Cecilia Bartoli zeigte am Pfingstsamstag Abend zusammen mit einer starken Besetzung, dass auch eine konzertante Aufführung von Händels Oper im Stile eines Oratoriums mithilfe gekonnter Schauspielkunst zu einem überaus überzeugenden Abend werden kann. Durch mitreißendes Spiel und Barockgesang auf hohem Niveau gelang der Königin der Koloraturen und amtierenden künstlerischen Leiterin der Pfingstfestspiele mit diesem Konzert ein wahrer Erfolg, dessen musikalische Leistungen das Publikum schließlich stehend honorierte.

© Wolfgang Lienbacher | Salzburger Festspiele
© Wolfgang Lienbacher | Salzburger Festspiele

Da Händels Oratorien zwar zahlreich sind, die Zahl ihrer Aufführungen jedoch deutlich geringer ist, sei zuerst kurz die Handlung umrissen: Semele, Tochter von Cadmus, soll Athamas heiraten, findet allerdings stets neue Ausflüchte. Nach einer Befragung der Götter stellt sich heraus, dass Jupiter gegen die Liaison ist und so lässt dieser Semele entführen. Fernab von jeglicher Zivilisation genießt er nun mit ihr die Liebesfreuden, doch seine Frau Juno sinnt in ihrer Eifersucht auf Rache und plant Semeles Verderben. Als deren Schwester Ino getarnt trichtert sie Semele ein, sie solle Jupiter darum beten, sich ihr in seiner wahren Gestalt zu zeigen. Als dieser in ungebremster Lust schwört, Semele jeden Wunsch zu erfüllen, nimmt das grausame Schicksal seinen lauf. Jupiter muss ihr den Wunsch gewähren und zeigt sich Semele in seiner wahren Gestalt. Diese verbrennt bei dem Anblick. Im kurzen Epilog finden Athamas und Semeles Schwester Ino zusammen und Jupiter verkündet, dass Semele als Phönix im Himmel göttergleich (das Thema des Abends) fliegen wird.

Trotz des dramatisch-ernsten Stoffes gab es während des ganzen Abends eine Reihe von komischen Momenten, die das Publikum mehr als ein Mal zu heiterem Gelächter animierte. Besonders zu erwähnen sind hier Birgit Remmert und Rebeca Olvera, die zu Beginn des zweiten Aktes eines der Highlights zu „verantworten hatten“. Mit mitreißender Intensität sangen die beiden ihre Szene so eindrucksvoll, dass man das Gefühl hatte, es stünden wirklich Götter auf der Bühne. Doch nicht nur gesanglich, sondern auch spielerisch konnten die beiden das Publikum mit außerordentlichem komödiantischen Talent für sich gewinnen.

Beide Sängerinnen wussten in ihrem Part derartig zu überzeugen, dass es nicht wirkte, als interpretierten sie ein Stück, sondern als würde man Zeuge einer realen Handlung, die nur zufälligerweise gesungen und nicht gesprochen wird. Insbesondere Remmert als eifersüchtige Göttin Juno verstand es, neben ihrer anspruchsvollen Gesangspartie auch mit schlichter Gestik und Mimik ihren Charakter darzustellen. Und selbst dann, wenn sie gesanglich nicht aktiv beteiligt war, sprang sie von einer Gefühlslage in die andere und sorgte zusammen mit Olvera für beste Unterhaltung. Besonders amüsant war dabei die überraschende Unterbrechung von Iris' Arie durch Junos aufgebrachtes „No more! I'll hear no more!“, welches Remmert mit köstlicher Angewidertheit zum Besten gab.

Stimmlich sehr überzeugend war auch der amerikanische Tenor Charles Workman, der mit leicht geführter, kräftiger Stimme die Rolle des Jupiters angemessen interpretierte. In den Rollen des (schlussendlichen) Liebespaares waren Andreas Scholl (Athamas) und Liliana Nikiteanu (Ino) zu hören. Andreas Scholl sang mit beeindruckender Leichtigkeit und klangschöner Stimme, während Nikiteanu vor allem mit ihrer starken Tiefe und ihrem warmen Timbre punkten konnte. Das große Highlight des Abends aber war natürlich Cecilia Bartoli in der Titelrolle.

Es ist unglaublich, mit welcher Leichtigkeit und Genauigkeit sie seit mittlerweile fast 30 Jahren auf höchstem Niveau tätig ist. Besonders die stimmakrobatische Arie „Myself I shall adore“ gelang ihr ausgezeichnet und sie konnte trotz der anspruchsvollen Koloraturen mit ihrem Schauspieltalent noch immer eins daraufsetzen. Im großen Kontrast zu den vorangegangenen heiteren Momenten stand Semeles Tod, den sie äußerst anrührend gestaltete. Wunderbar zart und unglaublich mitreißend fing Bartoli die von Reue erfüllten Gedanken ihrer Figur ein, bis sie mit einem fast gehauchten „I can no more“ verstarb.

Für die orchestrale Umrahmung sorgten I Barocchisti unter Diego Fasolis auf höchstem Niveau. Besonders die fein nuancierten Klangfarben des Barockensembles waren sehr beeindruckend, und machten die instrumentalen Abschnitte zu einem ebensolchen Fest für die Ohren gleich dem Gesang.

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