Sir Antonio Pappano ist mit seinem Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia auf einer Tournee durch Europa, zusammen mit der Pianistin Yuja Wang, und mit einem Programm, das neben dem b-Moll Klavierkonzert  von Tschaikowski eine Ouvertüre von Rossini enthält sowie Respighis bekannte Brunnen und Pinien von Rom (dies ist keine Verballhornung – Pappano präsentiert die zwei bekannten Sinfonischen Dichtungen als eine dramatische Einheit). In Lugano erhielt die 24-jährige Beatrice Rana die Chance, das Tschaikowski Konzert aufzuführen, das sie mit Pappano letztes Jahr als Aufnahme veröffentlicht hat.

Sir Antonio Pappano © Musacchio & Ianniello | EMI
Sir Antonio Pappano
© Musacchio & Ianniello | EMI

Die Overtüre zu Rossinis Belagerung von Korinth war für mich nicht nur eine Gelegenheit, Dirigent und Orchester kennenzulernen, sondern auch den Saal im 2015 eröffneten LAC. Letzterer nennt sich Sala Teatro und wird sowohl für Konzerte wie auch für Musik- und Sprechtheater genutzt. Dies lässt Kompromisse erwarten. Auch wenn die Bühne für Konzerte komplett mit Holzwänden ausgekleidet ist (das gleiche, freundlich-helle Holz, das auch den Zuschauerraum dominiert), so klingt der Saal für Konzerte doch eher trocken, klar, analytisch. Aus meiner Sicht bevorzugte die Akustik die hohen Streicher, etwas zum Nachteil der an der rückwärtigen Wand platzierten Kontrabässe.

Mit der Ouvertüre setzte Pappano gleich den Qualitätsmaßstab für den Abend, demonstrierte das Resultat der zwolfjährigen Arbeit mit dem Klangkörper: ein Orchester in Bestform, engagiert, präzise, klar und transparent, virtuos, dynamisch differenziert. Dabei wurde der Dirigent von den ersten Pulten, allen voran dem sehr aktiven Konzertmeister, ausgezeichnet unterstützt. Pappano setzte auf zügige Tempi, auf Schwung, nahm das Eingangsmotiv fast zackig, ohne geringstes Zögern, steigerte dramatisch und konsequent auf Höhepunkte hin: geschlossen und schlüssig, überzeugend!

Beatrice Rana © Marie Staggat
Beatrice Rana
© Marie Staggat
Bei Tschaikowski begann Pappano flüssig, ließ aber die Eingangsfanfaren eher breit artikulieren. Beatrice Rana fügte sich gleich ins Geschehen ein, ohne sich übermäßig in Szene zu setzen: eine insgesamt eher schlanke Interpretation, dynamisch differenziert. Sie setzte nicht auf Kraftmeierei, nutzte extensiv kurze Ritenuti mit darauffolgendem momentanen Beschleunigen, sodass der Fluss insgesamt erhalten blieb. Sie war rhythmisch und allgemein technisch sehr sicher, hatte auch das Gefühl für das richtige Tempo. Nie erzwangen technische Schwierigkeiten eine Verlangsamung, im Gegenteil: in derartigen Situationen schien sie noch konsequenter den Schwung beibehalten zu wollen. Was mir allerdings auffiel ist, dass sie in den Stellen mit versetzten Händen unwillkürlich in ein schnelleres Tempo zu verfallen schien, was das Orchester kurzzeitig etwas aus dem Konzept brachte. Beatrice Rana war sehr sorgfältig in der Tasten-/Stimmbalance, vermied Härten, entlockte dem Werk auch zarte, lyrische Töne, nahm z.B. das dolce e molto espressivo deutlich langsamer. Sie brachte Gefühlswärme zum Ausdruck, gestaltete subtil, sanglich, legte aber bei den doppelten und dreifachen Oktavkaskaden eine fast traumwandlerische Behändigkeit an den Tag. In der großen Kadenz begann sie die akzelerierenden Oktaveinwürfe betont sanft, vorsichtig an, beschleunigte und crescendierte dafür umso mehr. Auch wenn an einigen Stellen die Zusammenarbeit mit dem Orchester noch enger, intensiver hätte sein können: eine sorgfältig, bewusst gestaltete Interpretation mit Charakter!

Deutlich enger schien mir das Zusammenwirken von Solo und Orchester im Andantino semplice des Mittelsatzes, von Pappano mit sehr subtiler Agogik gestaltet. Der Prestissimo-Einschub war nicht reißerisch, eher spielerisch, elegant und sehr rasch – so schnell, dass kaum Zeit und Gelegenheit zu Artikulation und Gestaltung blieb.

Im Schlusssatz erwies sich Beatrice Rana als sehr sicher im Rhythmus, ließ sich durch die intrikaten rhythmischen Verschiebungen nicht beirren, achtete auch auf die Zusammenarbeit mit dem Orchester. Was mich gelegentlich irritierte war, dass Solistin und Dirigent nach expressiven Exkursen etwas gar Druck zu machen schienen, wie um verlorene Zeit wieder aufzuholen, oder um auf keinen Fall der schleichenden Verlangsamung anheimzufallen. Dies machte den Satz gelegentlich etwas unruhig. Im Temporausch des Schlusses wirkte der Solopart manchmal etwas summarisch. Trotzdem: eine erstaunliche Interpretation!

Als Zugabe präsentierte die Pianistin den dritten Satz, Toccata, aus Pour le piano von Claude Debussy in einer schwungvollen, atmosphärischen, sehr flüssig-fließenden Interpretation. Ein Stück, das ihr sichtlich liegt!

Respighis Fontane di Roma und Pini di Roma wurden für dieses Orchester komponiert, entsprechend hat sie Pappano zum Kernrepertoire erhoben. In diesem Saal erklangen die beiden Tondichtungen transparent, fast luftig, nie schwülstig oder dick im Klang. Ausgezeichnet die dynamische Kontrolle hinunter bis zum feinsten ppp (La fontana di Villa Medici al tramonto), stark die Streicher (Pini presso una catacomba), expressiv und sehnsüchtig das I pini del Gianicolo, konsequent und unerbittlich im Zeitmaß das I pini della Via Appia, welches sich mit Hilfe von im Raum verteilten Wagnertuben zu einer gewaltigen, finalen Klangkulisse aufbaute: hinreißend – was für Musik, welch gekonnte Klangmalerei!

Als Zugabe kündigte Pappano etwas weniger Großes an, die bekannte Valse triste, Op.44/1 von Jean Sibelius; verhaltene, nordische Melancholie mit gelegentlich aufglühender südländischer Wärme und Intensität. Danach – wie könnte es im Lande Tells anders sein – folgte als Rausschmeißer der letzte Teil Allegro vivace aus der Ouvertüre zu Rossinis Guillaume Tell: Danke, Maestro!