Das Landestheater präsentiert derzeit das Rezept für frischen Wind im Musiktheater: Man nehme vier junge Gesangstalente, stecke sie in eine Bühnen-WG und gebe ihnen Opernfragmente Franz Schuberts in die Hand; heraus kommt Schubertstraße 200, eine neue und erfrischende Produktion des Opernstudios Gerard Mortier.

Kristofer Lundin und Ayşe Şenoğul © Anna-Maria Löffelberger
Kristofer Lundin und Ayşe Şenoğul
© Anna-Maria Löffelberger

Das Opernstudio Gerard Mortier ist die jüngste Ausbildungsstätte in Salzburg, in der herausragende Studienabsolventen vor ihrem ersten Festengagement in die Strukturen eines Opernbetriebs eingeführt werden sollen. Für drei der vier Solisten an diesem Abend stellte Schubertstraße 200 ihr Abschlussprojekt da. Diesen Abschluss machten sie nicht mit irgendeiner Opernvorstellung, sondern mit einem Wagnis auf neuen Wegen des Musiktheaters.

Der modernen Kulisse einer typischen Studenten-WG standen Stücke aus Franz Schuberts Versuchen im Musiktheater wie Claudine von Villa Bella, Des Teufels Lustschloss oder Die Freunde von Salamanka gegenüber. Erstaunlich treffend wirkten dabei die Schubert’schen Texte, mit denen eine Liebesgeschichte in der WG-Bewohner rund um Betrug, Freundschaft und Vergebung erzählt wurde. Dass die Ausdrucksweise der Studenten heutzutage nicht mehr wie im 19. Jahrhundert klingt, steht außer Frage, aber genau diese Phrasen aus einer anderen Zeit ließen dem Publikum viel Platz für eigene Interpretationen und Zweideutigkeiten.

Die Geschichte blieb dabei kurz und knackig: Zwei junge Studentinnen suchen einen neuen Mitbewohner, um ihren derzeitigen faulen Untermieter Diego (Uğur Okay) loszuwerden. Auf ihre Anzeige folgt so gleich die Bewerbung eines jungen, feschen Mannes, der für reichlich Turbulenzen sorgt.

Emalie Savoye, Kristofer Lundin und Ayşe Şenoğul © Anna-Maria Löffelberger
Emalie Savoye, Kristofer Lundin und Ayşe Şenoğul
© Anna-Maria Löffelberger
Dieser junge Mann ist Tenor Kristofer Lundin, der einzige der vier Solisten, der bereits seine Ausbildung abgeschlossen hat. Locker-leicht gab er den Schönling, bestach mit seinem samtigen Timbre nicht nur die Damen auf der Bühne und ließ in seinen Interpretationen auch immer wieder den Liederkomponisten Schubert durchscheinen. Nach seinem Eintreffen in der WG ist es sofort um Isabellas Herz geschehen: Ayşe Şenoğul zeichnete das perfekte Bild dieser jungen, verliebten Studentin sprachlicher Deutlichkeit und mit klarem und facettenreichem Ton. Ebenfalls sehr klar und rein waren ihre Spitzentöne, die sie mit einem gekonnten Spiel von dynamischen Wendungen unterstützte.

Ihre Mitbewohnerin, Emalie Savoy, trat da schon tougher auf. Besonders stimmlich ging sie gleich zu Anfang in die Vollen und sang ihre Parts sehr stark und kraftvoll. Dies ließ sie anfangs sehr einseitig erscheinen, bis sie in „Traurig geht der geliebte von dannen“ aus Die Freunde von Salamanka bewies, wie facettenreich sie wirklich ist. Besonders im Piano zeigte sie mit einem präsenten und gleichzeitig sehr warmen Vibrato, dass sie weit mehr als nur die freche, witzige Studentin sein kann, und bei ihren Legatobögen wollte man meinen, man höre einer Träne zu, die ihr sanft und langsam über die Wange läuft.

Uğur Okay als unliebsamer Mitbewohner © Anna-Maria Löffelberger
Uğur Okay als unliebsamer Mitbewohner
© Anna-Maria Löffelberger
Humorvollen Schwung hingegen brachte Uğur Okay als unliebsamer Mitbewohner in die Inszenierung. Ihm gelang es nicht nur darstellerisch, sondern auch stimmlich, die zugrunde liegende Komik zu unterstreichen. Besonders beispielhaft erschien dabei seine Arie „Ich lach, ich wein“, in der er vom voluminösen, vollen Forte immer wieder hinüber in ein fast kläglich wirkendes, leises Weinen wechselte. Für einige Lacher sorgte er auch, als er sich nach dem Aufstehen ein Bier aus dem Kühlschrank nahm, und seinen restalkoholisierten Zustand neben körperlichem Wanken auch rhythmisch akzentuierte.

Adrian Kelly gestaltete am Pult einen fast durchwegs ausgeglichenen Austausch zwischen Orchester und Solisten und ließ diesen Raum für ihre Interpretationen. Der teils zu dominante Klang des Orchesters ist allerdings nicht den Künstlern, sondern dem im Gegensatz zur üblichen Landestheaterbühne sehr kleinen Raum geschuldet. Abgesehen davon gelang es Kelly, durchaus auch liedhafte Momente mit dem Mozarteumorchester zu kreieren und die jungen Solisten verlässlich zu unterstützten.

Der innovative Versuch des Opernstudios ist auf der ganzen Linie ein Zeichen, dass Oper nicht nur mit riesigem Orchester zu bewältigen ist. Der zurückhaltende, kleinere Rahmen erwies sich als ideale Bühne für junge, aufstrebende Gesangsstudenten. Die Schubertstraße 200 jedenfalls macht Lust auf mehr frische Ideen im Musiktheater.