Bereits letztes Jahr sprengte Harry Kupfers Inszenierung des Rosenkavaliers alle Erwartungen. Dieses Jahr scheint die gesamte Produktion sich noch einmal gesteigert zu haben, mit einer grandiosen Krassimira Stoyanova und einem noch ausgefuchsteren Günther Groissböck als Ochs. Danach sitzt im Großen Festspielhaus keiner mehr still.

Sophie Koch (Octavian) und Golda Schultz (Sophie) © Monika Rittershaus | Salzburger Festspiele
Sophie Koch (Octavian) und Golda Schultz (Sophie)
© Monika Rittershaus | Salzburger Festspiele

Der Rosenkavalier ist eine Oper, wie sie wienerischer nicht sein könnte. Der Hof und seine Etikette, das Beisl im Prater, einfach alles deutet auf ein scheinbar österreichisches Klischee hin. Übermäßig ausgestattete Inszenierungen an sämtlichen Opernhäusern der Welt haben ihr Übriges dazu getan; Harry Kupfer löst sich jedoch von all dem und zeigt das Wesentliche der Handlung. Im Zentrum stehen bei ihm die zwischenmenschlichen Geschehnisse und eine ausdifferenzierte Darstellung der einzelnen Charaktere. Man spürt, dass hier hinter jeder Figur eine ausgefeilte Geschichte steckt. Ganz ohne Prunk kommt auch diese Inszenierung nicht aus, doch werden hier einzelne, bedacht gewählte Rokoko-Elemente wie etwa ein verschnörkeltes Tor oder ein mit Seidenkissen überfülltes Bett herangezogen (Bühnenbild: Hans Schavernoch). Auch die Kostüme sind nicht überladen, sondern glänzen eher mit Liebe zum Detail, seien es die bunten Kostüme Octavians oder der federbesetzte Mantel der Marschallin (Kostüme: Yan Tax).

Krassimira Stoyanova (Feldmarschallin) und Sophie Koch (Octavian) © Monika Rittershaus | Salzburger Festspiele
Krassimira Stoyanova (Feldmarschallin) und Sophie Koch (Octavian)
© Monika Rittershaus | Salzburger Festspiele
Ursprünglich wollten Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal ihrer Oper den Namen Der Ochs von Lerchenau geben, letztlich sollte der Name aber dann doch nicht eine einzige Rolle in den Vordergrund stellen. Der inoffizielle Titel des Rosenkavaliers bei den Salzburger Festspielen könnte aber dennoch der erstgewählte sein, das hat die Produktion der einmaligen Besetzung des Ochs’ mit Günther Groissböck zu verdanken. In den meisten Produktionen ist der Ochs ein schwerfälliger, und wegen des stimmlichen Umfangs der Rolle älterer Mann, der den dumpfen Onkel gibt. Ganz anders Groissböck. Sein Ochs ist ein eingebildeter und dennoch charmanter Playboy, der einfach an seiner Überschätzung stolpert.

Im Salzburger Rosenkavalier erklingt im ersten Akt auch der ungekürzte Ochs-Monolog, den Groissböck locker bewältigt. Stimmlich fehlt es da an nichts, er hält die Spannung bis in den letzten tiefen Ton. So wie er die Figur des Ochs spielt, singt er ihn auch; aufbrausend im Forte und stets mit Dialekt. Als Marschallin schon im Vorjahr gefeiert gibt Krassimira Stoyanova dieses Jahr wieder eine großartige Darbietung. Ist sie mit ihrem geliebten Octavian zusammen, ist ihr Timbre ganz weich und sie flüstert ihm quasi ihre Liebe in sanften Melodieläufen, gilt es allerdings, sich gegen den Ochs zu behaupten, fährt sie stimmlich groß auf und schmettert scheinbar mühelos alle Männer nieder. Wunderschön auch ihr Abgang im Finale, den sie mit einem verschmitzten Lächeln singt.

Sophie Koch drückt die Liebe und Verzweiflung des Octavian mit großer Leidenschaft in der Stimme aus. Ihre Melodiebögen haben etwas Seufzendes, und gleich wieder gelingt ihr locker der Sprung in die Verkleidung des Mariandels, dem sie immer etwas Quietschendes, Naives mitgibt, und man kann den verwirrten Ochs verstehen, dem die Täuschung nicht auffällt. Herrlich sanft und Anmutig gibt Golda Schultz die Sophie. Sie hat ein unglaublich samtiges aber durchwegs präsentes Klangspektrum, dessen Facetten sie mit allerlei Klangfarben einsetzen kann. Adrian Eröd als ihr Vater, von Faninal, kann stolz sein, braucht sich aber keines Falls hinter ihr verstecken. Seine stimmliche Vielfalt ist ebenfalls überzeugend und dabei scheint er mühelos jede Höhe und Tiefe zu nehmen.

Günther Groissböck (Ochs) © Monika Rittershaus | Salzburger Festspiele
Günther Groissböck (Ochs)
© Monika Rittershaus | Salzburger Festspiele
Überhaupt hört man hier ausschließlich stimmliches Höchstmaß. Silvana Dussmann als Jungfer Marianne Leitmetzerin singt und spielt mit viel Witz und Charme. In diese Reihe der großartigen Darbietungen reihen sich auch Rudolf Schasching als Valzacchi und Wiebke Lehmkuhl als Annina. Die Mitglieder des Young Singers Projects als drei adelige Waisen und als Tierhändler sind ebenfalls hervorzuheben, und man freut sich, sie vielleicht zukünftig öfter in Salzburg zu hören. Tobias Kehrer als Polizeikommissar, Franz Supper und Martin Piskorski als Haushofmeister geben sich stimmlich und darstellerisch gefestigt und auch in den Nebenrollen auf höchstem Niveau.

Für diese „Wienoper“ gibt es natürlich kein passenderes Orchester als die Wiener Philharmoniker, die gerade an den reißerischen Stellen so sehr nach der prachtvollen Hauptstadt Österreichs klingen. Franz Welser-Möst schafft einen ideal ausbalancierten Klang, der das ganze große Festspielhaus sauber ausfüllt. Besondere Aufmerksamkeit ist auch den Solistenstellen zu schenken, die geradezu perfekt differenziert erscheinen.

Mit über vier Stunden ist der Rosenkavalier mit die längste Oper im diesjährigen Festspielprogramm, doch die Zeit vergeht wie im Flug. Bei so vielen überragenden Leistungen und mit großer Liebe inszenierten Abläufen möchte man für immer im Wien des Rosenkavalier verweilen. Doch dagegen ist die Zeit, die, wie wir Dank der Feldmarschallin wissen, wohl immer ein seltsames Ding bleiben wird.

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