Man braucht Mut und Offenheit, um sich mit zeitgenössischer Kunst auseinanderzusetzen und Musik bildet hier keine Ausnahme. Bei einem Programm mit zwei Uraufführungen kann man sich zudem kaum auf die zu erwartenden Klänge vorbereiten. Fünf Kompositionen aus den letzten 10 Jahren waren bei der Samstagmittag Serie des holländischen Rundfunks in Amsterdam zu hören und die risikofreudigen Konzertgänger wurden hier mit einem abwechslungsreichen, intensiv vom Ensemble Musikfabrik musizierten Programm belohnt. Bei Sander Germanus schwebte man auf Vierteltonschwingungen, Rebecca Saunders ließ die Zuhörer atemlos nach wütend artikulierten Beckett-Zitaten lauschen, während Claudia Bauckholt mit Inbrunst vorgetragene Tierstimmen aneinanderreihte. Rozalie Hirs träumte von leuchtenden Wolken und Unsuk Chin verwandelte zum Abschluss die Bühne in ein klangfarbenprächtiges asiatisches Straßentheater.

Ensemble Musikfabrik © Jonas Werner-Hohensee
Ensemble Musikfabrik
© Jonas Werner-Hohensee

„Es fasziniert mich, eine extreme musikalische Spannung aufzubauen, ...der sich mit dem emotionalen Zustand des Zorns vergleichen lässt.“ So beschreibt Rebecca Saunders ihr Komponieren. „Ich brauche nur wenig Input, um ein Stück zu schreiben: [manchmal nur] ein einziges Wort.“ Dieses eine Wort für ihr Bassflötensolostück heißt Bite (Biss) und stammt aus dem letzten der 13 Texte um Nichts von Samuel Beckett, mit dessen Werk sich Saunders seit langem schon intensiv auseinandersetzt. Was sich dann in knapp 15 spannenden Minuten entfaltet ist nichts weniger als die musikalische Versinnbildlichung von Kommunikation: der enervierende Prozess, sich seinem Gegenüber verständlich zu machen. Dieser alltägliche Prozess wird in vorliegendem Fall erschwert durch das sperrige Blasinstrument, die Bassflöte, welche die Solistin Helen Bledsoe vor ihrem Mund hält, sie aber nicht daran hindert zu rufen, zu knurren und zu prusten und ab und zu das Wort „Bite” zu artikulieren. All das realisiert Bledsoe mit einer Hingabe, einer phänomenalen Technik und einem niemals resignierenden Ernst, mit dem sie die Spannung dieser besonderen Komposition bis zum Schluss festzuhalten weiß.

Rebecca Saunders saß in der Jury zur Vergabe des diesjährigen Bachpreis der Stadt Hamburg, welcher der in Deutschland lebenden Südkoreanerin Unsuk Chin verliehen wurde. Ihr sechsteiliges Werk Gougalon klingt durch den Gebrauch von diversen Gongs und asiatischem Schlagzeug sehr chinesisch und strotzt nur so von Spielwitz und Energie. Im Lamento der kahlen Sängerin spielten die Konzertmeisterin Hannah Weirich und herausragend Bruce Collins auf seiner gestopften Posaune herzergreifende Soli. Der grinsende Wahrsager mit dem falschen Gebiss wurde virtuos eingeleitet durch die Schlagzeuger Rie Watanabe und Dirk Rothbrust. Beide bestimmten mit ihrer expressiven Musikalität auch die folgende Episode zwischen Flaschen und Dosen. Wie eine Beschwörung blieb der Circulus vitiosus fast auf der Stelle stehen, bevor sich in der abschließenden Jagd nach dem Zopf des Quacksalbers sämtliche Stereotypen zeitgenössischer Musik zu einem wahnwitzig energiegeladenen Boogie Woogie aufeinandertürmten. Brillant wie Dirigent Emilio Pomàrico den Ensemblemitgliedern hier freie Bahn gab und den Schlussablauf mit einem spannenden Moment des Nachlauschens hinauszuzögern verstand.

Claudia Bauckholt hatte vor der Pause u.a. Nasenflöten verwenden lassen, um die 16 Musiker in ihrem Stück Schlammflocke einen todernsten Karneval von Tiergeräuschen spielen zu lassen. Zu drohendem Kontrabassgrummeln gesellten sich Affenrufe und Vogelstimmen, ein Froschkonzert und von einem präparierten Flügel erzeugte Steinschläge. Am Ende kam selbst eine mit einer Fliegenklatsche bespielte blaue Ski-Jacke zum akustischen Einsatz. Trotz der beinahe provokatorischen Abbildung von Naturgeräuschen beeindruckte Bauckholt mit einer spannend gestalteten Komposition, die vom Ensemble Musikfabrik mit vollem Einsatz aufgeführt wurde. Rozalie Hirs beschreibt in lightclouds mit Hilfe auch elektronischer Musik Traumlandschaften, die sie leuchtenden Wolken abgeschaut hatte. Im Vordergrund stehen von einem Blechbläserquartett gespielte harmonische Blöcke, die sich umeinander herum verschoben. Ähnlich minimalistische Veränderungen gebraucht auch Sander Germanus, in dessen Komposition Im Vortex man sich in einer Schiffschaukel wähnte, die sich unendlich langsam auf und ab bewegte.

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