Am 16. Dezember wurde der russische Komponist Rodion Shchedrin 85 Jahre alt. Ihm zu Ehren fand im Tschaikowsky-Konzertsaal der Philharmonie seiner Geburtsstadt Moskau ein Jubiläumskonzert statt, bei dem Orchester und Chor des Mariinsky-Theaters, von Valery Gergiev geleitet, unter anderem Shchedrins wohl berühmtestes Werk, die Carmen-Ballettsuite, aufführten. Nur drei Tage später weilte Shchedrin wieder in seiner Wahlheimat München, und dort präsentierte Gergiev mit seinen Münchner Philharmonikern und dem Philharmonischen Chor im Gasteig ein gänzlich anderes Programm für den umjubelten Ehrengast: seine Konzert-Oper The Enchanted Wanderer, die wegen der umfangreichen Zahl der Mitwirkenden und komplexen Handlung nur selten gespielt wird.

Valery Gergiev © Bernhard Buerklin
Valery Gergiev
© Bernhard Buerklin

Das Werk hatte Lorin Maazel zu seinem Antritt als Chef der New Yorker Philharmoniker in Auftrag gegeben und dabei an „etwas Russisches, mit alten Gesängen und Glockengeläut,… mit Polowetzern und Zigeunern“ gedacht. Shchedrin fand einen passenden Stoff in Nikolai Leskows 1873 entstandener Novelle Der verzauberte Pilger. Die Uraufführung fand 2002 in New York unter Maazels Leitung statt, der später auch Chef der Münchner Philharmoniker werden sollte und dieses Werk bereits 2014 in München vorbereiten wollte. Nun wurde es exakt fünfzehn Jahre nach der Uraufführung und wieder zu einem runden Geburtstag des Komponisten erstmals in München vorgestellt.

Shchedrin, von Dmitri Shostakovich hoch geschätzt und gefördert, hatte in seiner Karriere religiös-orthodoxe Musik, national-sowjetische Einflüsse und kosmopolitische Kompositionen aus der Zeit der Perestroika kennengelernt und selbst in seinen Werken verarbeitet. Trotzdem nannte er sich selbst einen „Post-Avantgardisten“. Diese Lösung von äußeren Einflüssen und Stilen zeigt sich in seinem zu Beginn des 21. Jahrhunderts entstandenen Werk, zu dem er auch das Libretto in russischer Sprache selbst verfasste. Es ist die Lebensbeichte von Iwan, eines weit Umhergekommenen, der nun als Novize in ein Kloster eintritt und sein unstetes Leben beschreibt: einen Mönch umgebracht, tartarischer Gefangenschaft entkommen, im Dienst eines Fürsten dessen Mittel verspielt, im Suff einem Hypnotiseur auf den Leim gegangen, seine Liebschaft verloren.

Shchedrin gibt Iwan im Bass-Solo eine eigenständige Rolle; lässt den Solo-Tenor in alle Figuren schlüpfen, die ihm begegnen, und porträtiert die geliebte Zigeunerin in einer umfangreichen Mezzosopran-Partie, die sich Maazel mit „tiefer weiblicher Bruststimme“ vorgestellt hatte. Der dramatische Stoff legt den Gedanken einer Bühnenaufführung nahe; so führte das Mariinsky-Theater unter der Leitung von Gergiev 2015 The Enchanted Wanderer in der Brooklyn-Academy in New York auf.

In München wurde das Werk in seiner originalen Form als dramatische musikalische Erzählung gespielt. Die über 120 Sängerinnen und Sänger des Philharmonischen Chors (Einstudierung: Andreas Hermann) waren hochmotiviert, gleichermaßen als murmelnd betende Gläubige in der Kirche sowie von außen kommentierender Chor einer griechischen Tragödie. Mit erfreulich vielen und guten Männerstimmen reich gesegnet begannen sie die Erzählung, fast nur hauchend, langsam anschwellend, mit Glockenklängen und wenigen Streichern zart ausgemalt. Sie zeigten aber auch ihr Vermögen, die wilde tartarische Volksmasse abzubilden, bewundernswert im russischen Idiom die angestachelte Wut und Tötungsabsicht in vielfarbigen musikalischen Bildern schonungslos herauszuschleudern.

Vom Feinsten ausgesucht waren die Solisten, alle mit langer Mariinsky-Theater-Erfahrung, und dies zunehmend deutlicher, als sie – geradezu halbszenisch – in ihren Parts aufeinander eingingen, körperlichen Kontakt darstellten, zusammen der Handlung ein Bild gaben. Sergei Aleksashkin zeigte in der Rolle des Iwan den Mörder ebenso überzeugend wie den von Liebe verzauberten Helden oder reuigen Sünder. Gejagter oder Jäger, Betrüger oder Betrogener: intensiv und mit immer variablem Stimmvolumen wurde er zur tragischen Titelfigur, die am Ende mit leeren Händen dasteht. Mönch und Teufel, Fürst und Verführer: Andrei Popov, schon auf der Bühne in New York dabei, lotete alle Charakterzüge dieser Tenorrolle mit heller dramatischer Stimme glasklar und und packend aus. Gerade bei ihm war der Wille zur Bühnenpräsenz heiterer oder diabolischer Figuren überdeutlich zu erleben. Für die Tragik der Zigeunerin Gruscha war Ekaterina Sergeeva eine optimale Wahl: sie konnte die leidenschaftliche Braut mit ihrem zart eingesetzten hohen Stimmregister ebenso bravourös spielen wie die enttäuschte Geliebte in gedeckten voluminös-tiefen Tönen. Gerade im Zwiegesang mit Iwan, der die in ihrem Stolz verletzte Gruscha ins Wasser stoßen soll, blieb ihre Porzellan-zarte Sopranlage im Wechsel von nachdenklichen und euphorischen Stimmungen eindrucksvoll im Gedächtnis, ließ an die Geschichte einer russischen Carmen-Figur denken.

Die Münchner Philharmoniker, mit umfangreichem Schlagwerk und traditionellen Instrumenten wie Balalaika und singender Säge, umfassten die Handlung unter erfahrener und intensiver Leitung von Valery Gergiev mit einem differenzierten Klang, der von transparent-schlanker, geradezu kammermusikalischer Attitüde zu gewaltigen Spannungssteigerungen ins fast schmerzhafte Fortissimo fähig war. Hart dissonante Orchesterschläge wechselten mit choralartig rezitierendem und märchenhaft sphärischem Klang ab. So machte auch Gruschas Tod als zart musiziertes Ende von Iwans Erzählung nicht Angst, sondern verhieß Vergebung und Erlösung eines gescheiterten Lebens.

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