Waren die Wiener Philharmoniker in den letzten Jahren mehr durch Exzentrik aufgefallen als durch musikalische Exzellenz, so überzeugten sie an diesem Abend wieder mit einer Vollkommenheit, die man schon verloren glaubte. Auch in puncto Frauenquote reichte diesmal nicht bloß eine Hand zum Abzählen der weiblichen Spieler aus. Vielleicht ein Zeichen der Öffnung in Richtung Zukunft?

P. Dijkstra, Y. Nezet-Seguin, Solisten, Chor des Bayerischen Rundfunkfunks & Wiener Philharmoniker © Marco Borelli | Salzburger Festspiele
P. Dijkstra, Y. Nezet-Seguin, Solisten, Chor des Bayerischen Rundfunkfunks & Wiener Philharmoniker
© Marco Borelli | Salzburger Festspiele

Am Pult stand an diesem Abend der kanadische Dirigent Yannick Nézet-Séguin, der das Orchester mit seinem feinen musikalischen Gespür zu Bestleistungen motivierte. Nézet-Séguin entlockte dem Wiener Traditionsorchester solchen Farbenreichtum und klangliche Brillianz, dass man am ausgezeichneten Ruf des Ensembles nicht auch nur im Entferntesten zweifeln konnte. Seit Jahren hatte man die Wiener nicht mehr auf solch außerordentlichem Niveau musizieren hören und es war wahrlich ein Genuss, dabei gewesen zu sein.

Eigentlich mehr an der Bruckner-Messe interessiert, ertappte ich mich dabei, von der unglaublichen Ausdruckskraft der Les Fresques de Piero della Francesca des tschechichen Komponisten Bohuslav Martinů vollkommen überwältigt zu sein. 1956 von selbigem Orchester unter Rafael Kubelik bei den Festspielen uraufgeführt, handelt es sich um ein Werk, das trotz deutlicher Inspirationsquelle (besagte Fresken) keineswegs als banale Programmmusik bezeichnet werden kann. Vielmehr stellen die einzelnen Sätze die Gefühle und Emotionen dar, die beim Anblick der meisterhaften Fresken aufkommen, und geben eher hintergründig den Inhalt der Bilder wieder.

Das Werk beginnt bereits mit schillernden Klangfarben und rhythmischen Verstrickungen, die einen an Komponisten wie Strawinsky oder Debussy, aber auch Richard Strauss denken lassen. Nézet-Séguin vermochte ebendiesen Klangreichtum grandios herauszuarbeiten und machte dem Publikum die Fresken durch die Musik beinahe sichtbar. Mit seinem durchaus eleganten und äußerst ästhetischen Dirigierstil war das Ergebnis allein optisch schon einen Besuch wert.

Das Orchester spielte das Werk so mitreißend und brillant, dass man sich fragte, warum man es noch nie zuvor in einem Konzert gehört hatte. Von den exakt artikulierenden Streichern über die fließenden Läufe der Holzbläser zu den kräftigen akzentuierten Einsätzen der Blechbläser und des Schlagwerks war jede Schattierung von Dynamik und Artikulation in hervorragender Weise vorhanden. Und somit sicherten sich Orchester und Dirigent bereits in der ersten (deutlich kürzeren Hälfte) des Konzerts die Sympathien des Publikums.

Das monumentale Hauptwerk des Abends war allerdings die letzte von Bruckners Messen, die Messe in f-Moll für Soli, Chor und Orchester. Das geistliche Monumentalwerk ist trotz seines frühen Entstehens ein Paradebeispiel für Bruckners beispielhafte Handwerkskunst, sowie für seine tiefreligiöse Gläubigkeit. Seine Frömmigkeit ist vom ersten Takt an allgegenwärtig und spiegelt sich auch in den noch so bombastischen Stellen auf zutiefst ergreifende Weise wieder.

Mein persönliches Highlight war das Benedictus, dessen unglaubliche Schönheit von Bruckners ungemeinem Können zeugen. Das herzzerreißende Thema der Celli hebt wahrlich in andere Sphären und wurde in diesem Konzert, ebenso wie der Rest des Werkes, einfach meisterlich interpretiert. Mit einer eindrucksvollen Balance zwischen zarten und wilden Stellen bestach der Chor des Bayerischen Rundfunks in Höchstform mit enormer dynamischer Bandbreite, die auch zeigt, dass er einer der besten Chöre Mitteleuropas ist.

In den Solistenrollen sah man etwas geteilte Leistungen. Die schottische Mezzosopranistin Karen Cargill besitzt eine sehr dunkel gefärbte Stimme, die aber ein wenig stärker hätte sein können. Oftmals konnte sie sich nicht durchsetzen und ging etwas unter. Gleiches galt für Franz-Josef Selig, der ebenfalls an der einen oder anderen Stelle mit der Lautstärke von Orchester und Chor zu kämpfen hatte. Überzeugen konnten vor allem Sopranistin Dorothea Röschmann und Tenor Christian Elsner mit kräftigen und sicher geführten Stimmen. Röschmanns Sopran ist in den letzten Jahren noch mehr gewachsen, hat dabei aber nichts an Klangschönheit eingebüßt. Elsners Stimme ist deutlich Wagner-gestählt, weist aber keineswegs Verschleißerscheinungen auf und klingt noch immer gut.

Mit einer schier endlosen Stille nach den letzten Takten gedachte das Publikum der spirituellen Aussage des Werkes, bevor es in tobende Beifallsstürme ausbrach und die Interpreten tosend feierte. Zu Recht lässt sich abschließend sagen, dass das erste Wiener Philharmoniker Konzert auf einen spannenden und musikalisch hervorragenden Festspielsommer hoffen lässt. Die eindrucksvollen Leistungen des Dirigenten, des Orchester, des Chores und der Solisten scheinen jedenfalls ein gutes Zeichen dafür zu sein.