Ein Mensch zu sein! Dieser Wunsch eint Hans Christian Andersens Kleine Meerjungfrau, Disneys Arielle und Antonín Dvořáks Rusalka. Dass in dem scheinbar harmlosen Märchen weitaus mehr, und vor allem extremere, Konflikte stecken, als an der Oberfläche erkennbar, wird in tiefenpsychologischen Deutungen klar. Auf der Opernbühne dominierten lange dennoch märchenhafte Inszenierungen von Dvořáks Werk; Sven-Eric Bechtolfs Regie geht einen anderen Weg, indem er eine albtraumhafte Szenerie kreiert, in der er auf jegliche Idylle verzichtet, allzu oft aber auch die innere Logik vermissen lässt.

Krassimira Stoyanova (Rusalka) © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Krassimira Stoyanova (Rusalka)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

So wird beispielsweise den ganzen Abend über das Wasser zwar besungen und in der Musik deutlich, zu sehen ist aber Schnee; ebenso problematisch finde ich die parodistische Zeichnung des Hegers und des Küchenjungen, die in ihrer vermeintlichen Komik vor allem im dritten Akt gegen die Musik arbeitet. Die letzte Szene zwischen Rusalka und dem Prinzen gerät dann gar unfreiwillig komisch, wenn Rusalka den lebensmüden Prinz mit einem schwarzen Schal an einen Baumstumpf fesseln muss. Ein Hauptproblem des Bühnenbilds von Rolf Glittenberg, das zwar in seiner Endzeitoptik beeindruckt, ist die starke Räumlichkeit. Sitzt man im Parterre, sieht man die Böden der zwei Ebenen so gut wie gar nicht, von der Galerie aus bekommt man hingegen nicht mit, was sich hinter der Glasscheibe im ersten Stock abspielt. Drastische Wendepunkte der Handlung, etwa die drohende Vergewaltigung in der Hochzeitsnacht – dargestellt durch ein überzeichnetes Ballett während der Polonaise – sowie die zunehmende Kälte und Gleichgültigkeit des Prinzen Rusalka gegenüber, werden lediglich angerissen und erscheinen oberflächlich. In dieser Inszenierung bleibt man daher als Zuschauer von Rusalkas Schicksal emotional weitgehend unberührt.

Dmytro Popov (Prinz) © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Dmytro Popov (Prinz)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Ähnliches lässt sich auch über die exzellent besetzte Hauptpaarung des Abends sagen. Obwohl sie stimmlich ein absoluter Volltreffer für diese Partie ist, ließ mich Krassimira Stoyanovas Gestaltung kalt, was aber zugegebenermaßen ein sehr subjektiver Eindruck sein kann. Stoyanova spann feinste Klangfäden und setzte ihren in der Höhe kristallklaren, in der Mittellage angenehm slawisch verhangenen Sopran, wunderbar elegant ein. Sanfte Pianissimi, fließende Bögen in lyrischen Momenten, Durchschlagskraft in den dramatischeren Passagen und traumwandlerische Sicherheit verband sie zu einer durchgehend stimmigen Gestaltung. Von (zumindest anfänglicher) Leidenschaft für den Angebeteten war hingegen darstellerisch wenig zu merken. Und auch Dmytro Popov wirkte als Prinz mehr wie zufällig in die Inszenierung hinein gestellt als ein Teil von ihr. Gesanglich konnte allerdings auch er auf ganzer Linie überzeugen. Sein klar timbrierter Tenor verfügt über einen stählernen Kern, mühelose Höhen und weist schon mehr ins Heldische, denn ins Lyrische. Mit differenzierter Dynamik und farbenreicher Gestaltung verführte und betrog er Rusalka, um sie schließlich mit träumerisch entrückten Phrasen aufzufordern, ihm ewigen Frieden zu schenken. Diese letzte Szene, mit der eingangs schon erwähnten Baum-Fessel-Szene, meisterten Stoyanova und Popov nicht nur stimmlich harmonisch, sondern auch darstellerisch so würdevoll wie möglich.

Elena Zhidkova (Fremde Fürstin) © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Elena Zhidkova (Fremde Fürstin)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Die meiste hörbare Emotion ging für mich von der dritten Hauptfigur, dem Wassermann von Jongmin Park, aus; die Wiener Staatsoper kann sich glücklich schätzen, einen Bass von diesem Format im Ensemble zu haben. Mit samtig-dunkler Tiefe und einer Stimme, die er in allen Lagen warm strömen lässt, zeichnete Park einen Wassermann, der perfekt zwischen väterlich liebend und bedrohlich strafend changierte und dabei dennoch als sympathischste Figur in Rusalkas kalter Welt erschien. Wenig bedrohlich, aber schönstimmig und ohne Schärfen interpretierte Monika Bohinec die Ježibaba, blieb darstellerisch aber blass. Eine regelrecht umwerfende Erscheinung war Elena Zhidkova als fremde Fürstin, die in purpurrotem Kleid alle Blicke, und mit stimmlichem Glanz alle Ohren, auf sich zog. Angesichts ihres erotischen Timbres und der pointierten vokalen Attacke war es nicht schwer nachzuvollziehen, warum der Prinz ihr ganz und gar verfällt.

Exzellent besetzt waren auch die weiteren kleinen Rollen; Gabriel Bermúdez und Stephanie Houtzeel trafen als Heger und Küchenjunge nicht nur den lockeren Plauderton ihrer Szene im zweiten Akt ideal sondern überzeugten zusätzlich mit großer Spielfreude. Nach einem etwas holprigen Start im ersten Akt fanden auch die drei Elfen – gesungen von Ileana Tonca, Ulrike Helzel und Margaret Plummer – im dritten Akt schließlich zu harmonisch schwebendem Wohlklang. Unpräzise und inhomogen fiel hingegen der Chor im zweiten Akt auf.

Jongmin Park (Wassermann) © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Jongmin Park (Wassermann)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Für die anrührendsten Momente sorgte das Orchester der Wiener Staatsoper, das das sanfte Plätschern des Wassers sowie die lodernden Emotionen in herrlichen Klang goss. Lediglich im ersten Akt wirkte das Dirigat von Tomáš Hanus etwas zu flott, in der Szene der Elfen fast schon hektisch. In den folgenden Akten dominierten zwar immer noch straffe Tempi, jedoch ließ der Dirigent zunehmend auch mehr Raum für elegische Momente und Melancholie. Der vielschichtigen Dramatik der Partitur entlockte Hanus mit seiner Lesart facettenreiche Ebenen und Zwischentöne, das Orchester sorgte für zahlreiche Gänsehautmomente und trumpfte mit zum Niederknien schönem, typisch wienerischem, Klang auf.

Emotional ließ mich der Abend bei weitem nicht so aufgewühlt zurück, wie es manch anderen Rusalka-Interpretationen gelungen ist. Dennoch war es eine wunderbare Vorstellung, deren Trumpf ganz klar das durchgehend hohe musikalische Niveau war.