Das Konzert zur Saisoneröffnung ist eine Gelegenheit für das Tonhalle-Orchester und seinen Dirigenten Lionel Bringuier sich den Medien zu präsentieren, zusammen mit dem Artist in Residence und dem Creative Chair — in der Saison 2015/16 die Geigerin Lisa Batiashvili und der Komponist und Klarinettist Jörg Widmann.

Lisa Batiashvili © Anja Frers | Deutsche Grammophon
Lisa Batiashvili
© Anja Frers | Deutsche Grammophon
Lionel Bringuier startete den Abend mit Widmanns Konzertouvertüre Con Brio. In diesem Stück muss das Brio, der Schwung, erst erarbeitet werden: es beginnt mit fortissimo-Schlägen, zwischen denen sich ein weites Spektrum an Geräuschen – nicht nur aus dem Schlagwerk, sondern auch als tonlose Blas-, Klopf-, Reibe- und Kratzgeräusche aus dem gesamten Instrumentarium – breitmacht, kurzzeitig auch mit Mikrotonalität. Die Räume zwischen den Schlägen füllen sich graduell mit Tönen, gleichzeitig fügen sich auch die ff-Schläge zu einer Art Melodie zusammen, definitiv mit Brio, hinreißend gar. Es entstehen Wellen melodischer Tonalität. Diese Wellen entwickeln einen Sog, und die wiederkehrenden Schlag- und Geräuschphasen erzeugen eine Spannung, die das Publikum in Atem halten. Orchester und Dirigent zeigten sich in bester Verfassung, musizierten konzentriert und mit Engagement – es war ein ausgezeichneter und zugleich ungewöhnlicher Konzert-Auftakt!

Im Doppelkonzert von Johannes Brahms spielte Lisa Batiashvili zusammen mit Gautier Capuçon. Nach den einleitenden Orchesterfanfaren setzte das Cello mit vollem, rundem Klang ein, betont breit, eher weich in der Artikulation, und sehr frei im Tempo (Brahms schreibt: in modo d’un recitativo, ma sempre in tempo) – rein gefühlsmäßig waren die Solostellen oft eher langsamer als die orchestralen Teile, nutzten relativ viel Rubato. Die Intonation schien mir sauber, obwohl ich zu erkennen glaubte, wie heikel die beiden einleitenden Soli in dieser Hinsicht sind: mussten die Solisten sich an die Akustik gewöhnen, oder musste ich mich als Hörer von Widmanns Con Brio auf die romantische Tonalität umstellen? Beide spielten ausgesprochen lyrisch, im Cello gar oft elegisch, mit Tendenz zu Legato. Das Tempo erschien dadurch breiter als es tatsächlich war. Generell fiel auf, wie gut die Solisten auf einander abgestimmt waren; auch wenn Gautier Capuçon im Ton zu führen schien, widmete er sich doch ganz dem Spiel von Lisa Batiashvili. Bei den lyrischen Passagen fanden die beiden zu einem fast intimen Zusammenspiel, das stark kontrastierte zu den wild-dramatischen Stellen.

Der langsame Satz, eine von Brahms’ schönsten Eingebungen, war ein berückender Zwiegesang, mit wunderschön aus dem Orchester herauswachsenden Soli. Hier fiel auch der warme Klang der Violine auf, (leider) oft mit recht starkem Vibrato. Im letzten Satz dominierten die dramatischen Aspekte. Dabei tendierten Solisten und Orchester dazu, auf die dramatischen Stellen hin leicht zu beschleunigen – jugendlicher Übermut? Im ganzen Werk war die Orchesterbegleitung untadelig und einfühlsam; das einzige, was mir auffiel, war, dass die Violinen durch die Präsenz der Solisten stark an den linken Rand des Podiums gedrängt wurden, womit die Raumakustik etwas aus der Balance geriet.

Jörg Widmann © Marco Borggreve
Jörg Widmann
© Marco Borggreve
Nach der Pause folgte als schweizerische Erstaufführung die Elegie von Jörg Widmann, mit ihm selbst als Solisten. In diesem 2006 in Hamburg uraufgeführten Stück wollte Widmann „die Klarinette neu erfinden“ – und er geht ins Extreme dabei! Der Beginn mit seinen liegenden Tönen erinnert an ein Kammerspiel, fast harmlos; das ändert sich aber rasch, und es war faszinierend zu hören, was die Klarinette zu leisten vermag: mikrotonale Intervalle, mehrstimmiges Spiel, Krächzen, Schreien gar, in höchsten Lagen flötend, dann wieder hin zu geschwätziger Virtuosität, lebhaft Geschichten erzählend im Solo.

Das von Lionel Bringuier mit sicherer Hand geführte Orchester begleitete intensiv, ein weites Klangspektrum abdeckend, von leisesten Tönen, vom „komponierten Tinnitus“ (auf dem Akkordeon intoniert) über tumultuöse Passagen hin zu Stellen, die für mich das Bild einer Grotte evozierten, von deren Decke erst Wasser tropfte, dann ein Regen von Glitzersternen. Das Stück verklingt ganz in der Stille, und am Schluss schien der Saal für fast eine halbe Minute den Atem anzuhalten, bis der Applaus einsetzte. Die Musik war überwältigend, mit einer beim ersten Hören schwerlich erfassbaren Vielfalt – eine vollends überzeugende Darbietung, wozu man allen Ausführenden nur gratulieren kann!

Den Abschluss bildete SkrjabinPoème de l’extase, vielleicht das populärste Orchesterwerk des Komponisten. Hier dominierte trotz extrem reichem Instrumentarium ein transparentes Klangbild, die Musik war nie schwülstig oder pastos, selbst an Stellen, bei denen die Komposition dahin tendiert. Dieses Werk kann manchmal an schwüle, wenn nicht brüllende Mittagshitze erinnern, hier dachte man eher an freudig erregtes Volksgetümmel, und die leisen Stellen hörten sich beinahe an wie reiches Waldweben, reinste Natur. Natürlich waren da auch die ekstatischen Momente, aber selbst die letzten Steigerungen empfand ich als heiteren Glanz mehr denn pastose Dichte – ein mitreißender, nicht erdrückender Schluss, und ein Gänsehaut-Moment!

Ich kann mich nur wiederholen: das Orchester zeigte sich in Bestform, speziell die Blechbläser waren exzellent, und Lionel Bringuier war bei diesem Programm ganz in seinem Element – wir können uns freuen auf eine aufregende Konzertsaison!