Man darf gratulieren: Juan Diego Flórez feiert dieses Jahr sein zwanzigjähriges Jubiläum auf der Opernbühne – Zeit für den gegenwärtig wohl beliebtesten Tenor des Belcanto, zu neuen Ufern aufzubrechen: „Ah! Lève toi, soleil!“, jene Cavatine, mit der Gounod seinen Roméo den zweiten Akt unter Juliettes Balkon eröffnen lässt, hat Flórez bereits gelegentlich im Konzert zum Besten gegeben, doch nun hat er sich erstmals in einem großen Haus an die ganze Partie gewagt. 

Marina Rebeka (Juliette) und Juan Diego Flórez (Roméo) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Marina Rebeka (Juliette) und Juan Diego Flórez (Roméo)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Dass die Staatsoper für Flórez hinsichtlich seiner Popularität quasi ein Heimspiel ist, wurde schon Stunden vor Vorstellungsbeginn an der Stehplatz-Warteschlange bewiesen, wo sich rund 500 Opern-Aficionados drängten. Jene, die einen Platz ergatterten, wurden auch nicht enttäuscht – zumindest nicht, was die beiden Titelpartien betrifft: Flórez bringt für den Roméo die perfekte Phrasierung, aber (noch?) nicht ganz die nötige Kombination aus Kraft und Volumen mit; zwei- oder dreimal riss er seine berühmte Kantilene ab, um noch genug Atem für den nächsten Melodiebogen zu haben, aber das zu kritisieren heißt natürlich Jammern auf hohem Niveau. Er selbst schien mit sich zufrieden und nahm nach der erwähnten Cavatine trotz solcher Schnitzer lange eine Art Siegerpose ein, welche den ohnehin spontan einsetzenden Applaus sogar ein wenig forderte.

Diese Eitelkeit will man ihm aber gern nachsehen, denn der Publikumszuspruch tat ihm gut. Ab besagtem Zeitpunkt hatte Flórez seine Form gefunden, und im dritten Akt gelang ihm alles mit der ihm eigenen Sprezzatura, also mit jenem beneidenswerten Können, das Schwierige leicht aussehen zu lassen. Dass er, wie es in der Pause unter den Wiener Damen diskutiert wurde, „schon sehr fesch“ ist, ist für den Romeo natürlich auch kein Fehler. Nur eines dürfte man sich von Flórez noch wünschen: Etwas weniger Rampensingen (wobei dies für ihn in dieser Partie wohl eine stimmökonomische Notwendigkeit gewesen sein mochte) und mehr Beachtung der Personenregie (bei „Meine Finger fühlten, dass ihr Puls schlägt“, lag er einen Meter von seiner Juliette entfernt auf dem Boden).

Am Erfolg des Abends hatte Marina Rebeka als Juliette keinen geringeren Anteil als Flórez. Bei „Je veux vivre“ dürfte sie zwar noch nicht ganz eingesungen gewesen sein, aber danach erlebte man eine unglaubliche Steigerung. Klang sie bei der erwähnten Arie noch wie ein Allerweltssopran mit kleinen Intonationsschwierigkeiten, so steigerte sie sich von Takt zu Takt und ließ gute Technik sowie ein klares, metallisch-leuchtendes Timbre hören, das speziell zur Dramatik der Gift-Szene hervorragend passte. In dieser sowie im großen Finale überzeugte sie zusammen mit Flórez restlos, und letztendlich war man so gerührt, wie es der größten Liebesgeschichte der an Liebesgeschichten nicht armen Weltliteratur gebührt.

Bei den Nebenpartien, welche zur Gänze aus dem  Ensemble bestritten wurden, sah man dafür ein Heimspiel der anderen Art, denn so wenig Kongruenz von Soll und Ist hat man auch bei den sonst verlässlichen Haus-Kräften selten erlebt. Marian Talaba verlor sich völlig in der Rolle des Tybalt und Gabriel Bermúdez überzeugte als Mercutio eher optisch denn stimmlich. Bei den Bässen (Il Hong als Capulet, Alexandru Moisiuc als Frère Laurent) wackelte es bedenklich und Carole Wilson konnte sich als Gertrude wenig in Szene setzen. Rachel Frenkel mühte sich in der Hosenrolle des Stéphano redlich, konnte aber kaum begeistern. Das lag vielleicht auch an der nicht gerade glücklichen Regieidee, sie mit schäbigem Kostüm und Fahrrad auftreten zu lassen.

Marina Rebeka (Juliette) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Marina Rebeka (Juliette)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Die Inszenierung von Jürgen Flimm stammt aus dem Jahr 2001 und ist mit ihrer Disco-Lichtorgel im Bühnenhintergrund schon fast ein moderner Klassiker. Die Capulets erscheinen zum Maskenball in phantasievollen Kostümen in Rottönen, später tragen sie rote Schals und die Montagues blaue. Das ist nett anzusehen, hat aber - speziell in Kombination mit einer schwachen Ensembleleistung – in den ersten beiden Akten gewisse Längen. Auch auf die dramaturgischen Schwächen des Librettos (Woher erfährt etwa Juliette, dass Tybalt im Kampf mit Romeo verwundet wurde?) gibt es keine Antworten. Marco Armiliato wurde für sein Dirigat ebenso wie die Sängerinnen und Sänger bejubelt, und in der Tat lieferte das Staatsopernorchester unter seiner Leitung eine tadellose, sehr ansprechende Leistung. Der Chor konnte an diese Vorgabe leider nicht anknüpfen, speziell die Damen wirkten mitunter sehr erschöpft.

Aber das ist das Phänomen Oper: Ein paar magische Momente, ein großes Finale, und alle Schwächen sind vergessen. Und in dieser Inszenierung dürfen Romeo und Julia nach ihrem Tod sogar gemeinsam „ins Licht“ gehen.