Rot. So würde man wohl die Produktion von Il trovatore  der Salzburger Festspiele beschreiben, wenn man dies in nur einem Wort tun müsste. Die Wiederaufnahme von Alvis Hermanis' Inszenierung wurde schon im Jahr zuvor viel kritisiert, dennoch war diese Produktion, zusammen mit der Wiederaufnahme von Norma, als erste ausverkauft. Grund dafür war sicherlich die Besetzung: Anna Netrebko in der Rolle der Leonora zieht die Besucher schier magisch an.

Il trovatore - Ensemble © SF Forster | Salzburger Festspiele
Il trovatore - Ensemble
© SF Forster | Salzburger Festspiele

Die Handlung einer wie so oft unglücklichen Liebesgeschichte – Leonora liebt Manrico, doch Graf Luna liebt Leonora ebenfalls; es kommt zu Rivalitäten, im Zuge derer Luna den Troubadour tötet und hernach von der Zigeunerin Azucena erfährt, dass er soeben seinen ermordet geglaubten Bruder hingerichtet hat – lässt Hermanis gänzlich in einem Kunstmuseum mit großen Gemälden an den Wänden ablaufen: Leonora arbeitet hierin als Museumswärterin und verwandelt sich einige Male in ein Fräulein des 15. Jahrhunderts, ganz in rotem Samt gekleidet, ebenso alle weiteren Darsteller der Vergangenheit, in die sich das Museumspersonal träumt. Mit den roten Wänden, die ständig über die Bühne gleiten, ist das für meinen Geschmack aber doch etwas zu viel der Farbe Rot.

Die Idee, zwei Zeiten, die des 15. Jahrhunderts mit der des 21. Jahrhunderts, in der Inszenierung verschmelzen zu lassen, ist meiner Meinung nach weniger gut gelungen. So sitzen Museumsbesucher da und beobachten die tragische Handlung, was absonderlich wirkt, und auch Leonoras Wechsel von einer Museumswärterin zum Fräulein sind mir nicht ganz schlüssig. Die gesangliche Leistung des Ensembles und das Spiel der Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Gianandrea Noseda haben aber für Entschädigung gesorgt.

Francesco Meli (Manrico) und Anna Netrebko (Leonora) © SF Forster | Salzburger Festspiele
Francesco Meli (Manrico) und Anna Netrebko (Leonora)
© SF Forster | Salzburger Festspiele
Unter Nosedas Leitung spielten die Wiener Philharmoniker besonders akzentuiert und scharf artikuliert. Noseda verstand es dabei Chor, Solisten und Orchester genauestens zusammenzubringen. Leider war er in seinem Dirigat bisweilen etwas zu überschwänglich und so war das Orchester an manch wenigen Stellen zu laut, so dass sie die Solisten, besonders die männlichen Partien, keine Chance hatten, dagegen anzukommen. Abgesehen von diesen kleinen Momenten der Unstimmigkeit war das Zusammenspiel von Sängern und Orchester sehr stimmig und harmonisch.



Am meisten begeistert haben an diesem Abend natürlich Anna Netrebko sowie ihre Landsfrau Ekaterina Semenchuk. Anna Netrebko hat dabei die Erwartungen des Publikums vielleicht sogar übertroffen, zeigte sie doch scheinbar mühelos die Klarheit und Flexibilität ihrer Stimme. Die Sopranistin bestach durch ihr einzigartiges Einfühlungsvermögen und präsentierte Leonores Emotionen mal zärtlich und verliebt, im nächsten Moment flehentlich und bittend. Ihre große Bühnenpräsenz ergab sich gleichermaßen aus ihrem Spiel und ihrem Gesang, der in jeder dynamischen Nuance präsent ist. Doch auch die Mezzosopranistin Ekaterina Semenchuk hat eine großartige Stimme mit dunklem Timbre, welche das Große Festspielhaus mit Leichtigkeit ausfüllen kann. Auch sie verfügt über eine große Wandlungsfähigkeit ihrer Stimme und zeigte die Zigeunerin Azucena in einer Reihe von Farben, von lieblich bis dramatisch.

Artur Rucinski (Conte di Luna) © SF Forster | Salzburger Festspiele
Artur Rucinski (Conte di Luna)
© SF Forster | Salzburger Festspiele
Francesco Meli als Troubadour Manrico sang seine Partien sehr präzise und in einem heldischen Ton. Manche Male fehlte es ihm jedoch an dem Einfühlungsvermögen in seine Figur, sodass seiner technisch hervorragenden Gesangsleistung ein breites Spektrum von Klangfarben fehlte, das seinen Auftritt noch lebendiger gemacht hätte. Der schon letztes Jahr für Plácido Domingo eingesprungene Bariton Artur Ruciński hat auch dieses Jahr wieder die Rolle des Grafen Luna übernommen. Hierbei imponierte er dem Publikum mit sattem, starkem Ton und ausgewogener Stimmführung. Besonders in den tiefen Lagen kam seine Ausdrucksstärke zum Tragen.

Seinen Gefolgsmann Ferrando, mit dessen Erzählung die Oper beginnt, gab der rumänische Bass Adrian Sâmpetrean. Mit schönem rundem Ton erzählte er den Museumsbesuchern von der Geschichte der verfluchten Zigeunerin, sang seine Rolle versiert auf neugierig erzählende Weise oder ausdrucksvoll unheilbringend, und konnte das Publikum somit in seinen Bann ziehen.

Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (Einstudierung durch Ernst Raffelsberger) zeigte sich ausdrucksstark und stimmgewaltig. Zusammen mit den Wiener Philharmonikern bildete der berühmte Zigeunerchor im zweiten Akt somit ein weiteres Highlight des Abends. Die vielen musikalischen Höhepunkte machten für mich die kontroverse Inszenierung wieder gut und trugen zu einem wunderbaren Opernabend bei.