Im Programmheft zu dieser Neuinszenierung von Richard Strauss' Salome an der Deutschen Oper in der Bismarckstrasse könnte es heißen: „Dieser Abend wird unterstützt von Herrenausstatter Fischer am Kurfürstendamm oder vom Label Pierre Cardin. Den geneigten Zuhörer und Zuschauer würde es nicht verwundern.

Jeanne-Michèle Charbonnet (Herodias) und Catherine Naglstad (Salome) © Monika Rittershaus | Deutsche Oper
Jeanne-Michèle Charbonnet (Herodias) und Catherine Naglstad (Salome)
© Monika Rittershaus | Deutsche Oper

Nachdem wir uns zu Beginn in einer stark eingedimmten Szenerie an die Akteure gewöhnt haben, verschwinden die Männer undefinierbar in feinen Anzügen, die auf Stangen aufgereiht sind – vielleicht 100 oder 150 Stück. Zwischen ihnen treten Sänger hervor, mechanisch, wie aufgezogen. Es heißt dem Regisseur sei dieser Einfall gekommen, weil Richard Strauß den Besuch in Bekleidungshäusern als angenehm empfunden habe – und weil so ein Effekt der Gleichmacherei zu bewerkstelligen war. Das ist gelungen: ein schwer verständliches Personenpuzzle, in dem selbst Jochanaan zum Jederman wird.

So wirkt das ganze Unternehmen merkwürdig zerfasert; wieder einer der vielen Versuche, Opernstoffen Interpretationen mit aller Gewalt aufzuzwingen. Mit psychologischen Analysen in neuen Denkanordnungen lässt sich alles begründen, selbst der Fliegende Holländer in einem Börsensaal oder die Rolle der Salome als Dragqueen, wie in Berlin geschehen. Im Programmheft werden Begründungen für die neue Sichtweise gegeben: „Diese Salome … ist ein Kind, eine Jugendliche in großer Not offensichtlich, schwer beladen mit monströsen Fantasien … Was auch immer sicher ist: es gibt eine Mutter und einen mächtigen, übermächtigen Stiefvater in dieser bösen Welt. Und dieser Stiefvater okkupiert und bedrängt das Kind Salome.“

Herodes als Kinderschänder! Als vielfacher Kinderschänder sogar, so erklärt sich der Auftritt von fünf kleinen, tanzenden Salomes, wohl aus der Kinderballettgruppe, die im Tanz der Salome wie Puppen manipuliert, gelenkt, geführt werden. Für die große Salome, die in ihrer starken Körperlichkeit nicht zum verführerischen Auftritt taugte, bleiben nur ein paar Drehungen, in die sie auch die Mutter mit einbezieht. Das alles, so heißt es im Vorwort zur Inszenierung, könne nur dem Phantasiehorizont der Hauptheldin entstammen, der kindlichen Welt der Salome. So gesagt, aber nicht umgesetzt. Das funktioniert weder beim Herrenausstatter noch zu Beginn, bei dem die Figuren in spastischen Bewegungen wie mechanische Puppen der Ausstrahlung Salomes erliegen. Die vermeintliche Seelen-Sezession muss so scheitern.

Jeanne-Michèle Charbonnet (Herodias), Michael Volle (Jochanaan) & Catherine Naglstad (Salome) © Monika Rittershaus | Deutsche Oper
Jeanne-Michèle Charbonnet (Herodias), Michael Volle (Jochanaan) & Catherine Naglstad (Salome)
© Monika Rittershaus | Deutsche Oper

Bleibt die Musik: die Besetzung des Abends ist einwandfrei. Catherine Naglestad ist stimmlich außerordentlich präsent, auch wenn es an Differenzierungen mangelt. Sie ist zu einer gefragten Wagner-Sängerin geworden und bleibt dieser Diktion auch bei Richard Strauß treu. Michael Volle als Jochanaan wirkt eindringlich überzeugend, Burkhard Ulrich  als Herodes sicher und Jeanne-Michèle Charbonnet wie immer perfekt erfahren. Und das Orchester unter Alain Altinoglu spielt mächtig auf – auch hier wie bei der Staatskapelle unter Barenboim in der Nachbarschaft gibt es Richard Wagner und nicht Richard Strauß.

Die Berliner erinnern sich an eine rauschhafte musikalische Aufführung mit Guiseppe Sinopoli in der Regie von Achim Freyer, und Dresdner an legendäre Inszenierung in der großen Geschichte der Semperoper. Alles zu Zeiten, in denen man sich am Werk und nicht an tiefenpsychologischer Spurensuche orientierte. Eine abschließende Anmerkung zur Rolle des Jochanaan: er muss sich aus einem Lumpenberg heraus erheben und ist später im Anzug mit Krawatte nicht die ausgezehrte, bleiche, unschuldig–begehrenswerte Figur, deren Gesang vom Ende der Welt kündet. Salome, die Verderbte, ist in Wahrheit eine Verführte; Herodes Päderast wird zum Kinderschänder.

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