Das Klavierkonzert Nr. 2 in A-Dur von Franz Franz Liszt ist wie die meisten Kompositionen des genialischen Ungarn vor allem deshalb eine interpretatorische Herausforderung, weil es nur einige wenige originelle thematische Ideen immer wieder von Neuem verarbeitet. Liszt wäre nicht Liszt, wenn er dabei nicht auch auf vordergründig virtuose Effekthascherei zurückgreifen würde. Deshalb besteht die Kunst des Interpreten darin, trotz aller spieltechnischer Schwierigkeiten und kurzatmiger Manierismen den großen musikalischen Spannungsbogen zu gestalten. Und zwar gerade bei diesem Konzert, welches Liszt ja als einsätziges „symphonisches Konzert“ verstand, wie der ursprüngliche Titel des Werkes belegt - „concert symphonique“.

Jean-Yves Thibaudet © Kasskara - Decca
Jean-Yves Thibaudet
© Kasskara - Decca

Diese Herausforderung meisterte Jean-Yves Thibaudet am Abend des 14. Juni in der Berliner Philharmonie leider nicht. Der hochbegabte französische Pianist erlag der Versuchung, dem Publikum vor allem seine Fingerfertigkeit und unzweifelhafte Virtuosität zu präsentieren. Man hatte den Eindruck, dass es Thibaudet vor allem darum ging, seine pianistischen Fähigkeiten durch die Komposition zum Ausdruck zu bringen und nicht umgekehrt. Dass er anders kann, hat Thibaudet oft genug bewiesen. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin war ebenfalls so gar nicht auf den Solisten eingestimmt – auch im wahrsten Sinne des Wortes – und wurde vor allem im letzten Abschnitt Allegro animato von Jakub Hrůša in teils recht unvermittelten Tempowechseln eingebremst.

Der rein ungarische Konzertabend hatte mit einer engagierten Interpretation des Konzert für Konzert von Zoltán Kodály begonnen und endete mit dem absoluten Highlight des Abends, dem großartigen Konzert für Orchester von Béla Bartók. Der zurecht vielgelobte tschechische Dirigent Jakub Hrůša hatte offenkundig äußerst sorgfältig mit dem Orchester gearbeitet und nichts dem Zufall überlassen. Das sollte sich besonders bei Bartoks Konzert für Orchester auszahlen. Während die Musiker nämlich beim anfänglichen Kodály noch etwas Anlaufschwierigkeiten hatten in der differenzierten Darstellung der kurzweilige Kontraste in Rhythmus, Dynamik, Orchestrierung und Kontrapunkt, spielte der versierte Klangkörper den abschließenden Bartok wie befreit und mit zwingender Deutungshoheit.

Sein Konzert für Orchester schrieb Bartok im Herbst 1943 im amerikanischen Exil nach einer langen gesundheitlichen Krise, die auch sein künstlerisches Leben fast zum Erliegen gebracht hatte. Vor allem einem anderen berühmten Emigranten, Sergei Kussewitzky, ist es zu verdanken, dass sich Bartok beauftragen ließ, eines der wichtigsten Orchesterwerke des zwanzigsten Jahrhunderts zu schaffen. Die Komposition ist in ihrer zeitlos neoklassisch geprägten Architektur, der wohlbalancierten Instrumentierung und letztlich der originellen, unverwechselbaren Tonsprache Bela Bartoks einzigartig.

Bereits in der geheimnisvollen Einleitung hielt das Publikum den Atem an und wurde vom Orchester unweigerlich in den Bann der anheimelnden Vertrautheit und doch so unerhört befremdlichen Qualität des Bartokschen Duktus gezogen. Alle Instrumentengruppen waren optimal vorbereitet, die Solisten und Stimmführer ganz bei der Sache und hochkonzentriert. Trotz der nervenstrapazierenden Durchsichtigkeit der Partitur gab es nur ganz wenige kaum wahrnehmbare intonatorische Trübungen und Unsicherheiten in der Synchronität. Im zweiten Satz Giuoco delle coppie („Spiel der Paare“) konnten die Bläser ihr ganzes Können ausspielen und hatten hörbar Freude, das musikalische Tanzbein zu schwingen. Hrůša dirigierte elegant und unaufdringlich und verstärkte nur hie und da durch wohldosierte Impulse die packende Verve der motivierten Musiker. Nach der Elegia, in der die Bratschen sonor wie ein wohlsortierter Hummelschwarm ihre Soli vortrugen, folgte das rhythmisch vertrackte Intermezzo interrotto. Hier seien vor allem die fein pointierten solistischen Einwürfe der Holzbläser positiv erwähnt. Das Orchester trug mit einem schmissig vorgetragenen Presto-Finale das spürbar gelöste Publikum in den lauen Berliner Sommerabend.