein zum kompletten Ring ins Programm genommen, saßen 57 Musiker im Orchestergraben.

Dimitra Kotidou (Woglinde), Laura Incko (Wellgunde), Emily Lorini (Flosshilde) © Sebastian Buff
Dimitra Kotidou (Woglinde), Laura Incko (Wellgunde), Emily Lorini (Flosshilde)
© Sebastian Buff

Roland Kluttig, langjähriger GMD in Coburg und ab der kommenden Spielzeit neuer musikalischer Leiter am Grazer Opernhaus, hatte sein Orchester bestens präpariert. Brachten sie anfangs das urgründige Es-Dur-Murmeln noch zu schnell in anschwellende Wallung, bereiteten die Musiker im Verlauf immer gelassener und effektvoller den musikalischen Teppich für die Sänger, konnten auch in den solistischen Abschnitten, beispielsweise bei Hörnern und Posaunen oder der Violoncello-Gruppe, glanzvolle Akzente setzen. Durch die reduzierte Größe wirkten manche Stellen ungewohnt aufgeraut, dafür konnten die Sänger musikalisch ohne Forcieren und textdeutlich ihre Rollen gestalten.

Michael Lion (Wotan) © Sebastian Buff
Michael Lion (Wotan)
© Sebastian Buff

Alexander Müller-Elmau, Spross einer bekannten Schauspieler-Dynastie und in Coburg bereits mit seiner letztjährigen Carmen-Einrichtung erfolgreich, hat für Inszenierung und Bühnenbild ein eher konventionelles Konzept im Gepäck. Da huschen keine wackligen Videos über Vorhänge, wird kein modernes Hotel zum Quartier der Götterfamilie. Auf in die Tiefe geöffneter Bühne sind nur wenige symbolhafte Objekte platziert: Welt- und Sonnenscheibe, ein Stumpf der Weltesche, Farbtupfer von wenigen Blumen im sonst dunkel ausgekleideten Bühnenrund. Ein ausladender Tisch wird zum Konferenzort zwischen Göttern und Riesen, kann gleichzeitig auch Bett, Hebebühne und Aufzug in unsichtbares Untergeschoss sein. Das lässt viel Raum für Fantasie der Zuschauer, betont mehr das Spielerische und Mythische einer Urzeit von Nibelungen- oder Edda-Göttern. Voller Glanz dagegen das hell angestrahlte Gold der Rheintöchter, das, anfangs in natürlicher Gehirngestalt und -größe, durch die Nibelungenfron zum beherrschenden Zentrum anwächst und im Schlussbild Freia (fast) völlig in sich aufnehmen kann.

Kora Pavelič (Fricka), Marvin Zobel (Donner), Peter Aisher (Froh), Olga Shurshina (Freia) © Sebastian Buff
Kora Pavelič (Fricka), Marvin Zobel (Donner), Peter Aisher (Froh), Olga Shurshina (Freia)
© Sebastian Buff

Fantasiereich und keiner Zeit zugeordnet sind Julia Kaschlinskis Kostüme: verführerisch in halb-transparentem flossenförmigem Glitzerplissee die Rheintöchter, aus vielen Pelzteilen zusammengesetzte voluminöse Jägeranzüge für die Riesen, Wotan in edlem archaisch-grauem Pelzmantel, schrill-modische Anzüge und High-Heels für Donner und Froh, elegant-glänzende Abendgarderobe für Fricka. Straßenkleidung tragen einige Statisten, die als Besucher auf der Bühne dauernd präsent sind und wie in einer weiteren Ebene einen Bezug zum zeitlichen Heute bilden sollen. Von der Regie eher vernachlässigt sitzen oder stehen sie gelangweilt herum, lesen oder spielen mit ihrem Kopfhörer. Dass Erda sich plötzlich aus dieser Zuhörergruppe herausschält, vermittelt keinen schlüssigen Bezug.

Olga Shurshina (Freia) © Sebastian Buff
Olga Shurshina (Freia)
© Sebastian Buff

Müller-Elmau fokussiert sein Spiel auf die Geschichte des Scheiterns, das vor und im Rheingold durch die Vertragsbrüche der Götter beginnt und später in der Götterdämmerung sein finales Desaster erreichen wird. Damit macht er den Grundkonflikt, Gefühl und Liebe gegen Macht und Reichtum ausspielen zu müssen, sehr plastisch. Er kann sich dabei auf vorzügliche Leistungen der Sängerschar verlassen, die größtenteils aus Ensemblemitgliedern des Landestheaters besteht. Michael Lion ist ein stimmlich starker Wotan, dessen intellektuelle Neigungen ihn von der Oberflächlichkeit und Dekadenz seiner Restfamilie eher unterscheiden. In prägnanten Gesangspartien charakterisieren Olga Shurshina, Marvin Zobel und Peter Aisher die Götterfamilie aus Freia, Donner und Froh; auf der Bühne oft präsent lässt die Personenregie sie streckenweise ziemlich allein. Besorgt um die Schwester sowie das Gold für Schmuck und Schatztruhe: Kora Pavelic mit dramatischem Mezzoglanz als Göttergattin Fricka.

Martin Trepl (Alberich) und Simeon Esper (Loge) © Sebastian Buff
Martin Trepl (Alberich) und Simeon Esper (Loge)
© Sebastian Buff

Eigentlich ist er Bariton im Coburger Opernchor und sonst in Tuttiszenen auf der Bühne unterwegs: Martin Trepl erfüllte sich einen Traum und wurde als Alberich Wotans gleichgewichtiger Gegenspieler. Sein Stimmvolumen, anfänglich etwas kernig getönt, entwickelte über den Abend auch hinreißende lyrische Momente; er faszinierte am Ende des Spiels als gebrochener Verlierer ohne Tarnkappe und Geldmacht. Dirk Mestmacher gab Mime, unter der Herrschsucht Alberichs leidend, ängstliche wie unterwürfige Züge; sein virtuoser Step zum Schlagzeuggewitter in der Amboss-Szene war mitreißend. Eigentlich gehört auch Loge zur Gilde der Götter; Simeon Esper (als Gast vom der Dresdner Semperoper) brachte neben charaktervoll farbreichem Tenorschmelz viel Spiellaune mit auf die Bühne. Die oft ruhig-statuarisch agierende Männergesellschaft mischte sein Loge mit rasantem komödiantischem Zugriff wie in einem Satyrspiel auf.

Michael Lion (Wotan) und Evelyn Krahe (Erda) © Sebastian Buff
Michael Lion (Wotan) und Evelyn Krahe (Erda)
© Sebastian Buff

Mächtig gut bei Klang- und Körperfülle: die Riesen von Felix Rathgeber und Bartosz Araszkiewicz. Evelyn Krahe, auch im Mindener Ring-Zyklus als Erda unterwegs, warnte eindringlich vor der sich abzeichnenden Apokalypse. Am Ende ohne Gold und Nymphengewänder: im finalen Jubelrausch wirkten die Rheintöchter (Laura Incko, Dimitra Kotidou, Emily Lorini) verloren. Im ersten Bild dagegen hatte ihr Liebesspiel mit Alberich große Klasse: fein-laszive Bewegungen und verführerischer Stimmklang waren erster Höhepunkt eines imposanten Wagner-Abends.

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