Eine Schubertiade im ursprünglichen Sinne, das ist der professionelle Vortrag neuester Werke Franz Schuberts und geselliges Beisammensein im privaten Kreise. Heute werden ganze Konzertabende so bezeichnet. Im Großen Saal der Stiftung Mozarteum schafften es Oliver Widmer & Friends jedoch, dass man sich einen Abend lang wie in Schuberts Zeiten zurück versetzt fühlte. Das Licht ist gedimmt, goldene Stühle und Bänke mit roten Polstern stehen im Halbkreis auf der Bühne, dazwischen kleine Holztischchen mit Lampen, die angenehm warmes Licht verbreiten. Das Ambiente des Großen Saals in der Stiftung Mozarteum ist nicht zu vergleichen mit dem der anderen Konzerte, man meint, tatsächlich in einem Salon des 19. Jahrhunderts zu sitzen. Dann kommen die Künstler auf die Bühne und nehmen auf den Stühlen und Bänken Platz.

Oliver Widmer © Silvia Lelli / Salzburger Festspiele
Oliver Widmer
© Silvia Lelli / Salzburger Festspiele
Nicht nur das Ambiente, auch das Programm war an diesem Abend ein besonderes. Neben dem bekannten Liedgut Schuberts lag der Fokus auf den selten aufgeführten Liedern für Männerchöre. Dirigent Diego Fasolis leitete die Mitglieder des Coro della Radiotelevisione Svizzera aus Lugano durch Werke wie den „Gondelfahrer“ oder die „Nachthelle“. In einer unglaublich dichten Einheit zeichnete Fasolis mit seinen Sängern die Inhalte der Lieder mit feinster Phrasierung und Dynamik. Man mochte fast vergessen, dass es sich hier nicht etwa um Muttersprachler handelte. Hervorragend harmonierten die Sänger auch mit den vier Waldhörnern, die den „Nachtgesang im Walde“ begleiteten. Ebenfalls eine seltene Angelegenheit, doch das perfekte Zusammenspiel von Chor und Instrumentalisten ließen die Begleitung durch Blasinstrumente nicht etwa laut oder gar hart erscheinen.

Hinter der grandiosen Chordarbietung brauchten sich die Solisten jedoch nicht etwa verstecken, und an diesem Abend waren große Stimmen zu hören, zum Beispiel die von Bass Robert Holl, der sich schon lange dem Liedgut Schuberts verschrieben hat. Er versah seinen Vortrag der „Taubenpost“ mit einer Einfühlsamkeit, die auch die tiefsten Töne ganz sanft klingen ließen. Besonders hervor zu heben ist Michael Laurenz, der unter anderem Lieder aus der Schönen Müllerin sang. Der Tenor interpretierte etwa die „Ungeduld“ mit einer Inbrunst, dass man fast glauben konnte, er springe gleich von der Bühne, um zu der besungenen Geliebten zu laufen. Aber auch im Ensemble mit den anderen Sängern war sein helles, klares Timbre nicht zu überhören. Oliver Widmer stach besonders mit seiner Interpretation des „Erlkönigs“ heraus. Diese schaurige Goethe-Vertonung sang der Bariton nicht nur mit messerscharfer Phrasierung, er spielte sie auch mit seinen Bewegungen nach und ließ dem Publikum noch einen kalten Schauer über den Rücken laufen, als er den letzten Satz des Liedes, „das Kind war tot.“, fast tonlos in den Zuschauerraum hauchte.

Waldhörner und der Coro della Radiotelevisione Svizzera Lugano unter Diego Fasolis © Silvia Lelli / Salzburger Festspiele
Waldhörner und der Coro della Radiotelevisione Svizzera Lugano unter Diego Fasolis
© Silvia Lelli / Salzburger Festspiele
Ein weiteres Highlight des Abends stellten Schuberts Lieder in italienischer Sprache dar. Diese wurden von niemand Geringerem als Salzburgs Lieblingsitalienerin Cecilia Bartoli gesungen. Bartoli, die in der Festspielstadt vor allem für starke Frauenrollen wie Norma oder Angelina in der diesjährigen Cenerentola bekannt ist, überraschte als Liedsängerin mit starker Zurückhaltung im Vibrato und dafür mit umso mehr Ausdruck in den feinen Längen und Läufen der Melodie. Weibliche Unterstützung erhielt sie von Marie-Claude Chappuis, die mit dem „Ständchen“ vor dem begleitenden Männerchor brillierte. Über all diese grandiosen Darbietungen wachte Ann Beckman am Klavier, die jedes der Lieder stimmungsvoll unterstrich. Sie entlockte dem Hammerklavier Klangfacetten, die den „Erlkönig“ einen erschrecken und die „Taubenpost“ fliegen ließen.

Das Publikum kam an diesem Abend gar nicht mehr zu Ruhe und feiert die Künstler so sehr, dass diese aus dem Zugaben geben gar nicht mehr heraus kamen. In diesen Zugaben sah man den Sängern den Spaß erst so richtig an. Jeder wollte noch einmal nach vorne treten und sich mit einem Lied bedanken. Bartoli stiftete ihre Kollegen sogar mit derartiger Überzeugung zum mitsummen an, dass Diego Fasolis das Publikum kurzerhand mit in sein Dirigat einbezog. Die Große Schubertiade war mit Sicherheit einer der außergewöhnlichste Konzertabende des Sommers, nie waren die Festspiele so privat und vertraut. Selten waren die Festspiele so brillant.

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