Das ist lebendiges und aktuelles Europa in seiner schönsten Form: der deutsche Komponist Johannes Schöllhorn schreibt im Auftrag des niederländischen Konzertsaals Muziekgebouw aan 't IJ sein Stück specchio für zwei belgische Ensembles, Het Collectief und Collegium Vocale Gent, die das Stück in der nächsten Woche auch in Portugal und Österreich aufführen.

James Wood dirigiert Het Collectief und Collegium Vocale Gent
© Marieke Wijntjes

Specchio (Spiegel) ist eine Litanei ohne Worte, ein sprachloser Klagegesang. „Musik zu schreiben ist für mich keine logisch-intellektuelle Fähigkeit: Ich werde sozusagen von der Musik besucht und beschrieben”, sagt Schöllhorn. Für specchio hat er sich unter anderem von Orlando di Lassos Prophetiae Sibyllarum inspirieren lassen, mit dem das Konzert rauschhaft harmonisch begann. Collegium Vocale Gent unter der Leitung von James Wood sang die zwölf Spätrenaissance-Motetten mit äußerster Klarheit und Esprit. Die durch präzises gemeinsames Atmen eindrucksvoll herausgearbeitete Artikulation sorgte mit den modern anmutenden chromatischen Wendungen in jeder einzelnen Mottete für spannende Überraschungen. Vier Motetten (Nr. 4, 5, 8 und 9) sang das zwölfköpfige Collegium ohne seine Soprane. Die Oberstimme wurde hier von einem Mezzosopran und zwei klangvollen Countertenören atemberaubend schön und seelenvoll ergreifend gesungen.

In specchio spielt der rituelle Charakter von Lassos Arbeit eine wichtige Rolle. Schöllhorn: „Rituale berühren mich, ich fühle mich mit ihnen eng verbunden. So wie Lasso seine Phantasie innerhalb der von ihm selbst gesetzten Grenzen arbeiten ließ, habe ich versucht, Raum für die Phantasie des Hörers zu schaffen [...] In specchio spiele ich, anders als Lasso, viel mit Rhythmus und Farbe. specchio handelt von der Zeit, davon, wie die Zeit vergeht, es ist ein Stück in Zeitlupe.” Specchio besteht aus sechs Sätzen von gleicher Länge, im gleichen Tempo. Nur die Instrumentierung und das Register ändern sich pro Satz. Es beginnt mit einzelnen abgehackten sehr hohen Klaviertönen; die lauten harten Hammerschläge werden nach einiger Zeit mit ebensolch kalter Härte vom Schlagzeug auf Crotales und Vibraphon gespiegelt, bevor Geige und Cello mit hohen langen Noten einstimmen. Zuletzt ergänzen Klarinette und Flöte mit lieblicheren Liegenoten den von den anderen Instrumenten erzeugten Nachhall. Jetzt erst setzt der Chor mit erst leise gesummten nach unten hin glissandierten Noten ein, die langen klagenden Seufzern ähneln. Unter diesem vorsichtig lauter werdenden einstimmigen Klagegesang, der wie eine einzige Melodie durch alle Stimmgruppen wandert, spielen die Instrumente, allen voran das Klavier im Verlauf der Komposition immer tiefere Noten. Das Stück endet mit Noten aus den tiefsten Regionen des Flügels.

Vor der Pause erklang auch noch das Kammermusikstück Talea von Gérard Grisey. Der Titel führt uns zurück  ins Mittelalter. In der Ars nova bezeichnet „Talea” ein wiederkehrendes rhythmisches Muster, welches die Töne des Choralmelismas ordnet und die Form einer Motette mitbestimmt. Grisey gebraucht dieses Formprinzip, um die musikalischen Parameter Tempo und Kontrast zu beleuchten. Die fünf Musiker von Het Collectief spielten äußerst engagiert und unterstrichen damit die immense kinetische Energie dieses Stückes. Selbst die Beinah-Stille der komponierten langen Nachklangpausen pulsierten noch kaum hörbar nach. Talea wurde in dieser ausgezeichneten Interpretation zu eindrucksvoller zeitgenössischer Kammermusik, die das Publikum zwang, wirklich zuzuhören und zuzuschauen, wie die Mitglieder des Ensembles traumtänzerisch sicher miteinander kommunizierten.

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