Ferragosto nennt man in Italien den Festtag Mariä Himmelfahrt am 15. August. Er gilt als wichtiger familiärer Feiertag, ist oft der heißeste Tag des Sommers, ein Wendepunkt zu kühleren Temperaturen. Ferragosto ist auch Halbzeit für die Salzburger Festspiele und geliebte Tradition, Riccardo Muti als Gast bei seinen musikalischen Freunden zu begrüßen und ein Festspielkonzert mit den Wiener Philharmonikern vorzubereiten. Neujahrskonzerte, Opernbühne, symphonische Literatur: sie sind vertraut miteinander, eingespielt im tiefen Wissen der gemeinsamen Resonanz romantischer Empfindung. Heuer war Schuberts große Es-Dur-Messe der opulente Hauptgang dieser lukullischen Festspiel-Programmfolge.

Riccardo Muti © Salzburger Festspiele | MarcoBorrelli
Riccardo Muti
© Salzburger Festspiele | MarcoBorrelli

Den Auftakt machte Schumanns Zweite Symphonie, die er 1845 nach seiner schweren Depression geschrieben hatte. War es Schuberts Große C-Dur-Symphonie oder gar Mozarts Jupiter-Symphonie, die Schumann selbst zur Komposition eines vergleichbaren Werks anregte? Den Vorwurf einer gewissen „Sprödigkeit“ oder uneinheitlicher Instrumentierung konnten Muti und die Wiener Philharmoniker schnell entkräften: herrlich, wie im Sostenuto weich und natürlich Trompeten und Posaunen das Quintmotiv in den ersten Takten aufblühen ließen, wie organisch sich die Streicher in der Umspielung der Quinten einmischten, sich auf einen Dialog mit den Hörnern und Holzbläsern einließen! Mit elektrisierender Spannung, feinnervig pointiert bereiteten die exzellenten Bläser das Aufatmen beim Einsatz des Hauptthemas im Allegro vor, mit eher sparsamer Gestik, Fingerzeigen, ironisierendem Schulterkick von Riccardo Muti fast unmerklich angeleitet, dann mit dem Impetus eines ausholenden Armschwungs oder fordernden Kopfimpulses kraftvoll angetrieben. Geschwinde, fast übereifrig waren die Streicher im Scherzo, das im ersten Trio im anmutigen Holzbläser-Getrippel und breiter Geigenantwort überaus spritzig gelang; das nach kurzem Intermezzo folgende zweite Trio strahlte erneut wie eine duftige Serenade.

Erscheint manche Wurzel von Schumanns Zweiter auch umstritten, das Motiv aus Bachs Musikalischem Opfer am Beginn des Adagio espressivo ist eine innig-träumerische Keimzelle des langsamen Satzes. Unendlich zart, fast flüsternd spielten die Wiener die in weiche Harmonien gebettete Melodie, ließen im Oboensolo ein inbrünstig-entrücktes Nachtstück entstehen, beim Hörnerruf an Mondschein und Waldlichtung denken, die fugierten Einsätze des folgenden Streicherthemas zur Reverenz an den Leipziger Thomaskantor werden. Abrupt unterbrach das marschähnliche Hauptthema des kraftvoll einsetzenden Allegro-Finales den Nachhall des Adagios, ließ das Blech Siegesgewissheit im sich steigernden C-Dur-Jubel aufkommen, erschien Beethovens Adelaide wie ein träumerischer Einwurf in den Holzbläsern. Die Pracht der zuversichtlichen Stretta entlud sich schließlich in einem kraftvoll auftrumpfenden Paukensolo.

