Seit 2016 leitet Daniele Gatti das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam. Im gleichen Jahr wurde er auch künstlerischer Berater des Mahler Chamber Orchestras. Dieses entstand 1995 unter der Ägide von Claudio Abbado aus Musikern, die aus Altersgründen aus dessen Gustav Mahler Youth Orchestra ausschieden. Auch 22 Jahre nach seiner Gründung präsentiert sich das Ensemble mittlerer Größe noch vorwiegend jugendlich. Zusammen mit Daniele Gatti wurde es vom Migros-Kulturprozent des Migros-Genossenschaftsbundes zu einer dreitägigen Tournee durch die Schweiz geladen, mit einem populären, klassisch-romantischen Programm aus Werken von Beethoven und Schumann.

Daniele Gatti © Pablo Faccinetto
Daniele Gatti
© Pablo Faccinetto

Sinnigerweise begann der Konzertabend mit der Ouvertüre zu Schumanns selten gespielter Oper Genoveva und damit offenbarten sich zugleich wesentliche Charakteristika des Orchesters, und noch mehr diejenigen des Dirigenten. Konventionelle Schlagtechnik ist nicht seine Sache; er nutzt zwar einen Taktstock, doch dirigiert er frei – und durchweg auswendig – Melodien und Bögen modellierend, Schlüsselstimmen hervorhebend oder gegebenenfalls dämpfend, dabei den Rhythmus allenfalls andeutend. Interessanterweise verließ er sich dabei nicht auf die Vermittlung oder die Mithilfe seitens der Musiker an den ersten Pulten, sondern er schien mit dem Ensemble in seiner Gesamtheit direkt oder über unsichtbare Fäden zu kommunizieren. In der Tat schienen sämtliche Orchestermitglieder mit außerordentlichem Engagement bei der Sache zu sein. Schon in der langsamen Einleitung gefiel die sorgfältige Gestaltung, das homogene und dennoch transparente Klangbild, klare Artikulation und Phrasierung. Gattis Erfahrung im Dirigieren von Opern äußerte sich im dosierten Spannungsaufbau, speziell im raschen Teil in gebändigter, nie ausufernder Dramatik: drängend und plastisch, virtuos, dabei aber nie nach oberflächlicher Hochglanz-Virtuosität strebend, vielmehr dramatisch in einem Zug von Beginn bis zum Schluss.

Gattis Sinn für kontrollierte Theatralik kam auch im Eröffnungssatz von Beethovens Vierter Symphonie, speziell in deren langsamer Einleitung, voll zum Tragen. Gatti ließ dem natürlichen Musizieren, der Spielfreude des Ensembles freien Lauf, vermied übertriebene Schärfe und hörte dabei genau zu. Er überging keines der aufblühenden Soli in den ausgezeichneten Bläserstimmen, ohne dabei Details übermäßig herauszustellen. Die Tempi fühlten sich durchweg natürlich an, flüssig, nie schwerfällig. Das Adagio begann vielleicht eine Spur zu flüssig. Bruno Walter hat es einmal als einen der anspruchsvollsten Sätze der gesamten symphonischen Literatur bezeichnet. Die Hauptschwierigkeit liegt darin, über den gesamten Satz die Ruhe zu bewahren und gleichzeitig den punktierten Rhythmus nie zu vernachlässigen. Letzterer war – zumindest nach den einleitenden Takten – durchweg akkurat und wurde kaum je im Ansatz zu Triolen verschliffen. Jedoch zeigte sich in Folge, nachdem die Bläser das punktierte Motiv übernommen hatten, eine Tendenz, zu beschleunigen, was leider eine gewisse Unruhe in die Serenität des Satzes brachte. Das Scherzo war danach wieder ganz natürlich in Tempo und Ausdruck und die beiden Trio-Teile waren ein kammermusikalisches Bläser-Idyll.

Mahler Chamber Orchestra © Molina Visuals
Mahler Chamber Orchestra
© Molina Visuals

Etwas Dramatik entstand gegen Ende hin, doch hielt Gatti den überraschenden Schluss kurz und konzis. Das Allegro ma non troppo dient oft als virtuoses Orchesterschaustück. Nicht so unter Gatti, welcher das lustvolle Musizieren des Instrumentalisten nicht einschränkte, bis hin zu den fulminanten Schlusstakten. Dabei war die Aufführung durchaus virtuos, die Koordination, die Ablösung der Motive zwischen den Stimmen ausgezeichnet, ebenso die Bläsersoli. Das Ensemble agierte bei aller Spielfreude durchweg mit Engagement und Konzentration und sowohl der Fagottist als auch die Klarinetten hatten den Spezialapplaus sehr wohl verdient.

In der „Rheinischen“ von Robert Schumann vermied Gatti bei aller Hingabe rhythmische Übertreibungen, Schärfen in der Artikulation, übermäßige Emphase sowie ein Zuviel an Rubato. Sein Fokus lag auf Phrasen, den großen Bögen und Ausdruck. Ganz allgemein empfand ich seine Interpretation eher als klassisch denn romantisch – und sicher nicht schwelgerisch. Im schwungvoll beginnendem Scherzo, aber auch in den danach anspruchsvollen Staccato-Segmenten überbordete die Musik nie, blieb eher schwingend-fließend als rheinisch-schwer. Der Mittelsatz schwankt zwischen Melancholie und einer Art zögerlichem Schreittanz. In Gattis Interpretation wirkte er nicht schlüssig, blieb stimmungsmäßig eigenartig in der Schwebe. Der „feierliche“ Folgesatz klang in seiner Horn- und Posaunenpolyphonie beinahe religiös, erinnerte an Mendelsohns Reformationssymphonie. Gatti ließ den Schlusssatz unmittelbar anschließen, fein, sorgfältig, oftmals beinahe kammermusikalisch musiziert, und flüssig, mit spärlichem Rubato. Er war wiederum eher klassisch-klar – beinahe nüchtern-abrupt der Schluss – als je überschwänglich-romantisch gespielt. Letzteres hat hier etwas gefehlt.

Die  Migros-Kulturprozent-Classics  haben es sich zum Ziel gesetzt, ein neues Publikum anzusprechen, und auch wenn die Sitze im KKL nicht ausverkauft waren, so kann man diesen Anlass doch als erfolgreiche Kulturförderung bezeichnen.