Man könnte versucht sein, den ersten Teil im Saison-Abschlusskonzert des Zürcher Kammerorchesters (ZKO) als leichte Muse zu sehen – unbeschwert war er auf jeden Fall: Die Suite in D-Dur (HWV341) von Georg Friedrich Händel, deren Einleitungssatz im gängigen Parodieverfahren der Wassermusik entnommen und somit (allzu) bekannt ist. Es ist ein heiteres Werk und von Gábor Boldoczki auf der Clarintrompete leichtfüßig intoniert, makellos, mit hellem, glattem Klang, sehr gut (und dennoch unauffällig) ornamentiert erwies es sich als ideal zur Einstimmung auf diesen Abend. Technisch ist die Suite für den Solisten wie für die Begleitung anspruchslos wenn ich wir etwas anders gewünscht hätte, dann vielleicht, dass die Artikulation im Orchester etwas luftiger, leichter und somit der des Solisten angepasster gewesen wäre.

Gábor Boldoczki © Marco Borggreve
Gábor Boldoczki
© Marco Borggreve
Doch nicht alles in diesem Konzert stand unter dem gleichen, glücklichen Stern: ich ahnte schon Ungemach, als der Flügel für das Konzert von Schostakowitsch auf dem Podium platziert wurde. Das ZKO spielt seit dem Abgang von Sir Roger Norrington in der Regel ohne Dirigent (mit Daniel Hope wird sich auch ab der nächsten Saison daran nichts ändern), und somit ist Fazıl Says Wunsch, das Konzert vom Flügel aus zu leiten, verständlich: Es vereinfacht die Koordination zwischen Solist und Orchester. Allerdings bedingt es auch den Gebrauch des Konzertflügels ohne Abdeckung. Dies sollte in einem kleinen Saal unproblematisch sein, aber im großen Tonhallesaal erkauft man sich damit erhebliche Nachteile, denn der Klang des Klaviers wird nicht zum Publikum hin reflektiert.

Damit fehlte dem Klavier im Diskant die Prägnanz, die Klarheit. Das Bassregister war zudem klanglich schlecht definiert und in fortissimo-Passagen vor allem forciert, lärmig, die Tonhöhe manchmal kaum mehr auszumachen. Der Klang des Instruments schien sich in den Ornamenten der Saaldecke und in der Orgelnische zu verlieren; zugleich mangelte es an Balance: Während Gábor Boldoczki auch hier auf den Glanz seines Instruments vertrauen konnte, hatte der Flügel Mühe, gegenüber dem Orchester – selbst bei dieser relativ kleinen Formation – zu bestehen. An Stellen, wo die Trompete das Klavier begleitet, dominierte immer das Blasinstrument, manchen Begleitpassagen fehlte dadurch trotz des aufgesetzten Dämpfers die Intimität und Wärme.

Was Fazıl Says Spiel betrifft, so mag der in einem (in diesem Falle speziell benachteiligten) Parkettplatz gewonnene Höreindruck die Interpretation des Pianisten nur unvollständig wiedergeben. Say spielte mit Schwung, mit impulsiver Agogik. Die Artikulation erschien relativ weich, eher legato und nicht annähernd so hart wie man es bei Schostakowitsch-Interpretationen oft hört, nie mechanisch-motorisch. Für die raschen Sätze bevorzugte Say schnelle Tempi, jedoch ohne gehetzt zu wirken. Die akustischen Gegebenheiten ließen Says Spiel dabei oft unauffällig, fast introvertiert erscheinen, womit leider auch ein Teil des Humors, der schalkhaften Aspekte dieses Werks verloren ging. Im Lento-Satz artikulierte Say oft mit arpeggiertem Anschlag (die rechte Hand mit Absicht nach der linken angeschlagen), für meinen Geschmack etwas zu stark und zu häufig; das gehauchte Orchester-Pianissimo jedoch war dann wunderbar geheimnisvoll, die ideale Begleitung zum nachfolgenden Trompetensolo. Der im Klavier leise verklingende Schluss profitierte vielleicht gar von der Akustik und die Soli des dritten Satzes erschienen hier fließend, ausgesprochen lyrisch, sanft und bezaubernd.

Fazıl Say © Mustafa Toygun Özdemir
Fazıl Say
© Mustafa Toygun Özdemir

Gesamthaft bot Fazıl Say eine spielerische, oft lyrische Interpretation, dabei ausgezeichnet begleitet vom ZKO. Er schien erst im letzten Satz wirklich in Fahrt zu kommen, zur Hochform aufzulaufen, und dank Gábor Boldoczkis prägnantem Solo geriet der Schluss hinreißend. Natürlich wurde eine Zugabe erwartet: auch diese war von Schostakowitsch, der bekannte Walzer Nr. 2 aus der Suite für Variété-Orchester - wahrlich leichte Muse

Nach zwei weiteren, kurzen Sätzen von Schostakowitsch, Adagio (Elegie) und Allegretto (Polka) für Streichorchester, bildete das f-Moll-Streichquartett von Ludwig van Beethoven, Serioso überschrieben, einen weiteren starken Kontrast zum Abschluss. Gustav Mahler hat es für Streichorchester bearbeitet und beließ die Substanz im Wesentlichen (abgesehen von einigen Oktavversetzungen) unverändert, zog sachte den Kontrabass hinzu. Das ZKO zeigte sich hier souverän, einem wirklichen Streichquartett in nichts nachstehend: Respekt! Die große Besetzung ändert natürlich trotzdem den Charakter des Werks; vieles wirkt dramatischer, größere dynamische Kontraste sind möglich, die Interpretation wirkt sehr lebendig und expressiv. Anderseits ist die Musik weniger direkt als mit einem „nackten“ Quartett und statt der Klangsprache der Einzelstimmen wirkte die Aufführung mehr über die großen Gesten des gesamten Ensembles.

Im langsamen Satz (Allegretto ma non troppo) kann ein Quartett die Verlorenheit in der gedrückten Stimmung wohl besser darstellen, anderseits kam die Dramatik des Scherzo-Charakters im dritten Satz hier mehr zur Geltung. Die Trio-Teile sind intim und lieblich beim Quartett, hier vor allem lyrisch, und im Schlusssatz, den Quartette oft als verbissen darstellen, kehrte die Orchesterversion dafür eher die ironische Seite des späten Beethoven hervor. Der heiter-virtuose Kehraus am Satz-Ende löste schließlich die Stimmung: ein sehr passender Abschluss für das Konzert und die Saison!

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