Der Tod, das muss ein Wiener sein – nicht umsonst schuf Georg Kreisler für sein gleichnamiges Wienerlied diese Textzeile. Und man sagt es ihnen ja nicht ganz zu unrecht nach, dieses Liebäugeln mit dem Tod. Immerhin haben es Ausdrücke wie „a schene Leich” oder „der hat den 71er genommen!” – diese Straßenbahnlinie führt nämlich geradewegs zum nicht minder legendären Zentralfriedhof – in den alltäglichen Sprachgebrauch der Österreicher gebracht. Um sich „in den Holzpyjama zu legen”, kann man übrigens aus 46 Friedhöfen alleine in der Bundeshauptstadt wählen. Oder man besucht die Salzburger Festspiele und stirbt gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern gleich mehrere Tode im Laufe eines Abends.

Franz Welser-Möst © Salzburger Festspiele | Marco Borrelli
Franz Welser-Möst
© Salzburger Festspiele | Marco Borrelli

Die erste Konzerthälfte war dabei noch die optimistischere, bieten doch sowohl Richard Wagners Vorspiel zu Parsifal als auch Richard Strauss’ Tondichtung Tod und Verklärung immerhin die Hoffnung auf transzendentale Erlösung. Dabei gestaltete Franz Welser-Möst am Pult der Wiener Philharmoniker den Übergang völlig nahtlos und schuf so eine interessante Verbindung zwischen diesen beiden Werken. Welser-Möst ist nun nicht unbedingt bekannt dafür, Partituren radikal neu oder anders als gewohnt zu deuten, so hielt er auch an diesem Abend die Interpretationen klassisch; dafür legte er enormes Augenmerk auf kleine Details und die Vielschichtigkeit der Musik. Das beinahe blinde Verständnis zwischen ihm und den Philharmonikern ist ein großer Trumpf – das Orchester hing dem Dirigenten an den Lippen bzw. Gesten. So erhoben sich die Musiker nach und nach in verklärte Klangsphären, arbeiteten Wagners Motive plastisch heraus und ließen heftige Fieberkrämpfe bei Strauss zum packenden Überlebenskampf werden. Die Blechbläser konnten naturgemäß beim Parsifal-Vorspiel groß auftrumpfen und wie die Streicher die langsamen Atemzüge des Sterbenden am Beginn von Strauss’ illustrierten, war an Realitätsnähe wohl kaum zu überbieten. Die finale Verklärung in lichtem C-Dur wäre schließlich als erhebendes Konzertende ganz passend gewesen, doch die Dramaturgie des Abends setzte auf Trostlosigkeit.

Franz Welser-Möst, Asmik Griogorian und Matthias Goerne © Salzburger Festspiele | Marco Borrelli
Franz Welser-Möst, Asmik Griogorian und Matthias Goerne
© Salzburger Festspiele | Marco Borrelli

Denn nach der Pause ging es mit einem schonungslosen Todesverständnis weiter; Dmitri Schostakowitsch selbst sagte über seine Vierzehnte Symphonie und seine Sicht auf den Tod: „Der Tod ist allmächtig. Und sie hätten gerne ein tröstliches Finale. Aber der Tod ist kein Anfang, er ist das absolute Ende.” Und so endet auch seine Komposition abrupt und ohne jegliche Hoffnung auf Transzendenz. Dabei ist seine Symphonie eigentlich mehr Liederzyklus denn symphonisches Werk und mit Asmik Grigorian und Matthias Goerne boten die Salzburger Festspiele dafür zwei begnadete Gestalter auf. Die Sensations-Salome der letztjährigen Festspiele bewies, dass sämtliche ihr zugeschriebenen Superlative wahrlich keine Übertreibung sind: Wie sie aus jeder einzelnen Szene eine emotionstriefende Mikrostudie seelischen Leidens formte, war beeindruckend mitzuerleben. Dabei setzte sie ihren Sopran, der so punktgenau fokussiert ist wie ein Laserstrahl, in allen Lagen gleichermaßen frei und mühelos ein, um damit ein breites Spektrum an Klangfarben und Gefühlszuständen zu vermitteln. Ebenso konnte Matthias Goerne, obwohl es ihm an der typisch slawischen Stimm-Schwärze fehlt, mit klugen Phrasierungen den Texten feinste Nuancen entlocken und so die erzählten Geschichten lebendig werden lassen. Welser-Möst konzentrierte sich stärker auf die unterschwellig brodelnden, bedrohlichen Elemente der Partitur als auf wütend aufbrausende Momente. Dadurch schuf er eine gespenstisch-unheimliche Grundstimmung, die diese Konzerthälfte beherrschte und immer wieder für Gänsehaut der Sorte Psychothriller sorgte. Ein bisschen war es, als würde man kollektiv in die Abgründe des Menschlichen eintauchen und die kleine Orchesterbesetzung tat ihr Übriges dazu, dass eine ganz eigene, beinahe intime, Atmosphäre im Großen Festspielhaus entstand. Streicher, Schlagwerk und Solisten traten in einen konstanten Dialog, verbanden sich zu einer Symbiose und zogen das Publikum mit sich in einen Strudel aus musikgewordener Tristesse. Dabei klang der Tod so verlockend, dass ich nicht umhin kam, mich angesichts der düster schmeichelnden Celli zu fragen, ob es nicht schön sein müsste, in genau diesem Klang wortwörtlich zu ertrinken.

Wie gut, dass es in Salzburg während der Festspielzeit aber auch zu späterer Stunde kein Problem ist, sich nach einem so – im besten Sinne – deprimierenden Konzertabend bei einem guten Glas Wein und Marillenpalatschinken wieder unter die Lebenden zu begeben!

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