Aus dem Nichts kommt es, ganz zart und rhythmisch tänzelnd, zaghafte Versuche einer Melodie, eines Themas, und am Ende verschwindet es auch wieder ins Nichts, ins pianissimo morendo. Das Streichquartett Nr. 5 B-Dur, Op.92 von Dimitrij Schostakowitsch stand am Anfang des Konzerts des Artemis Quartetts mit Elisabeth Leonskaja im Münchner Prinzregententheater. Ein enorm schwieriges Werk, technisch sowieso; vor allem aber zerfällt es zumeist in seine Einzelbestandteile, und wenn der Fluss einmal dahin ist, dann wird es fast unmöglich, das Gesamtgebäude wieder aufzubauen.

Artemis Quartett © Nikolaj Lund
Artemis Quartett
© Nikolaj Lund

Genau dieses musikalische Meisterstück jedoch gelang den Musikern des Artemis Quartetts. Aus drei kammermusikalischen Abschnitten erschufen sie ein Oratorium, das davon handelt, warum man nie aufgeben sollte, allen Rückschlägen zum Trotz. Schostakowitsch hatte dieses Werk anlässlich des 30jährigen Jubiläums des Beethoven-Quartetts geschrieben, ein freudiges Ereignis also; und doch geprägt von der Wehmut darum, dass er als Komponist in seinem Heimatland zu Lebzeiten niemals die Anerkennung erfuhr, die er verdient hätte. Das Artemis Quartett fand von Anfang an den richtigen Duktus: Das Tänzerische war nie ausgelassen, aber auch nicht harlekinesk verzerrt, wie es gelegentlich interpretiert wird. Wunderbar expressiv und zugleich demütig ob der großen Dimensionen dieses musikalischen Monuments führte Vineta Sareika das Quartett an. Anthea Kreston an der zweiten Geige klang zwar streckenweise etwas hart und nicht ganz so geschmeidig im Strich wie ihre Mitmusiker; im Zusammenspiel mit Sareika und auch in den fast zärtlichen Dialogen mit dem Cellisten Eckart Runge aber wiederum war ihr Spiel ganz famos. Runge, das einzige Gründungsmitglied in der bewegten Historie des Quartetts, ist auch der musikalische Fels in der Brandung. Wie er da zwischen seinen stehenden Musikerkollegen auf einem Podest sitzt und die wunderbare Leichtigkeit des Cellospiels zelebriert, kantig und geradlinig, wenn’s sein muss, dann wieder zart und lyrisch; und dabei immer hellwach, oft verschmitzt flirtend mit seiner Nachbarin, mit dem Publikum, mit dem Komponisten. Besonders eindrucksvoll war der leise zweite Satz, elegisch wird er oft genannt und lädt zur Transzendenz ein. Man konnte sich als Zuhörer diesem meditativen Sog nicht entziehen, bis dann Eckart Runge plötzlich fast unmerklich und ach so galant zum Tanz einlud und das Quartett sich Runde um Runde in den Kosmos der Sphärenharmonie verlor.

Die legendäre georgische Pianistin Elisabeth Leonskaja spielte alsdann mit dem Quartett das Klavierquintett Nr. 2 von Antonin Dvorák. Nach anfänglichen Anlaufschwierigkeiten mit etlichen kleineren Patzern und leichten Asynchronitäten fanden die Musiker zwar schnell zusammen, fast schien es aber, als hätten sie das Dvorák-Quintett nicht ganz so akribisch geprobt wie den Rest des Programms. Vielleicht lag es auch an der für Kammermusik mit Klavier ungünstigen Akustik, dass besonders im ersten Satz das Klavier oft nur als diffuse Klangwolke wahrnehmbar war. Und im Diskant wiederum klang es zu direkt. Besonders nachdem der großartige Gregor Sigl, der nach dem tragischen Tod seines Vorgängers Friedemann Weigle von der Geige zur Bratsche gewechselt war, das zweite Hauptthema vorgestellt hatte und die zweite Geige übernahm, wurde dieser akustische Makel offenbar. Dann nämlich, wenn das Klavier eigentlich die Arpeggien tupfen sollte, klang es allzu hart und störte den ansonsten wunderbaren musikalischen Streicherfluss. Spätestens aber im zweiten Satz hatte Leonskaja sich an Stück und Akustik gewöhnt und demonstrierte fortan eindrucksvoll, warum sie als große Spezialistin des romantischen Solorepertoires und der Kammermusik gilt. Prägnant stellte sie das Dumkamotiv vor und öffnete Gregor Sigl den Klangraum, in den er seinen warmen vollen Bratschenton gießen konnte. Sigl beherrscht auf unnachahmliche Weise die typische Bogentechnik, die den wirklichen Bratschenton von den vielen Geigern unterscheidet, die sich eben auch mal an der größeren Schwester der Geige versuchen. Manchmal glaubte man, der Bogen schwimme auf und beginne zu flattern, aber dann war er auf einmal da, dieser aufatmende Bratschenklang, ohne je kernlos zu werden. Für jene, die das Artemis Quartett nach seiner Neuformation zum ersten Mal wieder hören durfte, war Sigl das Geschenk des Abends.

Nach der Pause folgte dann Schostakowitschs Klavierquintett in g-Moll, das von der stalinistischen Kulturpolitik als ein einziger Hymnus auf die Ästhetik des sozialistischen Realismus gefeiert wurde und für das Schostakowitsch gar den Stalin-Preis 1. Klasse erhielt. Preiswürdig ist das Quintett allemal in seiner zwingend kontrapunktischen Architektur und der kristallklaren Linienführung. Preiswürdig auch die Interpretation des Artemis Quartetts mit Elisabeth Leonskaja, die spätestens jetzt zu ihrer ganzen Meisterschaft zurückgefunden hatte. Das Scherzo, welches allzu oft heruntergeschrubbt klingt aufgrund der repetierten doppelgriffigen Terzen, Quarten und Quinten in Mittelstimmen und Cello, gelang den Musikern wunderbar leicht und transparent, ohne jedoch die unterschwellige mahnende Dramatik auszusparen. Dann ein lyrisch-melancholisches Intermezzo Lento gefolgt vom nachdenklichen Finale Allegretto. Gläserne Unisono-Passagen, lupenrein intoniert, eine letzte Reminiszenz an ausgelassene Tanzrhythmen, fast neckische Glissandi, zarte Tontupfer aus den erfahrenen Händen der großen Leonskaja, Pizzicati mit einem verklärt lächelnden Eckart Runge – und dann Stille (vor dem tosenden Applaus).

Als Zugabe bildete noch das kontemplativ fließend interpretierte Andante aus dem Klavierquintett in f-Moll von Johannes Brahms den würdigen Abschluss dieses großen Kammermusikabends.

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