Krassimira Stoyanova, Michael Spyres und Maciej Kwaśnikowski © Salzburger Festspiele | Marco Borrelli
Krassimira Stoyanova, Michael Spyres und Maciej Kwaśnikowski
© Salzburger Festspiele | Marco Borrelli

Achtzig Vokalisten der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (Einstudierung: Ernst Raffelsberger) füllten die Bühne des großen Festspielhauses in beeindruckender Weise, zusammen mit den Philharmonikern zu Schuberts Messe Es-Dur. Im letztem Lebensjahr 1828 entstanden ist sie eine groß angelegte Chormesse, frei in ihrer nicht konfessionell gebundenen Frömmigkeit, kontemplativ flehend wie zuversichtlich schwungvoll. Wie schon die frühere As-Dur-Messe besticht sie in der Perfektion ihrer kontrapunktischen Polyphonie, zeigt zudem den Einfluss von Beethoven (dessen Grablegung Schubert ein Jahr zuvor als Fackelträger miterlebt und mitempfunden hatte).

Schon im Beginn des Kyrie eleison konnten die Philharmoniker ausspielen, wie ein herrlicher Bläsersatz (ohne Flöten, mit oft deutlichem Fagott- und Posauneneinwürfen) durch die gesamte Messe immer wieder charakteristisch die Klangfarbe bestimmt, zum Antipoden streicherseligen Orchesterprunks wird. Riccardo Muti begann im zügigen Tempo, ließ die Bläser aufblühen, den Chor fast unmerklich die Harmonie weich übernehmen, die Streicher rhythmisch federnd zum Christe eleison führen. Das großangelegte Gloria eröffneten die Chorsänger unisono markant, brachten einprägsam die Gefühle zwischen Lebensfreude und Todesahnung zum Ausdruck. Domine Deus wurde durch bedrohliche Posaunenrufe verdunkelt, Miserere nobis sehnsüchtig weich von den Geigen umspielt. Was Schubert bei Händel gelernt hatte, brachten die Musiker vollendet in der abschließenden großformatigen Chorfuge zum Ausdruck, bei der die Konzertvereinigung mit der ganzen Palette virtuoser Dynamikschattierungen auftrumpfen konnte: Cum sancto spiritu wurde zum Zeichen von Schuberts spezifischem Glaubenszugang, ohne Zweifel, festlich-frei und strahlend.

Solisten, Wiener Philharmoniker und Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor © Salzburger Festspiele | Marco Borrelli
Solisten, Wiener Philharmoniker und Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
© Salzburger Festspiele | Marco Borrelli

Erdenschöpfer, Menschwerdung, Kreuzigung und Auferstehung im Credo: Stoff genug für ein religiöses dramatisches Theater. Nun endlich nimmt Schubert Solisten hinzu, gibt einem ungewöhnlichen Terzett aus zwei Tenören und Sopranen das Incarnatus, als ob es eine Stimme nicht überzeugend genug ausdrücken könnte. Michael Spyres und Maciej Kwaśnikowski besangen das Wunder mit wundervoll klarer lichter Stimmgebung, zu der sich engelsgleich Krassimira Stoyanovas Sopran in der Höhe perfekt verband. Im beeindruckenden Wechsel drückten Chor und Soloquartett (einfühlsam hinzutretend Alisa Kolosova und Gianluca Buratto) im Cruzifixus und Sepultus die Empfindungen zwischen schmerzvoller Höllenpein und traumschöner Innerlichkeit aus, bevor Resurrectio und Vita venturi saeculi fugenmächtig die Zukunftshoffnung ausmalten.

Im klanglich ungewöhnlichen Agnus Dei stößt Schubert gar ein Fenster in die Harmonik der Spätromantik auf, lässt Vorahnungen Brucknerscher Kontrapunktik aufkommen. Hier wurde die Friedensbitte gläubige Gewissheit, schwankte auch zu tragischem Zweifel, als ob der Friede gefährdet sei. Am Schluss vereinten sich die philharmonischen Musiker unter Maestro Muti in der Zuversicht eines Forte, das von einem Schuss südlicher Sonne geprägt und mit leichter Rossini-Note gewürzt war. Dass Frieden erreichbar erschien, ließ viele Zuhörer im vollbesetzten Festspielhaus nachdenklich ergriffen zurück.

****1