Groß, rostig und unbezwingbar thront das überdimensionale Eisentor im Hintergrund der Bühne. Ein Entkommen scheint unmöglich vor dem Skythenkönig Thoas, der Iphigénie schon seit 15 Jahren auf seiner Insel gefangen hält und zur Opferung von Fremden zwingt. In Moshe Leisers und Patrice Cauriers Inszenierung wird diese Insel zu einem trostlosen und kahlen Gefängnisraum, inklusive Betten aus Eisengestellen und Neonröhren (Bühnenbild: Christian Fenouillat).

Topi Lehtipuu (Pylade) und Christopher Maltman (Oreste) © Monika Rittershaus | Salzburger Festspiele
Topi Lehtipuu (Pylade) und Christopher Maltman (Oreste)
© Monika Rittershaus | Salzburger Festspiele

Diese Bühne sorgt ab dem ersten Moment für eine unbehagliche Atmosphäre, ragt über den Orchestergraben, und die einzige Wärme scheinen herumliegende Kleiderhaufen zu bieten, die vermutlich einmal den geopferten Fremdlingen gehörten. Alles ist trostlos, selbst die Farben der Kostüme, man kann verstehen, warum Iphigénie die Götter anfleht, sie von diesem trostlosen Leben zu befreien. Leiser und Caurier lassen an König Thoas wenig Royales; viel mehr scheint er ein gefühlloser und rauer Gefängnisdirektor, der nach Blutopfern giert und eine Horde Schläger beschäftigt. Da kommt einem mit unter der ein oder andere Gedanke an Guantanamo in den Sinn. Von der ursprünglichen Handlung aus der griechischen Mythologie ist wenig geblieben, was nicht schadet, da es ganz neue Ansätze für die Aussage des Werkes in sich birgt.

In so einem düsteren Szenario musste sich selbst die sonst so strahlende Cecilia Bartoli fügen und mit raspelkurzen Haaren und fahlen Fetzen auf der Bühne stehen (Kostüm: Agostino Cavalca). Im Gegensatz dazu stand ihre musikalische Glanzleistung: Sie versah die Rolle der Iphigénie mit viel Tiefe und Authentizität. Anfangs noch hoffnungslos und traurig sang sie jammernde Bögen und Melodien mit seufzendem Charakter, ihr starkes Piano hatte etwas unglaublich Verletzliches. Im Verlauf der Handlung wurde sie immer temperamentvoller und rachsüchtiger. Scharfe und gleichzeitig astreine Spitzentöne schmetterte sie durch das Haus für Mozart; diese Iphigénie ist bereit, alles zu tun, um ihren Bruder Oreste zu retten, und man zweifelt keine Sekunde daran.

In der Rolle dieses Bruders bot Christopher Maltman ebenfalls eine sehr facettenreiche Darstellung seiner Rolle, sängerisch wie darstellerisch. Seine Tiefen hatten etwas Grollendes, Bedrohliches – Oreste hatte seine Mutter ermordet und diese Last drückte ihn durchwegs. Er nutzte feine Nuancen seiner Klangfarben perfekt aus; besonders expressiv war er im Forte, wenn Oreste die Gedanken an seine Gräueltaten plagten, weicher wurde er, als er seinen Freund und Mitgefangene Pylade anflehte, anstelle seiner die Begnadigung vor dem Tod anzunehmen.Von seiner Vergangenheit getrieben und trotzdem standfest trat Maltmans Oreste auf, auch dann noch, als er völlig entkleidet auf seine Opferung wartet, was bei diesem gestählten Körper besonders bei den weiblichen Festspielbesuchern Eindruck gemacht haben dürfte. 

Christopher Maltmann (Oreste) © Monika Rittershaus | Salzburger Festspiele
Christopher Maltmann (Oreste)
© Monika Rittershaus | Salzburger Festspiele

Bei Topi Lehtipuu in der Rolle des Pylade war es durchaus bedauerlich, dass er verhältnismäßig wenig Soloparts zu singen hatte; seinem klaren und doch samtigen Timbre hätte man gerne etwas länger gelauscht. Michael Kraus trat als Thoas sehr schroff auf, er schmetterte Höhen wie Tiefen geradezu in den Publikumsraum, was die brutalen Aspekte seiner Rolle durchaus gut unterstrich, an manchen Stellen aber dynamisch gesehen ein wenig zu viel des Guten war. Und zwischen all der Trostlosigkeit, Gewalt und Tristesse tauchte schließlich, komplett mit Gold bedeckt, die Göttin Diana (Rebeca Olvera) auf, die sowohl mit ihrem goldenen Kostüm als auch ihrer reinen und klaren Stimme das Geschehen überstrahlte.

Dem Chor, der sehr stark in die Inszenierung eingebunden ist, gilt ebenfalls besondere Beachtung . Dass der Chor auch ideal als aktiv handelnder Part eingesetzt werden kann, das wusste zwar schon Gluck zu schätzen, doch Leiser und Caurier treiben es auf die Spitze. Dabei verlor der Coro della Radiotelevisione Svizzera nichts an seiner sängerischen Ausdruckskraft. Die Priesterinnen waren perfekt auf einander abgestimmt und glänzen mit klaren und höchst deutlichen Partien, und auch sonst stimmte bei den Chorparts alles. Höchst agil waren die Sänger und als ganzes sehr dynamisch. Das Orchester steht an diesem Abend, wortwörtlich, im Schatten der Sänger.

C. Bartoli (Iphigénie), C. Maltman (Oreste), M. Kraus (Thoas) & Coro della Radiotelevisione Svizzera © Monika Rittershaus | Salzburger Festspiele
C. Bartoli (Iphigénie), C. Maltman (Oreste), M. Kraus (Thoas) & Coro della Radiotelevisione Svizzera
© Monika Rittershaus | Salzburger Festspiele

Wie bereits genannt steht die Bühne über den Orchestergraben hinaus, was dem Originalklang Orchester I Barrocchisti unter der Leitung von Diego Fasolis teilweise die klanglichen Wirkungsmöglichkeiten nimmt. Doch trotz dieser Einschränkung gelang es Fasolis, ein ausgeglichenes Klangbild von Sängern und Instrumentalisten zu schaffen. Er akzentuierte wo es nötig ist, wodurch der Klang des Orchester immer wieder neue Facetten erhielt, und auch den Soloinstrumenten bot Fasolis eine eigene Bühne, ohne die anderen Instrumentalisten zu vernachlässigen.

Bei dieser Iphigénie wird nichts geschönt. Hier wird die nackte Wahrheit gezeigt, ein Grundgedanke durchgeführt, der so gar nicht zu Glucks prächtiger Musik passen will – Im ersten Moment, denn dann wird klar, dass diese Verbindung zwischen dem Schönen und dem Hässlichen auf der Welt keine Möglichkeit lässt, die Augen vom Tragischen im Menschen abzuwenden. Auch wenn diese Inszenierung dadurch einige Buh-Rufe abbekam, so sind sie doch als Bestätigung zu sehen, dass diese Aufführung etwas im Publikum bewegt hat. Der noch größere Ausdruck der Begeisterung bestärkt das nur.

****1