Sein Te Deum untertitelte Anton Bruckner mit „Für Chor, Soli und Orchester, Orgel ad libitum“. Als Gustav Mahler eine Aufführung des Werkes hörte, strich er den Titel auf seiner Kopie kurzerhand durch und schrieb stattdessen: „Für Engelszungen, vom Himmel gesegnete und geläuterte Herzen und im Feuer gereinigte Seelen“. Diese Notiz könnte als Motto für das Konzert des Münchner Oratorienchors gelten, in dem er mit der Bad Reichenhaller Philharmonie und dem Kinderchor der Bayerischen Staatsoper nicht nur das Te Deum, sondern auch John Rutters Mass of the Children zur Aufführung brachte.

Anton Bruckner (Portrait) © Joseph Büche
Anton Bruckner (Portrait)
© Joseph Büche
Rutters Mass of the Children wurde 2003 in London uraufgeführt, doch neben dem großen zeitlichen Abstand zu Bruckner zeigen sich Unterschiede auch in der Struktur des Werkes. Zwar hat Rutter sein Werk rein äußerlich wie eine Missa brevis aufgebaut, doch das Dona nobis pacem benannte er Finale. Darüber hinaus streut ein Kinderchor zu den traditionellen lateinischen und griechischen Messtexten des Erwachsenenchors Auszüge aus Texten von englischen Dichtern wie William Blake ein. Orchester und Chöre werden von einem Solosopran (Sibylla Duffe) und Bariton (Ludwig Mittelhammer) begleitet.


Als Einleitung und Abschluss für seine Messe wählte Rutter ein Morgen- und Abendloblied des anglikanischen Bischofs Thomas Ken, der die Lieder im 17. Jahrhundert für seine Schüler im Winchester College schrieb. Die Texte im Mittelteil stellen Ereignisse und Stimmungen eines Tages dar. Die überwiegend homophonen Chorpassagen gestaltet Rutter mit populärer Harmonik und jazzigen Rhythmen, die gerade im Gloria zum Ausdruck kommen. Die Bad Reichenhaller Philharmonie hatte unter der Leitung von André Gold allerhand zu tun, den präzisen Rhythmus zu halten, steigerte das Gloria schließlich aber zusammen mit dem Oratorienchor und dem Kinderchor zu einem wuchtigen Loblied.

Ganz im Kontrast dazu erklang das Agnus Dei, das einem Trauermarsch gleich mit leise-eindringlichen Pauken- und Glockenschlägen den Chor um Gottes Erbarmen flehen lässt. Erst der Kinderchor mit seiner Nachfrage „Little Lamb, who made thee?“ löst die beklemmende Stimmung auf und war nur ein Beispiel der Leistung der jungen Sänger, die mit präzisen Phrasierungen und vollem Klang ihren Part souverän meisterten.

Während Rutter vergleichsweise junge Texte in seine Messe einbaut, ist die Textgrundlage für das Bruckners Komposition wohl bereits über 1400 Jahre alt. Bruckner, der dieses Werk als Stolz seines Lebens bezeichnete, schrieb mit seinem Te Deum eine der erfolgreichsten und bekanntesten Vertonungen des Textes. Der wuchtige Beginn scheint sich im letzten Teil „In te, Domine, speravi“ ins Unermessliche zu steigern und deutet mit dissonanten Klangflächen bereits auf das 20. Jahrhundert hin.

Die Philharmonie entwickelte mit fein ausbalancierten Registern und sehr guten Blechbläserfanfaren unter der Führung von Gold eine mitreißende Dynamik, die von verzagtem Piano bis zu gewaltigem Fortissimo reichte. Gerade die Streicher bereiteten für Bläser und Chor einen stabilen Klangteppich, der für ein großartige Klangfarbe sorgte. Duffe und Mittelhammer erhielten für das Te Deum Unterstützung von Mezzosopranistin Stephanie Hampl und Tenor Moon Yu Oh, und es zeigte sich im Soloquartett des „In te Domine“, dass die vier Solisten perfekt auf einander abgestimmt waren. In guter Zusammenarbeit mit Gold kam vor allem Duffe der „Engelszunge“ mit weichem und leuchtendem Timbre, klaren Spitzentönen und starkem Ausdruck am nächsten. Die wohl größte Präsenz im Te Deum hat jedoch der Chor, für den Bruckner mit großflächigen Forte-Passagen und Dissonanzen durchaus anspruchsvolle Partien schrieb. Der Chor konnte jedoch auch in diesen komplexeren Abschnitten mit einer für das Werk unentbehrlichen Klangkraft und präziser Dynamik überzeugen.

Für diesen Abend hatte sich der Münchner Oratorienchor zwei recht unterschiedliche Beispiele der (scheinbaren) Kirchenmusik ausgesucht – Rutters Komposition trägt zwar den Titel Messe, gilt jedoch nicht als liturgisch-, die sich zu einem kurzen aber spannenden Programm zusammenschlossen. Und wer anfangs über Mahlers Randnotiz geschmunzelt hat, wird spätestens beim Finale des Te Deum merken, dass Mahler kein bisschen übertrieben hat.