Am Tag der Präsidentschaftswahl in Frankreich spielt das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter der Leitung von Michael Sanderling ein Konzert der heimlichen Hymnen. Die Musik zeigt wenig Pathos und gibt uns trotzdem zu denken.

Michael Sanderling © Marco Borgreeve
Michael Sanderling
© Marco Borgreeve

Kalt und regnerisch begann jener bedeutungsschwere und für Frankreich und Europa richtungsweisende Tag. Es mag ein Zufall gewesen sein, dass ausgerechnet an diesem Sonntag in der Alten Oper Frankfurt ein Konzert heimlicher Hymnen zu hören war. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester eröffnete sein 9. Sinfoniekonzert der Saison 2016/17 mit SJean SibeliusFinlandia. Mit dem Sinfonischen Gedicht für Orchester drückte Sibelius 1899 Finnlands Wunsch nach nationaler Unabhängigkeit aus. Das Land litt zu dieser Zeit als Großfürstentum unter der Zensur der russischen Zentralregierung in St. Petersburg. Die selbstbewusste Tondichtung Finlandia wurde trotz Verbots durch die russische Verwaltung bald zur heimlichen Nationalhymne, deren Erfolg alle Landesgrenzen überwand. Freilich ist die Gefahr des Pathos bei einem derart geschichtsträchtigen Stück groß. Vielleicht war das der Grund dafür, dass Dirigent Michael Sanderling das Blech bereits in der atmosphärische Einleitung regelrecht hinter sich herzog und von hier aus energisch vorausdirigierte. Dabei hätte man den Klang an so vielen Stellen noch auskosten mögen!

Viktoria Mullova © Alessandro Marcofulli
Viktoria Mullova
© Alessandro Marcofulli
Ein wenig übereilt geriet auch der erste Satz von Sibelius‘ Violinkonzert in d-Moll. Zwar präsentiert sich die Geigerin Viktoria Mullova, die mit 21 Jahren bereits den Sibelius-Wettbewerb in Helsinki gewann, als souveräne Dompteurin des virtuosen Werks, das Zusammenspiel zwischen Dirigent und Solistin lief jedoch besonders im ersten und dritten Satz hörbar holprig an. Sowohl Mullova als auch Sanderling sind dabei eingesessene Profis genug, um trotzdem eine eindrucksvolle Aufführung von einem der meistgespieltesten Violinkonzerte des 20. Jahrhundert abzuliefern. Mullova weiß den Hörer klar und fokussiert durch die Komposition zu leiten. Fein abgestuft ist die dynamische Gestaltung, nuancenreich ihr Geigenton. Die Geigerin präsentierte ihr Können, ihren Intellekt und Strukturwillen ohne übertriebene Melodramatik. Das Orchester konnte ihr dabei nur bedingt das Wasser reichen. An einigen Stellen vermochte Sanderling die Phrasen der Geigerin nur lieblos zu übernehmen. Im Zusammenspiel riss der Spannungsbogen zu oft ab und auch ein wenig mehr Spielfreude und Spontaneität hätten dieser nüchternen Interpretation gutgetan.

Den Abschluss des sonntäglichen Konzerts bildete Beethovens Symphonie Nr. 5, das wahrscheinlich bekannteste Musikstück überhaupt und ein Inbegriff der westlichen Musikkultur. Heute noch eine innovative Interpretation dieses Klassikers vorzulegen, ist keine leichte Aufgabe. Sanderling versuchte sich gar nicht erst daran. Zwar zeigte sein behänder, pathosfreier Zugriff hier endlich erholsame Wirkung, trotzdem blieb dort eine Leerstelle, wo in so vielen Interpretationen der klangliche Bombast vordergründig und emotional überwältigt. Im schlanken Klang vermisste man analytische Kontur. So konnten die Bläser über weite Strecken mit Homogenität überzeugen, dem Dirigenten jedoch gingen einige größere Bögen abhanden. Natürlich blieb Beethovens Fünfte ein Stück, bei dem man beim Zuhören nur schwer keinen Spaß haben kann. Etwas wirklich Neues erfuhren wir in dieser Frankfurter Interpretation aber nicht darüber.

So bleibt von dieser soliden Repertoireleistung am sonntäglichen Wahlvormittag auch ein Seitenblick auf die Politik. In der Musik wird am Ende alles gut: Die optimistischen, heroisch-emanzipatorischen Geistesgaben der Aufklärung feiern in der Sinfonie einen späten Triumph. Das Publikum ging aus der Alten Oper ins graue Regenwetter und spazierte – beflügelt von der Wirkung des C-Dur-Finales – über den Goetheplatz.

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