Was für Bach, Beethoven, gar Ravel und Strawinsky selbstverständlich ist, gilt für Saint-Saëns nicht so ohne Weiteres: ein Konzertabend allein bespielt mit seinen Werken. Auch in Frankreich ist das eine Ausnahme, erst recht also in deutschen Institutionen. Als solche wagte das Kölner Gürzenich-Orchester Köln unter seinem Chef François-Xavier Roth ein derartiges Portrait, das den Komponisten als Pianisten, Organisten und Symphoniker biographisch vorstellte. Demnach bot sich ein abwechslungsreiches Programm, das nicht nur den Vorstellungen von Spezialisten entsprach, sondern auch den neugierigen Konzertbesuchern, die teils auf Anhieb vielleicht nur den pittoresken Karneval der Tiere mit dem Komponisten verbanden.

Gürzenich-Orchester unter François-Xavier Roth © Matthias Baus
Gürzenich-Orchester unter François-Xavier Roth
© Matthias Baus

Der meldet sich sogar im orchestergefassten Danse macabre zu Wort, quasi en miniature. Darin verkörpern die unterschiedlichen Instrumente des farblichen Stimmungsapparates allegorisch mit dem melodisch-thematischen Zitat die niedergeschriebene Szenerie der nächtlich auf ihren Gräbern tanzenden Skelette. Diese erzählte Roth mit dem Orchester so transparent, drahtig, streng und expressiv, dass die düstere, gespenstische Veranstaltung tatsächlich greifbar und die erzeugten Bilder plastisch wurden. Uhrwerkgetreu, hart, mechanisch schlug die Harfe Mitternacht und pünktlich erhob sich der Tod mit den Pizzicati der Celli und Kontrabässe aus der tiefen Stille, um dynamisch gesteigert in den schroff-schaurigen verminderten Akkorden der Solovioline seine imperative Stimme zu finden.

Dem Aufruf folgend betappste stark akzentuiertes Holz die Friedhofsparzellen, wobei das erstmals in der symphonischen Dichtung eingesetzte Xylophon kokett die Knochen rasseln ließ und bedrohlich-kräftige Bleche und Pauken die pointiert-satte Festlichkeit dieses makabren, unwirklichen Reigens verbreiteten. Mit dem ausgehenden, eisigen Wind flirrender Streicher hatte der Spuk sein passendes Ende. Schon durch diese erste klare Zurschaustellung seines Einfallsreichtums, seiner Farbigkeit und, ja, Avantgarde waren die Vorurteile Saint-Saëns zeitgenössischer und noch heutigen Kritiker eindrucksvoll widerlegt.

Jean-François Heisser © Thomas Chapuzot
Jean-François Heisser
© Thomas Chapuzot

Dramatisch und farbenprächtig blieb es im Klavierkonzert Nr. 5. Jean-Francois Heisser ließ ohne optische Ausbrüche Hände und Tasten sprechen und erstellte so mit dem Orchester einen orientalischen, sinnigen Abzug Ägyptens, der unterschiedliche Stimmungen einfing. Mit bewundernswert ernster, aber befreiter Lässigkeit und stoischer Exaktheit stellte er sich in den Dienst des Komponisten und dessen purer Aussagekraft und Eigenwilligkeit in Form und Person von Struktur und pianistischem Können. Der organische, orchestral integrierte Part, geprägt von dauernden Läufen, kurzen Kantilenen und den sich anpassenden, wechselnden Motivvorgaben beziehungsweise -übernahmen, vermittelte spannend, von geheimnisvoll bis löslich, die lebendige Bedeutung des Nils. Phrasierte Wellen des Orchesters – in französischer Tonsprache sehnig und straff – sowie transparente, rhythmisch entgegengesetzte Durchfahrungen mit dem Holz flossen im ersten Satz in dieses Bild mit ein.

Ganz speziell zeigte sich die besondere Handschrift im Mittelsatz, bei der im Andante nicht nur kurz Gedanken von einem möglichen, bedrohlichen Stillstand der natürlichen Lebensader in den Kopf schossen, sondern auch melodische Anklänge an eine äußerst bekannte Bach-Toccata den Blick auf die Orgel vorauswarfen. Individuell vielleicht noch zu exotisch malte das Allegretto tranquillo aber gewiss seidig-luftige Orientmuster, die Heisser markant und mit spitzer Nadel fertigte.

Mit Tamtam und Tremolo-Ponticello der Streicher sowie den variationsreichen, tänzerischen Arabistik-Elementen nach einem nubischen Schifferlied erweckten die Künstler phantasievoll den vermischten Eindruck einer mondänen, reizvollen, nah- und sogar fernöstlichen Nacht. In einem aufwühlenden Finale beendeten sie Reise und Geschichte feierlich und fast reißerisch getaktet durch die emotionale Bandbreite der Klaviatur, die der Solist mit starkem Anschlag beherrschte, und die scharfe Übersetzung von Flöte und Piccolo, dunklen Posaunen und aufmerkenden Streichern. Es gelang so in famoser Rhythmik-Presse ein Ausrufezeichen, das hinsichtlich kristalliner Freisetzung mentaler Ereignisfülle und ensembletechnischer Kompaktheit nicht perfekter ging.

Daniel Roth © Daniel Roth
Daniel Roth
© Daniel Roth
Auf zweifaches Betrachtungsinteresse stieß die Orgelsymphonie, in der Vater Daniel Roth an Manual und Pedal einerseits mustergültig und sich stets seines Einsatzes doppelt vergewissernd der musikalischen Monumentalität nachkam, andererseits so in seiner sympathisch zurückhaltenden Art lieber seinen Sohn und das Orchester mit der Fürsprache Saint-Saëns' in den würdigenden Mittelpunkt stellte. Schon vom Komponisten mit den reinen Symphonieorchestersätzen eins und drei bedacht, setzte Dirigent Roth weitere Zeichen im Sinne des Porträts, kraftstrotzend und extravagant. Nach einem eindringlichen, Ausgangsspannung beinhaltenden Streicherstillleben im Pianissimo machte er das Allegro moderato zu einem aufwallenden, dynamisch ausgereizten Kontrast-Chic, bei dem Horn sowie zusätzliches Bass-Holz und -Blech für die nötige Untermalung sorgten. Kinoreifes Drama vollführte er im dritten Satz, als er das Gürzenich-Orchester energisch mitreißend mit gepfefferten arco-pizzicato-Streichern und Pauken-Blockbustern aufspielen ließ.

Natürlich erhaben und im feinen Netz aus Streichern oder Soloposaune spann sich mit Roths Orgelsatz ein Netz aus beinahe widerwilliger Empfindung schmerzlich-wohliger Seligkeit, als ob Saint-Saëns sagen wolle, „sehet her, es geht auch so!“ Das zeigte der Solist zudem im dynamischen, ausbalancierten, luftigen Unterton. Zu verstärkter Adrenalinausschüttung kam es bei dem festlich übergeleiteten Choral im bombastischen Finale. „Ich zeig es euch jetzt richtig“, scheint es mit dem Fortissimo-Orgelakkord und den fortan bereiteten Gänsehaut-Befeuerungen zu sagen, die immer neu aus den feinen, hohen Streichern und dem vierhändigem Klavier heraus entfacht wurden. Eine stapfende, groß aufgefächerte Maschinerie aus Bläsern, Becken, großer Trommel und Pauken lieferten mit der monströs brummigen Orgel ein Spektakel der Extraklasse. Ein Hoch auf Saint-Saëns und diese Interpretation!

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