Nach knapp acht Jahren ist das Boston Symphony Orchestra mit ihrem Chefdirigenten Andris Nelsons wieder auf Tournee in Europa unterwegs und gastierten nach den Proms in London auch bei den Salzburger Festspielen. Dabei hielt es nach der Zugabe keinen einzigen der Zuhörer im Großen Festspielhaus beim Schlussapplaus mehr auf den Sitzen.

Yo-Yo Ma, Andris Nelsons und das Boston Symphony Orchestra © Marco Borelli
Yo-Yo Ma, Andris Nelsons und das Boston Symphony Orchestra
© Marco Borelli

Mit Richard Strauss' Tondichtung Don Quixote, Op.35 begann das BSO seinen Konzertabend. Den Roman von Cervantes Saavedra aus dem 17. Jahrhundert vertonte Strauss so lebendig, dass man der Handlung, die in zehn Variationen dargestellt wird, nur allzu gut folgen kann. So wird sogar eine Windmaschine eingesetzt, um den „Ritt durch die Luft“ in Variation sieben zum Ausdruck zu bringen. Diese wirkte auch in Salzburg wieder sehr eindrucksvoll und ergab zusammen mit den aufbrausenden Streichern einen stürmischen Ritt des Don Quixote. Sein immer wiederkehrendes Thema, einem Leitmotiv ähnlich, wurde vom Starcellisten Yo-Yo Ma interpretiert, der dazu noch ein Solistenkonzert bei den Salzburger Festspielen gibt. Man gewann den Eindruck, dass Yo-Yo Ma am liebsten im Stehen spielen wollte, so sehr bewegte er sich auf seinem Stuhl und schwang sein Cello hin und her.

Das war äquivalent zu seinem Ton: Yo-Yo Mas Don Quixote erklang sehr rau und manchmal kratzig, wirkte rastlos, wie auch das Spiel des Orchesters, denn Nelsons bekannt energischer und bewegter Dirigierstil spiegelte sich wiederum im impulsiven Spiel des Orchesters wider. Kurze, schroffe Abphrasierungen ergaben sowohl bei Strauss als auch bei Schostakowitschs Zehnter Symphonie den harten Ton, der auch bei Yo-Yo Ma überwiegend zu hören war, sehr kraftvoll und energisch. Umso lieblicher und rührender wurde die sechste Variation, die „Begegnung mit Dulcinea“. Hier fand er die perfekte Balance zwischen seinem rauen Ton und einem leicht-anmutigen, der mit großem Vibrato geschmückt wurde. Mit dieser Passage wurde zur Mitte des Stückes endgültig jeder im Großen Festspielhaus in den Bann gezogen.

Schostakowitschs Zehnte Symphonie entstand nach Stalins Tod, der für ihn wie ein Befreiungsschlag wirkte, und steckt voller unverarbeiteter Emotionen. Das BSO blieb dem Stil, den es bei Don Quixote gezeigt hatte, treu: Auch hier traf man wieder auf schroffe Abphrasierungen und einen rauen Ton, der den Charakter des Stückes sehr gut unterstrich. Die präzise gesetzten Diminuendi waren bemerkenswert ausgeführt; mit den für meinen Geschmack zu kurzen Crescendi verlor das Orchester jedoch die Wirkung, die die fabelhaften Fortissimo-Passagen (die es reichlich in dieser Symphonie gibt) noch mehr hätten brillieren lassen. Hier darf sich jedes Orchester austoben, und speziell die Pauken haben in Schostakowitschs Zehnter eine große Präsenz und stachen in Salzburg in positiver Hinsicht heraus. Die Schläge kamen präzise und intensiv und waren Abbild des impulsiven Spiels des gesamten Orchesters. Weniger exakt erklangen dagegen die Streicher. Ihr Spiel klang etwas verwaschen, was dem grandiosen Gesamteindruck jedoch keinen Abbruch tat.

Eine weitere Freude für die Ohren waren die feinen piano-Stellen und besonders das subito piano im zweiten Satz, das so urplötzlich da war, dass man fast schon kurz erschrak, bevor man den leisen feinen Geigenklängen lauschen konnte, die schon bald wieder in ein fulminantes Forte führten.

Das Boston Symphony Orchestra spielte wie Andris Nelsons dirigiert: durchweg energisch, kraftvoll und immer nach vorne treibend. Seit einem Jahr ist er nun Chefdirigent der Bostoner und augenscheinlich haben sich Orchester und Dirigent gut auf einander eingespielt. Auch Solist Yo-Yo Ma hat sich wunderbar eingefunden, verstand es, sowohl solistisch zu brillieren als auch sich ein wenig zurückzunehmen. 

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