Auf dem Programm der Tonhalle stand an diesem Tag ein weiterer Mozart-Abend mit Sir Roger Norrington am Dirigentenpult des Zürcher Kammerorchesters, und wiederum begann der Abend mit einer sehr frühen Sinfonie — diesmal die Nr. 5 in B-Dur, KV 22, geschrieben im Alter von 9 Jahren.

Sir Roger Norrington © Alberto Venzago
Sir Roger Norrington
© Alberto Venzago

Es ist ein knappes Jugendwerk, in welchem die klassischen Formen nur angedeutet werden, auch Melodien sind noch wenig ausgeprägt. Mozart arbeitet mit Motiven und Versatzstücken, denen er in Werken populärer Zeitgenossen begegnet ist. So kann er es nicht unterlassen, schon nach wenigen Takten ein sogenanntes Mannheimer Crescendo zu verwenden. Anderseits stellt die Sinfonie in den schnellen Sätzen durchaus schon hohe Ansprüche an die Virtuosität des Orchesters.

Norrington schlug in den Ecksätzen ein rasches Tempo an (vom Orchester problemlos gemeistert), beschränkte sich aber auf ein sehr sparsames Dirigat, die Koordination ganz dem Konzertmeister Willi Zimmermann überlassend. Der Fokus in seiner Interpretation lag auf klaren Kontrasten und durchsichtigem Spiel, bei gleichzeitig weichem Klang, in welchem die Streicher die Oboen und Hörner nicht überdeckten. Das Zürcher Kammerorchester ist ein idealer Klangkörper für Mozart-Sinfonien, und mein einziger Kritikpunkt an seiner Interpretation ist, dass das Werk in seinen Dimensionen und der Besetzung eher eine Kammersinfonie ist und deshalb in diesem Saal etwas verloren wirkte.

Arabella Steinbacher © Jiri Hronek
Arabella Steinbacher
© Jiri Hronek
Es folgte mit Mozarts fünftem und letztem Violinkonzert in A-Dur ein vielleicht allzu bekanntes Werk. Man durfte gespannt sein, ob und wie sich die Solistin Arabella Steinbacher auf Norringtons Anforderungen an historisch „korrektes“ Spiel (vor allem mit sehr eingeschränktem Vibrato) einlassen würde. Die Orchester-Einleitung (Allegro aperto) war wieder sehr zügig gespielt, was zuversichtlich stimmte. Mozart führt das Soloinstrument nach einer Fermate in einem Adagio ein, für einen Augenblick ganz auf sich alleine gestellt.

Es ist ein schwieriger Moment, weil der Solist beziehungsweise die Solistin sich unmittelbar auf die akustischen Verhältnisse einstellen muss. Arabella Steinbacher begann erst (mutig, da für sie ungewohnt) ohne Vibrato, wechselte dann jedoch erst in ein langsames, eher schweres Vibrato, um danach zu ihrem persönlichen Stil zurückzufinden. Selbst wenn Norrington es wahrscheinlich anders bevorzugt hätte, war das sicher die überzeugendste Lösung. Die Solistin spielte intonationssicher, weich in Ton und Artikulation. Wie die meisten Geiger konnte sie sich der Schönheit der Kadenzen von Joseph Joachim nicht entziehen - sie passen auch ausgezeichnet zu Mozarts Konzert.

Das Adagio, oftmals quälend langsam zelebriert, wurde erfreulicherweise ungewohnt zügig (der 2/4 Notation durchaus angemessen) gespielt. Der Satz wirkte durch Verkürzen der Joachim'schen Kadenz zusätzlich gestrafft. Diese Straffung erhielt nachträglich noch zusätzliche Rechtfertigung, weil Norrington das Tempo di Menuetto des letzten Satzes als „ziemlich langsam“ interpretierte - „so, wie die Leute damals tanzten,“ wie er nach der Pause dem Publikum erklärte.

Allerdings hatte die Komposition deswegen hier mit Längen zu kämpfen, zudem ließ sich das Zeitmaß nicht durchhalten, sondern wurde in der Moll-Episode deutlich beschleunigt, was meines Erachtens aus der Partitur nicht zu rechtfertigen ist. Der Satz wird zum Glück unterbrochen durch Mozarts Überraschungs-Coup, die „volkstümlich-türkische“ Allegro-Episode, eine höchst willkommene Abwechslung. Der Tragfähigkeit des Tons von Arabella Steinbachers Stradivari schienen zeitweilig Grenzen gesetzt, aber das kann auch daran gelegen haben, dass der Saal für auch für dieses Werk und diese Besetzung etwas groß war.

Der Höhepunkt des Abends war zweifelsohne die „Jupiter“-Sinfonie. Dazu beigetragen hat neben der Transparenz und der Agilität des Orchesters dessen bemerkenswerte Ausgewogenheit, klanglich wie räumlich, in der durchdachten Aufstellung mit seitlich platzierten Bläsern. Auffallend war im ersten Satz die sehr detaillierte, kontrastreiche Dynamik, das lebendige Musizieren, die Sorgfalt in der Artikulation, in den Verzierungen. Der zweite Satz wurde auch hier nicht zelebriert, sondern in einem relativ zügigen Tempo der Bezeichnung Andante cantabile durchaus angemessen dargeboten, erneut kontrastreich, die tragischen Aspekte des Satzes betonend.

Norrington wies explizit auf den Bezug zu Don Giovanni hin; man glaubte sich dementsprechend in die tragische Düsternis der g-Moll-Sinfonie zurückversetzt. Der letzte Satz ist laut dem Dirigenten der komplexeste Sinfoniesatz der Klassik, fugiert, mit „bis zu sieben gleichzeitig erklingenden Melodien“. Er wurde mit beiden Repetitionen dargeboten, abermals rascher als gewohnt, was die Größe des Satzes leichter fasslich machte und Längen vermied — ganz im Gegenteil, als Zuhörer geriet man ganz in den Sog dieser faszinierenden Musik: eine Meisterleistung, sowohl auf Seiten des Dirigenten wie des Orchesters!

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