Es gibt Geschichten, da fiebert man bis zum Ende mit, und gerade dann, wenn alles gut zu werden scheint, kommt das große Unglück. So eine Oper ist Giuseppe Verdis Ernani. Drei Männer buhlen um die Gunst einer Frau, die sich ohnehin schon längst für den Titelhelden entschieden hat, doch das Glück bleibt ihnen allesamt verwehrt. Blut, Tod, Tränen, man möchte fast sagen: typisch Verdi. Doch die konzertante Aufführung im Großen Festspielhaus bei den Salzburger Festspielen gibt dem Werk die ideale Gelegenheit, jenseits überladener Inszenierungen und Bühnenbildern zu wirken. Und siehe da, Ernani wird zur großartigen, gehaltvollen Liebesgeschichte.

Verdis <i>Ernani</i> konzertant © Marco Borelli | Salzburger Festspiele
Verdis Ernani konzertant
© Marco Borelli | Salzburger Festspiele

Nicht zuletzt wegen der großartigen Sänger hoffte man bis zum Ende, dass Ernani seinen Schwur, sich beim Klang von Silvas Horn selbst zu töten, nicht wahr machen würde. Vor allem, weil man nicht aufhören mochte, Francesco Meli als Titelheld zu lauschen. Sein klares Timbre überstrahlte alles. Er war klar und deutlich bis in die letzten Winkel des Festspielhauses zu hören, ohne, dass sein Vibrato etwas Gepresstes gehabt hätte, und seine warmen Klangfarben unterzeichneten den traurigen und verzweifelten Ernani im Finale so wunderbar authentisch, dass man getrost auf ein Spielen der Rolle verzichten konnte. Da erzählte die Stimme genug, besonders in der astreinen Oberstimme.

Meli war titel- und tongebend, da mussten sich die anderen Sänger schon ins Zeug legen, um an seine Lautstärke ran zu kommen – was nicht bedeutete, dass sie ihm in puncto Können nachstanden. Wenn auch nur bedingt mit Einsätzen versehen, gab Vittoria Yeo eine verliebt-verzweifelte Elvira. Wunderbar weich sang sie die Bögen aus, konnte aber auch mit starken Spitzentönen überzeugen. Wie schade, dass sie zwischen den vielen Parts der Männer so wenig Möglichkeiten hatte, zu wirken. Das letzte Duett mit Francesco Meli ließ sie allerdings in guter Erinnerung bleiben. „Schuld“ an diesem großen Leidensduett hat Gegenspieler Silva, gesungen von Ildar Abdrazakov, dessen grollender Bass ihn stets als bedrohlichen Schurken erscheinen ließ . Höchst flexibel sang er durch die Partie, und besonders seine langen tiefen Töne wirkten nach. Luca Salsi als Carlo letztlich klang schon majestätisch, noch ehe seiner Rolle die Kaiserkrone verliehen wurde; bei allen Verzierungen und Melodieläufen war er stets klar verständlich.

Wie in den Hauptpartien dominierten auch im Chor die Männer die Einsätze, mal aufbrausend als wilde Banditenmeute, dann wieder im altbekannten melodiösen Verdi-Stil, doch auch die wenigen Einsätze der Damen saßen sauber. Riccardo Muti hatte seine Sänger fest im Griff, noch mehr aber sein Orchester, zusammengestellt aus dem Orchestra Giovanile Luigi Cherubini und Mitgliedern des Mozarteumorchesters Salzburg. Was in dieser konzertanten Aufführung nicht durch Kulisse und Regie ausgedrückt wurde, zeigte er in der Musik. Sei es der sakral anmutende Klang in der Kirche vor Carlos Krönung und die samtig weichen und leisen Passagen in den Duetten der Liebenden, Muti gestaltete jede Situation mit viel Feingefühl für die jeweilige Stimmung.

Trotz der äußerst limitierten Bühnenhandlung war man nach Ende dieser konzertanten Vorstellung der Meinung, man habe eine „ganze“ Oper gesehen. Wie wunderbar Musik alleine dazu fähig ist, die schönsten Geschichten zu erzählen, wie gehaltvoll Verdis Ausarbeitung der Texte in ihr erscheint – all das konnte man an diesem Abend auf märchenhafte Weise erfahren. Schade, dass es die letzte Vorstellung war.