Die Tonhalle-Gesellschaft präsentierte ein eigentümlich-interessantes Programm: nicht in der Kombination von zeitgenössischer und romantischer Musik, sondern in der gegensätzlichen geistig-spirituellen Haltung der zwei aufgeführten Werke. Zu Beginn die eher stille, in sich gekehrte, reflektierende, transzendentale Welt von Kaija Saariahos Trans, nach der Pause die affirmative Gläubigkeit des zum Protestantismus konvertierten Mendelssohn. Die oft ätherischen Harfenklänge gegen die vokale Mächtigkeit von Mendelssohns Symphonie-Kantate.

Xavier de Maistre © Gregoer Huhenberg
Xavier de Maistre
© Gregoer Huhenberg

In den drei Sätzen der Komposition von Kaija Saariaho garantierte der Solist der Uraufführung (Japan, 2016) Authentizität: der Harfenist Xavier de Maistre ist einer der, wenn nicht sogar der, Meister seines Fachs. Fugitif beschreibt für mich die Flüchtigkeit von Erscheinungen. Die Harfe schlägt periodisch ein Motiv an, mal ein einfacher, arpeggierter Akkord, verspielte Figuren, oder an Aleatorik gemahnende Sequenzen. Diese werden vom Orchester aufgenommen, manchmal verstärkt, dann verklingend. Die dominante Komponente dieser orchestralen Antwort spielt in den Xylophonen, die den Harfenklang hier so täuschend imitierten, dass man als Hörer gelegentlich beinahe glauben mochte, die Harfe spiele weiter. Es war aber mehr als ein Echo der Harfe: spontan fühlte ich mich an einen dunklen Waldweiher erinnert, in welchem ein Stein (ein hier oft mehr als sprichwörtlicher Harfenschlag) Wellen auslöst, die immer größere Kreise ziehen, sich reflektieren, sich gegenseitig überschneiden, verstärken, dann verebben – bis zum nächsten motivischen Anstoß des Solisten. Erst am Schluss nimmt die Harfe auch Impulse vom Orchester auf, lässt sie ausklingen. Ein vorwiegend leises, verhaltenes Stück, das zum Hineinhorchen und Nachfühlen einlädt.

In Vanité spielt die Harfe mehr in Eigenresonanz, zwischen der gläsernen Transparenz von Flageolett-Tönen und Glissando-Kaskaden. Letztere werden vom Orchester imitiert, vor allem in den Bläserstimmen verstärkt und wiederum von den Xylophonen farblich erweitert. Das Klangspektrum baut sich mit Hilfe der Streicher auf, wird aber nie laut, jedoch umso eindringlicher, am Schluss in die Stille entschwindend.

Der Schlusssatz Messager nutzt vorwiegend das Motiv des ausgeschriebenen Trillers beziehungsweise Tremolos, das zwischen Solo und den Idiophonen hin- und herwandert, von anderen Instrumenten illustriert bereichert – ein sich-Zuspielen von Motiven, klar der minimal Music entsprungen. Die Dynamik baut sich wellenförmig auf, das Orchester setzt auch mal deutliche Akzente, von den Trompeten blitzen Farbtupfer auf, dabei beharrt das Stück weitgehend auf ein und demselben Akkord. Ungewöhnlich die Viertelton-Intervalle auf der Harfe. Xavier de Maistre glänzte mit seinem subtilen, differenzierten Spiel, achtete auf sorgfältige Zusammenarbeit mit Lionel Bringuier und dem aktiv mitgestaltenden Tonhalle-Orchester. Sehr interessante, spannende Musik, von der anwesenden Komponistin wie vom Publikum mit wohlverdientem Applaus belohnt.

Lionel Bringuier © Paolo Dutto
Lionel Bringuier
© Paolo Dutto
In Mendelssohns Symphonie Nr. 2 mit dem Titel Lobgesang sind die ersten drei Sätze instrumental. Jedoch antizipiert schon der Schall der Posaunen in der Eröffnung das Thema "Alles was Odem hat" im Eingangs- und Schlusschoral aus dem Kantatenteil. Bringuier folgte hier der Partitur, vermied unnötigen Pomp, nahm das Thema anfangs relativ flüssig, vokal, ließ das Orchester leicht artikulieren. Im Allegro war das Tempo instrumental, so anspruchsvoll wie vom Komponisten vorgesehen: das half die Spannung bis zum Schluss zu halten. Das Orchester spielte durchsichtig, mit expansiver Dynamik, lebendig, stets mit ausgezeichneter Transparenz. Bei letzterer half auch der Spaltklang. Es war wohl der differenzierten Artikulation zu verdanken, aber auch Mendelssohns umsichtiger Disposition, dass Streicher und Blech als eigenständige Gruppierungen erschienen und die Holzbläser klangen gelegentlich wie eine kleine Bläserserenade in der Mitte des Podiums.

Im Allegretto un poco agitato folgte Bringuier wieder dem Zeitmaß der Partitur, ließ das Orchester mit sanfter Agogik und Dynamik spielen, Phrasen sorgfältig gestaltend. Allerdings wirkte der Satz in seiner melancholischen Melodik etwas statisch, manchmal fast monoton. Umso mehr blühten dafür im stimmungsvollen Mittelteil die schön gestalteten Choralverse in den ausgezeichneten Holzbläsern auf.

Eine wahre Wohltat war das Adagio religioso, sich der Ruhe, der Stimmung hingebend, mit aus dunklen Farben aufleuchtenden, sehr schön gestalteten, melodischen Phrasen. Bringuier drängte nie, konnte trotzdem die Spannung auf den Vokalteil hin aufbauen.

Der ausgedehnte zweite Teil von Mendelssohns Op.52 ist eine ausgewachsene Kantate. Was die von Andreas Felber einstudierte Zürcher Sing-Akademie hier bot, war schlicht überwältigend. Sehr eindrücklicher, homogener Chorklang, sehr gute Diktion und Verständlichkeit, virtuos, flexibel und transparent in den polyphonen Partien, ausgezeichnete dynamische Kontrolle und Stimmausgleich, balanciert ebenso im Verhältnis zum Orchester. Besser geht's nicht! Hervorragend war auch der Tenor Christian Elsner, der das zentrale Solo in seiner Dramatik fast szenisch gestaltete, dabei ein breites Spektrum vom sotto voce und leisesten Falsett bis hin zum fast schmetternden fortissimo eines Heldentenors zu nutzen wusste. Leider konnten die Sopransoli da nicht mithalten. Zu dramatisch und vibratoreich war Mojca Erdmann für ihren eher lyrischen Part, in der Höhe zu sehr forciert. Katharina Konradi kam leider nur wenig zum Zug, hat aber meines Erachtens die natürlichere, lyrischere Stimme. Erwartungsgemäß war das Orchester dem ausgezeichneten Chor in allem ein perfekter Begleiter: es folgte den Intentionen des Dirigenten, dem die große Geste, das religiöse, fast missionarische Pathos von Mendelssohns Symphonie sehr zu liegen schienen.

****1