Seit letztem Sommer beschäftigen sich die Wiener Philharmoniker intensiv mit den Dirigenten und Komponisten ihres 174-jährigen Bestehens, in welchen sich zahlreiche namhafte Persönlichkeiten die Ehre in Wien gaben. Bereits seit 1922 ist das Orchester bei den Salzburger Festspielen zu Gast; in diesem Jahr hat es dafür drei Werke im Gepäck, die es einst zur Uraufführung gebracht hat.

Die Wiener Philharmoniker und Zubin Mehta © Marco Borelli | Salzburger Festspiele
Die Wiener Philharmoniker und Zubin Mehta
© Marco Borelli | Salzburger Festspiele

Als kurze Einleitung war mit Arvo PärtSwansong ein Auftragswerk der Stiftung Mozarteum zu hören, das in der Mozartwoche 2014 zum ersten Mal erklang. Vorlage dafür bot Pärts eigene Komposition Littlemore Tractus für Chor und Orgel, die er bereits 2001 als eine Hommage an das Leben und Wirken des englischen Kardinals John Henry Newman komponierte. Arvo Pärt nennt seinen selbst entwickelten musikalischen Stil „Tintinnabuli“, für welchen sanftes „Geklingel“ des Schlagwerks typisch ist. Dabei entdeckte er, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird, und so arbeitet er mit wenig Material und Stille, um einen bestimmten Ausdruck zu erzielen.

Die einzelnen Töne der Glocken wurden ganz behutsam gesetzt, wodurch man den Eindruck gewann, sie würden aus der Ferne erklingen. Das kurze und straffe Pizzicato in den Geigen und Bratschen bildete dazu einen nahbaren Gegensatz. Im Laufe des kurzweiligen Stückes konnte man miterleben, wie sich der Orchesterklang schön entfaltete, ganz so als würde sich eine Blume morgens öffnen und genau so wieder abends schließen. Zubin Mehta gab dem Orchester die dafür nötige Zeit und ließ die letzten Triangelschläge in großer Ruhe ausklingen.

Gustav MahlerKindertotenlieder brachte der Komponist zusammen mit den Wiener Philharmonikern im Januar 1905 in Wien zu Uraufführung. Seine Frau Alma Mahler konnte nicht verstehen, wie ihr Ehemann die Kindertotenlieder komponieren konnte, während die eigenen Kinder völlig lebendig im Garten spielten. Doch Gustav Mahler, der in seinem Leben viel gelesen hatte, war tief ergriffen gewesen von Friedrich Rückerts Dichtungen, in denen er seinen eigenen Verlust verarbeitet hatte. Das Orchester umschloss die traurige Thematik in weichen Linien und ließ immer wieder Hoffnungsschimmer durchscheinen, so der Einsatz des Horns im ersten Lied, das sprichwörtlich die Sonne aufgehen ließ. Das Oboen-Thema dagegen verbreitete mit einem sehr klaren und hohlem Klang den nötigen Hauch von Trostlosigkeit, die Mahlers Komposition definitiv in sich trägt.

Matthias Goerne wiegte sich zu der Orchesterbegleitung hin und her, wandte und streckte sich nach oben. In den fünf Liedern konnte er eine Vielzahl seiner Facetten zeigen. Bei seinem sehr erzählenden Gesangsstil fühlte man sich direkt angesprochen und glaubte ihm die Traurigkeit und vielleicht auch eine Prise Verrücktheit, die aus ihm sprach. Seine Stimme schlug Bögen, die von herbem, tiefem Klang bis zu gehaucht hohen Tönen reichten und den Liedern viel Leben einhauchten. Ruhe fand Matthias Goerne erst in der letzten Strophe des letzten Liedes In diesem Wetter, in diesem Braus. Hier war sein Bariton sehr getragen und strebte immer in die Höhen, bis er schließlich versöhnlich leise, aber dicht schloss.

Wiener Philharmoniker, Matthias Goerne und Zubin Mehta © Marco Borelli | Salzburger Festspiele
Wiener Philharmoniker, Matthias Goerne und Zubin Mehta
© Marco Borelli | Salzburger Festspiele

In der zweiten Hälfte erklang Anton Bruckners Symphonie Nr. 4, die er selbst als „Romantische“ bezeichnete. Die Wiener Philharmoniker führten die zweite Fassung erstmals 1881 auf. Dieses „Romantische“ zeigt sich nicht im emotionalen Sinne, sondern in Parallelen zur mittelalterlichen Romanze wie Wagners Lohengrin sie zeigt. In diesem Sinne gab Bruckner seiner Vierten Symphonie eine Art Programm: Im ersten Satz ruft das Horn vom Rathaus herab den Tag aus. Der zweite Satz ist inspiriert von Lied, Gebet und Ständchen; im dritten Satz geht es um die Jagd.

Drei der insgesamt vier Sätze sind mäßig bewegt angelegt. Bei Zubin Mehta erklang alles in einem Fluss, eben bewegt, doch er nahm sich zwischen zwei Themensätzen immer ein bisschen mehr Zeit; das schaffte Ruhe und Abgeschlossenheit. Bemerkenswert war abermals das Solohorn, welches die gesamte Symphonie über stark beschäftigt ist. Das erste Thema über den Tremoli der Streicher wurde in einem sehr weichen Ton gespielt; diese Linie wurde besonders gerade durchgezogen und der letzte Ton jeder Phrase schnell weggenommen, was eine Sog erzeugte und neugierig auf den Fortgang machte. Das zweite Thema in den Geigen erklang sehr locker und zwanglos, was den tänzerisch witzigen Charakter hervorhob. Das Bratschenthema des zweiten Satzes wirkte wie eine große Erzählung, die mit Beharrlichkeit immer wieder aufs Neue gegeben wurde.

Nach dem ruhigeren zweiten Satz brach das Orchester im dritten Satz in ein regelrechtes Feuerwerk aus. Man sagt, das Auge isst mit; in einem Konzert hört das Auge ebenso mit. Man sah beinahe Rauch aus den Geigen aufsteigen, so beherzt wurden die Tremoli in den Streichern umgesetzt. Der vierte Satz brachte noch einmal Momente der Ruhe und Träumerei und die Geigen verstreuten ein wenig Zauberstaub in den hohen Lagen.

Zubin Mehta zeigte, dass Geschwindigkeit nicht alles ist. Zum Erleben von Musik gehören genauso Ruhe und Stille, denn die machten den Konzertabend erst spannend.