Mit Les Horaces gab das Theater an der Wien am 18.10.2016 nach Les Danaides in der letzten Spielzeit die zweite der drei Pariser Opern von Antonio Salieri zum Besten. Der in Legnano in Oberitalien geborene, zeitlebens in Wien wirkende und temporär für die französische Hofoper arbeitende Komponist verfasste die Tragédie lyrique auf ein Libretto Nicolas-François Guillard nach Pierre Corneilles Horace. Das Werk, welches am 2. Dezember 1786 im Hoftheater in Versailles uraufgeführt wurde, fiel wegen des schlechten Librettos durch, wurde nach nur drei Aufführungen wieder abgesetzt und geriet fast gänzlich in Vergessenheit. In neuerer Zeit wieder öfter gespielt, kam es nun am Theater an der Wien in einer konzertanten Aufführung in französischer Sprache auf die Bühne und bestach dabei durch eine perfekte Besetzung und eine exzellente Interpretation.

Christophe Rousset © Ignacio Barrios Martinez
Christophe Rousset
© Ignacio Barrios Martinez

Der dank seiner innovativen Dirigate und dem Ausgraben vieler unbekannter barocker Opernperlen durchaus bekannte Christophe Rousset dirigierte das 1982 von ihm gegründete Ensemble Les Talens Lyriques, das er, alle musikalischen Nuancen ausreizend, gekonnt durch den Abend führte. Immer wieder schaffte er es, dem auf Originalinstrumenten spielenden Orchester im richtigen Moment passende Farben zu entlocken, nie zu langsam, nie zu schnell und dynamisch immer punktgenau.

Dies ermöglichte es den Sängern, die Rollen ebenso perfekt auszufüllen. Allen voran bestach die einzige Dame des Casts, Judith van Wanroij, in der Rolle der Camille, die als Leidtragende in Curiaces Konflikt zwischen Liebe und Ehre zwischenzeitlich den Kürzeren zieht. Sie wusste die Trauer, die Verzweiflung, die Enttäuschung in den lyrischen Szenen wie auch die kraftvoll-pathetischen, dramatischen Passagen auf eine Art und Weise vorzutragen, die dem Publikum vor Augen führten, dass sie definitiv zu einer der differenziertesten und beweglichsten Sängerinnen ihres Fachs gehört.

Zu Beginn noch nicht ganz warm und darum in den Höhen mit etwas weniger Strahlkraft und Brillanz war Cyrille Dubois als Curiace zu erleben. Spätestens nach einer guten halben Stunde aber fand er dann zu voller sängerischer Qualität. Insbesondere die Duette mit Judith van Wanroij waren dabei von einer mehr als überzeugenden Leichtigkeit und Feinheit, sodass es eine reine Freude war, den beiden zuzuhören. Julien Dran in der Rolle des jungen Horace stand dem Liebespaar allerdings kaum nach; er beherrschte Rolle und Fach ganz wunderbar, war zwar in Teilen vielleicht ein wenig zu lyrisch, was aber in Anbetracht der Rolle eine reine Geschmacksfrage und keinesfalls ein Qualitätsurteil ist.

Unglaublich eindrucksvoll war auch der gleichsam schwarze Bass von Jean-Sébastien Bou, der den alten Horace sang. Fast Mark und Bein durchdringend war er auf der Bühne klanglich dermaßen präsent, dass er weniger exzellente Kollegen deutlich in den Schatten gestellt hätte. Auch ihm gelang es immer wieder, den Spagat zwischen Dramatik und Lyrik eindrucksvoll unter Beweis zu stellen.

Die durchgängig den Chor unterstützende Eugénie Lefebvre war als Vertraute von Camille zu erleben; fast schon schade, dass die Oper keine tragendere Solistenrolle für sie bereit hielt und ihr Talent als „einfache Chorsängerin“ im großen Klang des sehr hervorragenden Chors die meiste Zeit unterging. Der Chor selbst, Les Chantres du Centre de musique baroque de Versailles, brachte vor allem die terreur-Passagen mit einer für einen so kleinen Chor ungewöhnlichen Dramatik gekonnt zum Ausdruck. Dank der tollen Einstudierung durch Olivier Schneebeli war er bei jedem Einsatz mehr als präsent. Zeit- und repertoiregerecht waren hier keine Altistinnen zu erleben, dafür aber sechs Haut-Contres. Es wäre eine Freude, diesen Chor einmal szenisch erleben zu dürfen.

Insgesamt war der Abend sehr gelungen, einzig das Manko der „bloß“ konzertanten Aufführung bleibt. Eine so exzellente Besetzung bereitet zwar auch nur beim bloßen Zuhören mehr als Spaß, mit einer guten Inszenierung wäre es aber möglich gewesen, die jeweiligen Stimmpotenziale noch mehr in Szene zu setzen. Hoffen wir, dass das Theater an der Wien den Salieri-Paris-Zyklus nächstes Jahr mit Tarare zu Ende führen wird!